M94.5 Filmkritik

Jojo Rabbit

/ / Bild: Twentieth Century Fox

Eigentlich heißt die Titelgebende Hauptfigur Johannes Betzler. Und Johannes „Jojo“ hat einen imaginären Freund. Aber nein, der ist kein menschengroßer Hase und er heißt auch nicht Harvey. Sondern Adolf Hitler. Der neuseeländische Regisseur Taika Waititi bringt mit Jojo Rabbit eine NS-Satire auf die Leinwand, die Deutschland unter dem Dritten Reich mit Kinderaugen betrachtet. Schrullig und schräg, wie es Waititis Stil ist, jedoch dieses Mal nicht so feinsinnig wie seine bisherigen Filme.

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Ein Herz für Hasen und die Hitlerjugend: Jojo Rabbit.

Die Geschichte um den 10-jährigen Jojo, der glühender Hitler-Fan und Jung-Nazi ist, hat sich Waititi nicht selbst ausgedacht. Sein Film basiert auf dem Roman „Caging Skies“ von Christine Leunens. Leunens Buch ist eine düstere Erzählung mit klarem politischen Statement. Diesen Charakter hat die Romanverfilmung abgestreift und gegen den einer gutgelaunten Komödie eingetauscht. Das macht schon der Soundtrack im Vorspann klar: Original-Szenen aus dem dritten Reich werden unterlegt mit dem deutschsprachigen Beatles-Song „Komm, gib mir deine Hand/I want to hold your hand“, im Abspann läuft David Bowies „Helden/Heroes“.

Ähnlich fröhlich geht es im paramilitärischen Jugendcamp der HJ zu: Begeisterte Jungs, die sich aufs Granatenwerfen und Juden-Kunde freuen sowie „Heil Hitler“ ähnlich lautstark skandieren wie einst die Wilden Kerle ihr „Seid wild, gefährlich und wild!“. Diese Szenen, die dem Zuschauer oft ein eher unfreiwilliges, gequältes Lachen entlocken, machen klar, wie weit die Jugendlichen von der Realität des Krieges entfernt sind. So weit, dass die HJ für sie nicht mehr ist als die coole Jungs-Clique, zu der alle dazu gehören wollen.

Die Entdeckung des Roman Griffin Davis

Dass einer, der es nicht schafft dazu zugehören, weil er dafür ein zu weiches Herz hat, dann nur umso fanatischer wird, scheint logisch. Dieses verzweifelte Dazugehörenwollen, das Vereinenwollen der eigenen Lebenswirklichkeit mit der NS-Ideologie verkörpert Roman Griffin Davis in der Figur des Jojo Rabbit perfekt. Der 12-Jährige spielt seine Rolle gleichzeitig mit kindlicher Naivität und erwachsener Ernsthaftigkeit.

Der absolute Newcomer ist der Grund, warum man sich diesen Film trotz nicht ganz so großer Feinsinnigkeit gerne ansieht. Dieses Spiel hat ihm sogar eine Nominierung für einen Golden Globe eingebracht, auch wenn es für eine Auszeichnung am Ende nicht gereicht hat. Kongenial spielen Scarlett Johansson als Jojos Mutter, Thomasin McKenzie als das jüdische Mädchen Elsa und Sam Rockwell als schrulliger Hauptmann Klenzendorf – auch wenn diese Davis nicht das Wasser reichen können.

Gutes Darsteller*innen-Team: Der Cast von Jojo Rabbit. (Bild: Twentieth Century Fox)

Taika Waititi, der nicht nur Regisseur und Drehbuchautor des Films ist, sondern auch einer seiner wichtigsten Darsteller, spielt die Rolle Hitlers – und das fällt etwas schwer angesichts dieser Figur – mit väterlicher Empathie und großäugiger Liebenswürdigkeit gegenüber seinem kleinen Freund. Je skeptischer Jojo gegenüber seiner Doktrin jedoch wird und ihm sich zu entziehen beginnt, desto klamaukiger wird gleichzeitig seine Darstellung.

Am Ende wirkt die Darstellung des Adolf Hitler mehr wie ein weggeworfenes Spielzeug, das dem langsam erwachsen werdenden Jojo peinlich geworden ist. Das ist ein wenig schade. Zu einer politischen Auseinandersetzung mit der Hitler-Doktrine kommt es so nämlich nicht, Waititi zieht sie nur ins Lächerliche. Das an sich wäre natürlich auch eine Form von Kritik, jedoch geht diese in Jojo Rabbit nicht in die Tiefe. Wichtiger scheint dem Regisseur eine Anti-Hass-Botschaft zu sein.

Make Love, Not War!

Gute Darstellung, wenig Kritik – trotz seiner Thematik ist Jojo Rabbit kein wirklich politischer Film, eher eine Coming-of-Age-Story. Regisseur Waitit nutzt das NS-Setting, um seinen Titelhelden lernen zu lassen, Dinge zu hinterfragen und Menschen unabhängig von ihrer Herkunft zu lieben. Als zu Ende des Films die Allierten einrollen, werden einige der Figuren zu liebenswerten Helden – hier schreit die Handlung geradezu „Make Love, Not War“.

Verpackt ist „Jojo Rabbit“ in ein beinah pitoreskes Retro-Szenenbild, dessen Farben an Wes Anderson erinnern, und ein Drehbuch voller Ironie, das leider aber nur wenig wirklich nachdenkliche Szenen parat hält. Letztlich ist „Jojo Rabbit“ darum ein überraschend gefälliger Film mit einigen guten, zynischen Gags und sehr gutem Darsteller-Team, der es sich angesichts seiner Thematik aber etwas zu einfach macht.

Jojo Rabbit läuft ab dem 23. Januar in den deutschen Kinos. Ob der Film bei den 92. Oscars abräumen wird, hört ihr am 9. Februar ab 23 Uhr bei der großen M94.5-Oscarnacht.