Oscars 2020

Die „Besten“ im Überblick

/ / Bild: © Toby Canham, Academy of Motion Picture Arts & Sciences

Unser handlicher Spickzettel für alle, die sich mit den diesjährigen Nominierten nicht auskennen, aber trotzdem mitreden möchten.

Es ist die mit Abstand wichtigste Kategorie bei den Academy Awards, verbunden mit viel Prestige und Glamour: der „beste Film“. Auch dieses Jahr gehen wieder neun Kandidaten ins Rennen, und auch dieses Jahr hat sich unsere Kulturredaktion geopfert und fleißig Filme geschaut, damit ihr die Hard Facts kennt, ohne eine Woche im Kino verbringen zu müssen. Hier also alles Wissenswerte zur durchwachsenen Auswahl der besten Filme 2020. Noch mehr Expertenwissen gibt’s nur in der M94.5 Oscar-Nacht, vom 09. auf den 10. Februar ab 23 Uhr, denn wir bleiben für euch wach und begleiten die Verleihung live – kritische Berichterstattung inklusive.

Ford v Ferrari (dt. Le Mans 66)

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Trailer zu Ford v Ferrari, mit Matt Damon und Christian Bale in den Hauptrollen.

Der Film von Regisseur James Mangold (The Wolverine, Logan) bietet weitaus mehr als den titelgebenden Konflikt. Viel mehr steht die Freundschaft zwischen Ken Miles und Carroll Shelby im Vordergrund. Christian Bale und Matt Damon verkörpern in den beiden Hauptrollen die dynamische Freundschaft des hitzköpfigen Rennfahrers Miles und willensstarken Sportwagenkonstrukteurs Shelby nicht nur authentisch, sondern mit besonders viel Witz, Charme und Gefühl.

Neben der schauspielerischen Leistung glänzt Ford v Ferrari vor allem durch seine technische Brillanz. So erhielt der Film drei seiner vier Nominierungen in technischen Kategorien – nämlich bester Schnitt, bester Ton und bester Tonschnitt. Mangold fängt die Dynamik der Welt des Motorsports perfekt ein. Auch der Klang der Rennstrecke und der Motoren sorgt für Gänsehaut und vermittelt das Gefühl, wirklich bei einem Rennen dabei zu sein.

Trotzdem stehen die Chancen im Rennen um den besten Film eher schlecht. In den technischen Kategorien wird Ford v Ferrari aber zumindest Außenseiterchancen haben. ap

Ford v Ferrari ist insgesamt vierfach Oscar-nominiert. Unsere ausführliche Kritik lest ihr hier. Außerdem könnt ihr hier unseren Podcast zum Film hören.

The Irishman

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Trailer zu Scorseses Ode an sein eigenes Lebenswerk, The Irishman.

The Irishman ist ein Mammutprojekt. Schon seit 2008 schwebt der Plan eines weiteren großen Epos im Stile von Goodfellas oder Casino in Martin Scorseses Kopf herum. Erst Streaming-Riese Netflix wollte den Film finanzieren – mit 105 Mio. Dollar. Dafür bekam der Streamingdienst direkt einen riesigen Publicity-Hit und Oscar-Nominierungen in zehn Kategorien.

Nicht nur mit Netflix, auch beim Cast ist Scorsese ein Riesen-Coup gelungen. Robert de Niro spielt in der Hauptrolle, in den Nebenrollen sind Al Pacino und Joe Pesci zu sehen. Dieses Dreiergespann ließ Fanherzen höher schlagen und wird in dieser Form aller Voraussicht nach das letzte Mal auf der Leinwand zu sehen sein.

Der Film erzählt im Rückblick das Leben von de Niros Charakter Frank „The Irishman“ Sheeran. Dieser arbeitet sich nach und nach in den Kreisen der italienischen Mafia hoch. Letztendlich erhält Frank die Aufgabe, als Leibwächter für den einflussreichen Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa zu arbeiten. Vor allem die Freundschaft, die sich nach und nach zwischen Frank und Jimmy Hoffa entwickelt, ist das eigentliche Herzstück des Films. The Irishman nimmt sich beim Erzählen dieser Geschichte dann auch alle Zeit. Dreieinhalb Stunden lang wird das ganze Leben Franks aufbereitet – und das überaus ruhig und besonnen. So plätschert der Film zwar auch einmal lange Zeit vor sich hin, ohne dass viel passiert. Dafür wird die zentrale Männerfreundschaft aber umso nachvollziehbarer.

