M94.5 Filmkritik

1917

/ / Bild: Universal Pictures International

Zwei britische Soldaten erhalten den Auftrag, zu Fuß ein Regiment von 1600 Soldaten zu erreichen, um diese vor einem fatalen Hinterhalt zu warnen. Die Mission steht unter Zeitdruck, zum Abbruch der Offensive bleibt noch bis zum Morgengrauen. Regisseur Sam Mendes schafft in 1917 ein Gefühl von Echtzeit, das den Zuschauer wie ein Sog in den ersten Weltkrieg zieht.

Der Hindernislauf von 1917 basiert auf einer Geschichte, die Opa Alfred Mendes dem Filmemacher noch zur Kindeszeit erzählt hatte. Dass sich das Drehbuch in seiner Dramaturgie filmische Freiheiten nimmt, steht allerdings außer Frage. Denn das Gefühl von Echtzeit vermittelt die Kamera der Kinolegende Roger Deakins (nach 13 Nominierungen erhielt er für Blade Runner 2049 letztes Jahr seinen ersten Oscar) über lange ungeschnittene Einstellungen, die am Ende so zusammengefügt wurden, dass der Eindruck eines Films fast ohne Unterbrechungen entsteht. Für diese Stilistik ist nicht nur eine akkurate Bewegungsplanung der Kamera, sondern auch das perfekte Timing von Dialog und Action im Drehbuch notwendig. Doch dass mit einem solchen Konzept etwa Limitierungen der Figurentiefe einhergehen, das vergisst der Zuschauer bereits nach wenigen Minuten.

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Der epische Trailer zum Kriegsfilm 1917.

Mitten im Schützengraben

Denn der Betrachter steht effektiv in der Mitte der Schützengraben-Perspektive und fühlt sich gezwungen, dort zu bleiben. Dies lässt eine ungeheure Spannung aufkommen und dementsprechend mitfiebern. Als dritter Soldat im Bunde mit jedem weiteren Schritt in den Matsch des Niemandslandes eintauchen: Ganze Dörfer stehen unheimlich leer, die aufgeblähten Körper toter Soldaten schlagen wie Stämme gegen das Flussufer. Mendes entwirft einen Rhythmus zu seinem Verfahren, er möchte der rein technischen Leistung eine poetische Sensibilität verleihen. Dafür bietet er den Charakteren als auch dem Zuschauer immer wieder Atempausen, bevor er die Hölle lostritt und die Emotionen beansprucht.

Wenn die Kamera bei einer Verfolgungsjagd durch die Straßen einer zerbombten Ortschaft hastet und bei all der Rastlosigkeit nur noch von Silhouetten vor feurigen Hintergründen berichten kann, dann wähnt sich der nächtliche Abschnitt in Écoust in einem schaurig schönen Fiebertraum. Auf auditiver Ebene entfaltet sich eine ausgeklügelte Kulisse an bedrohlichen Geräuschen, von Thomas Newmans Filmmusik ganz zu schweigen. Das nervöse Ticken des Soundtracks erinnert an eine Zeitbombe und schafft eine Atmosphäre, die passender kaum sein könnte. Als weiterer großer Eckpfeiler der Inszenierung lässt sich das Szenenbild anführen, das ebenfalls enorm stimmig wirkt und mit allerlei Details aufwartet, die sich perfekt in das Gesamtbild fügen.

Minimalismus ohne Atempause

Mendes beschränkt die Perspektive von 1917 auf eine Ästhetik, die an Videospiele erinnert. Der Minimalismus der Perspektive fordert die Bewegungen der Geschichte auf, natürlich für sich selbst zu sprechen, während das Rennen gegen die Zeit durch die exponentiell steigende technische Komplexität der Darstellung dramatisiert wird. Im „One-Take“ hat Mendes eine originelle Herangehensweise an ein vertrautes Thema gefunden und auf eine Weise aufgefrischt, die absolut topaktuell aussieht, klingt und sich anfühlt.

Mit 1917 ist durch die bewusste Wahl einer Limitierung und dem vollen Engagement, die einzelnen technischen Aspekte homogen zusammenzuführen, eine der erstaunlichsten filmischen Errungenschaften des Jahres 2019 entstanden.

„1917“ ist ab 16. Januar 2020 in den deutschen Kinos zu sehen.