The Irishman ist der Film Scorseses, der die Mafia am wenigsten glorifiziert. Kein glorreiches Heldenepos, eher eine komplett desillusionierende Lebensgeschichte, bei der statt Ruhm nur Einsamkeit und Bitterkeit übrig bleiben. tf

The Irishman ist insgesamt zehnfach Oscar-nominiert.

Jojo Rabbit

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Trailer zu Taika Waititis Nazi-Deutschland-Satire Jojo Rabbit.

Der zehnjährige Jojo Betzler, der zum Ende des Naziregimes in Deutschland lebt, ist ein ganz normales Kind – bis auf sein gewagtes und irritierendes Vorbild: sein imaginärer Freund Adolf Hitler. Der soll Jojo dabei helfen, sich nicht mehr als ein Außenseiter zu fühlen.

Jojo Rabbit ist eine Tragikomödie – und wirklich witzig. Denn Regisseur Taika Waititi (What We Do In The Shadows, Thor: Ragnarok) bedient sich einer alt bekannten Form der politischen Kritik: der Satire. Jojos imaginärer Hitler, der von Waititi selbst gespielt wird, ist eine völlig überzeichnete Figur, die irrationale Entscheidungen trifft, dem Jungen nur Quatsch einredet, Einhörner zu Abend isst und bei Kritik aus dem Fenster springt. Sie ist die Kreation eines Zehnjährigen, der sich ohne Vater und nach dem Tod seiner Schwester alleine gelassen fühlt und irgendwie dazugehören will.

Trotz politischer Diskussionen beim Abendessen ist Jojos Mutter, die Oscar-nominierte Scarlett Johansson, die wichtigste Person in seinem Leben. Auch als sie das jüdische Mädchen Elsa im Haus versteckt. Obwohl Jojos Hitler gar nicht d’accord damit ist, freundet sich Jojo mit ihr an und zweifelt langsam an seinem imaginären Vorbild. Taika Waititi erzählt Jojo Rabbit aus dem Blick des Jungen mit viel Witz und Absurdität. Schnell wird klar, dass Jojo eigentlich gar nicht weiß, was er da tut. Und dass er in dieser vergifteten Umgebung mit dem Richtig oder Falsch völlig überfordert ist. nm

Jojo Rabbit ist insgesamt sechsfach Oscar-nominiert. Unsere ausführliche Kritik lest ihr hier. Außerdem könnt ihr hier unseren Podcast zum Film hören.

Joker

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Trailer zum Schurken-Solo-Film Joker, mit Joaquin Phoenix in der Titelrolle.

Nicholson. Ledger. Leto. Die Liste der Hollywood-Joker ist lang und ist mit Joaquin Phoenix im letzten Jahr sogar noch länger geworden. Phoenix schafft es, genau wie der Oscar-prämierte Heath Ledger vor 12 Jahren in The Dark Knight, der altbekannten Figur neues Leben einzuhauchen. Der neue Joker nennt sich Arthur Fleck und ist, auch durch seinen Tick, in Stresssituationen krankhaft zu lachen, ein absoluter Außenseiter.

Mit seiner Joker-Interpretation erreicht Regisseur Todd Phillips aber vor allem eins: Die Legitimierung von Gewalt als Lösung für jegliche Konflikte und dementsprechend ein relativ menschenfeindliches Bild für nahezu alle Figuren im Film. Und trotzdem: Abseits von der eigentlichen Story ist Joker berechtigter Oscar-Kandidat.

Der Film bricht mit vielen Gewohnheiten, an denen man sich bei Comicbuch-Verfilmungen mittlerweile satt gesehen hat. Statt eines Action-Films bietet Phillips eine Charakterstudie im Arthouse-Stil. Zudem überzeugt das Drama mit langsamen Kamerafahrten über die herrlich-marode Szenerie von Gotham City und einer an The Dark Knight erinnernden Filmmusik von Hildur Gudnadottir (ebenso Oscar-nominiert).

Das größte Ass im Ärmel des Regisseurs bleibt allerdings Joaquin Phoenix. Der Schauspieler hebt durch seine Leistung den Film auf ein höheres Niveau. Einzig seiner Darbietung ist es zu verdanken, dass die relativ schnelle Verwandlung vom Außenseiter zum Superschurken gelingt. ap

Joker ist insgesamt elffach Oscar-nominiert. Unsere ausführliche Kritik lest ihr hier, außerdem einen Vergleich zu Oscar-Rivale Parasite hier.

Little Women

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Trailer zu Greta Gerwigs Romanverfilmung Little Women.

Vier Schwestern wachsen in der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs auf. Jede von ihnen hat einen Traum für die eigene Zukunft, aber als Frauen haben sie es damit alles andere als einfach.

Greta Gerwig schafft es, die Geschichte jeder Schwester so nah und detailreich zu erzählen, dass es dem Zuschauer leicht fällt, sich in die Lage jeder Einzelnen hineinzuversetzen. Das macht den Film unglaublich emotional. Besonders für Protagonistin Jo läuft das Leben ganz anders als sie es sich vorgestellt hat. Ihr Traum ist es, Schriftstellerin zu werden. Die Art der Geschichten, die sie schreibt, entspricht aber nicht der gesellschaftlichen Vorstellung von dem, was Frauen schreiben sollen. Ebenso wenig, wie ihr unverheirateter Lebensplan den Erwartungen der Gesellschaft entspricht. Jo weiß genau, was sie will, und so sticht Saoirse Ronans taffe Performance selbst aus dem Pool talentierter und berühmter Darsteller*innen in Little Women heraus.

Little Women ist ein klassischer Wohlfühlfilm. Ein großer Teil des Films handelt von Zusammenhalt in der Familie und vor allem Geschwisterliebe. Obwohl nicht nur Schönes im Leben der Schwestern passiert und im Publikum sicher auch mal Tränen fließen, lässt einen das Ende mit einem guten Gefühl zurück. Auch wenn Greta Gerwig hierbei ein wenig Potential verschwendet zu haben scheint: Ihr Drehbuch hält sich eng an die Romanvorlage. Die ist nun mal schon vor über 150 Jahren erschienen und war für ihre Zeit sehr progressiv. Da darf der feministische Blick von 2020 also nicht zu viel verlangen. lb

Little Women ist insgesamt sechsfach Oscar-nominiert. Unsere ausführliche Kritik lest ihr hier. Außerdem könnt ihr hier unseren Podcast zum Film hören.

Marriage Story

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Trailer zu Noah Baumbachs Beziehungsdrama Marriage Story.

Das Zerbrechen einer Ehe – das kennt Regisseur Noah Baumbach aus seinem eigenen Leben. So merkt man Marriage Story die eigenen Erfahrungen des Regisseurs deutlich an. Die beiden dargestellten Eheleute wirken sehr real, beide Seiten des Konflikts können gut nachvollzogen werden. Das liegt vor allem auch an den hervorragenden Leistungen von Scarlett Johansson und Adam Driver. Der Höhepunkt von Marriage Story, eine dramatische Streitszene, dürfte wohl eine der bewegendsten Szenen des Filmjahres 2019 sein.

Marriage Story wirkt in seiner Darstellung zwischen Alltagskomik und herzzerreißender Tragik auffallend intim. Einen großen Anteil daran hat vor allem die ebenfalls nominierte Filmmusik von Randy Newman. Zudem setzt Marriage Story sehr oft auf visuelle Metaphern, wodurch auch die Arbeit von Kameramann Robbie Ryan im Vordergrund steht. Auch wenn der Film damit nicht immer ganz subtil ist, schafft Marriage Story immer ein Gefühl der Empathie für beide Hauptfiguren. ap

Marriage Story ist insgesamt sechsfach Oscar-nominiert. Unsere ausführliche Kritik lest ihr hier.

1917

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Trailer zum One-Shot-Kriegsdrama 1917.

1917 ist als One-Shot gedreht und nur wenige unsichtbare Cuts sind für den Zuschauer spürbar – ähnlich wie für die Hauptcharaktere Blake und Schofield. Aus ihrer Perspektive erleben wir den Höhepunkt des Ersten Weltkrieges im Frühling 1917 im Norden Frankreichs. Die britischen Soldaten scheinen in einen Hinterhalt der Deutschen zu geraten. Um ein Massaker zu vermeiden, müssen Blake und Schofield den Befehl zum Rückzug und damit Rettung der Truppen überbringen – und dafür die Reihen ihrer Feinde durchqueren.

Zwei Stunden Spannung pur fesseln den Zuschauer an die Kinositze, lassen kaum Zeit zum Durchschnaufen und sorgen für einen sehr emotionalen Kinobesuch. Denn es spielen nicht nur die Hauptdarsteller George MacKay und Dean-Charles Chapman extrem authentisch, sondern 1917 glänzt als beeindruckendes Gesamtpaket. Die scheinbar schnittfreie Kamerafahrt sorgt dafür, dass sich das Publikum mitten im Geschehen befindet, der von Thomas Newman komponierte Soundtrack untermalt jede Szene perfekt und die erzählte Handlung wird zwar eher einfach gehalten, überzeugt jedoch dank unerwarteten Wendungen und überraschenden Details. Ein wahrer Geniestreich von Regisseur Sam Mendes (American Beauty, Skyfall, Spectre). jr

1917 ist insgesamt zehnfach Oscar-nominiert. Unsere ausführliche Kritik lest ihr hier. Außerdem könnt ihr hier unseren Podcast zum Film hören.

Once Upon A Time In Hollywood

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Trailer zu Tarantinos Liebeserklärung ans alte Hollywood, Once Upon A Time In Hollywood.

Dass Quentin Tarantino Cineast ist, zeigt sich in jedem seiner Filme. Gerade der Popkultur seiner Jugend in den 70er Jahren zollt er durch zahlreiche Referenzen Tribut. Aber in keinem seiner Werke wird das so deutlich, wie in Once Upon A Time In Hollywood.

1969 versucht der ehemalige Serienstar Rick Dalton, seine Stellung in Hollywood zu halten. Ricks ständige Begleitung ist dabei Cliff, sein Stuntman. Leonardo DiCaprio und Brad Pitt spielen die coolen, leicht unbedarften Kumpel perfekt. Die beiden bewegen sich durch ein detailverliebt und nostalgisch gezeichnetes Hollywood. Ihre Wege kreuzen sich dabei mit dem Star Sharon Tate, Roman Polanskis Ehefrau, und der Manson Family, ihren Mördern. Und obwohl der Film als Film um die Manson-Morde 1969 angekündigt war, prägen vor allem Tarantinos Kindheits-Erinnerungen an die Zeit den Stil des Films. Statt wahrheitsgetreu abzubilden, was genau in 1969 geschehen ist, wollte er die Atmosphäre einfangen, an die er sich aus der Sicht eines Sechsjährigen heute erinnert, der „cool shit“, wie er selbst sagt.

Kein Wunder also, dass Tarantinos Film viel eher eine Liebeserklärung an das Hollywood der 60er Jahre ist, als ein hartes Crime-Drama. Eine Liebeserklärung allerdings, die voller Humor, Nostalgie, popkultureller Referenzen und fetischisierter Gewalt ist. Ein wahrer Tarantino eben. ag

Once Upon A Time In Hollywood ist insgesamt zehnfach Oscar-nominiert.

Parasite

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Trailer zur südkoreanischen Sozialsatire Parasite.

Parasite handelt von einer vom Glück verlassenen Familie, die ein parasitäres Interesse an einer wohlhabenden Familie findet. In der Bildgestaltung, die in ihrer Pracht des Wechsels aus schnellen und langsamen Bewegungen fast wie ein Ballett wirkt, wird das soziale Hierarchieverhältnis deutlich. So leben die „Parasiten“ tatsächlich unterhalb den finanziell Bessergestellten, die wiederum selbst nie nach unten Blicken. Das visuelle Erzählen über den Klassenunterschied in einer kapitalistischen Welt, welches metaphorische Ebenen übereinander legt, hebt dieses Thrillerdrama mit Comedy-Heist-Elementen auf eine besondere Ebene.

Regisseur und Drehbuchautor Bong Joon Ho (The Host, Snowpiercer) respektiert all seine Figuren und sorgt für ein fein kalibriertes Ensemble, welches in spielerischer Leichtigkeit die Waage zwischen Humor und Spannung hält (der Cast ging bei den Oscar-Nominierungen allerdings leer aus). Das Drehbuch greift dabei jedes narrative Element in variierter Form wieder auf und gestaltet so den wohl facettenreichsten Film des Jahres.

Bong Joon Ho ist einer der Stars dieser Award-Season, auch wegen seines Einsatzes für das internationale Kino. So beschrieb er im Zuge seiner Dankesrede bei den Golden Globes, wo Parasite bereits den Preis als Bester Fremdsprachiger Film einstreichen konnte: Sobald die wenige Zentimeter hohe Barriere der Untertitel überkommen wird, eröffne sich ein Kosmos unendlicher, fantastischer Filme. Sie alle verbinde die universelle Sprache des Kinos. js

Parasite ist insgesamt sechsfach Oscar-nominiert. Unsere ausführliche Kritik lest ihr hier.