Filmfest München 2026
Fast wie Fliegen – “If I Go Will They Miss Me” von Walter Thompson-Hernández
Die Geschichte eines Vaters, der das Fliegen verlernt hat, und seines Sohnes, der gerade dabei ist, es zu lernen. Walter Thompson-Hernández ist mit “If I Go Will They Miss Me” ein zartes Porträt einer Vater-Sohn-Beziehung gelungen, welches mit einem wachen Auge die Realität nachzeichnet, und dennoch hinreißend fantasievoll ist. Eine Rezension.
Ein kleiner Junge, der den am Himmel vorbeiziehenden Flugzeugen nachschaut. Wolken, Motorgeräusche, zarte Klavierklänge. Die ersten Momente von “If I Go Will They Miss Me” wirken locker, leicht und verträumt. Dieser ruhige Eindruck täuscht aber, denn der Film behandelt auch ernstere Thematiken. Der zwölfjährige Lil Ant lebt in der Nähe des Flughafens von Los Angeles. Zu seinem Vater, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, hat der sensible Junge ein schwieriges Verhältnis. Lieber entflieht er in seine eigene Traumwelt, in der das Fliegen oberste Priorität hat. In seinen geisterhaften Tagträumen verwandeln sich die Straßen seines Viertels in einen surrealen Ort voller mystischer Figuren, die jederzeit bereit zum Abheben scheinen.
LET THERE BE LIGHT
“If I Go Will They Miss Me” ist fast ausschließlich in hellen Tönen gehalten. Dies spiegelt einerseits Lil Ants innere Fantasiewelt wider: er träumt von der grenzelosen Freiheit des Fliegens, von der heiteren Welt der Wolken, die fernab von seinen eigenen Problemen ist. Der Film nutzt hier Einstellungen von Wolken und Himmel; mal aus der Perspektive von Lil Ant auf dem Boden, mal von einem Flugzeug hoch über der Erde gefilmt. Auch wenn es teilweise fast zu viele solcher Einstellungen gibt, sind sie ein wichtiges Tool, um die Handlung mit Lil Ants Traumwelt zu verbinden. Gleichzeitig kontrastieren dieses helle Umfeld Szenen, die nachts spielen, um einen bewussten Fokus auf die mysteriösen Figuren zu legen, die Lil Ant in seinen Träumen sieht. Die lichtdurchflutete Gestaltung des Films zeigt den Zuschauer:innen die Welt buchstäblich durch die Augen eines Kindes: immer noch voller Hoffnung und Vertrauen, obwohl die Realität nie mit den luftigen Wolkenträumen mithalten kann. Dies spiegelt sich auch in der Filmmusik wider: sachte Klaviertöne stehen im Kontrast zu dröhnenden Motorgeräuschen.
REAL LIFE, REAL LOVE
Auch das Leben in einem kalifornischen Arbeiterviertel fängt “If I Go Will They Miss Me” realitätsnah ein. Die Familie lebt in einem kleinen Reihenhaus und ist permanent in engstem Kontakt. Lil Ant schläft im Zimmer direkt neben dem seiner Eltern, und erlebt dadurch jeden Streit und jede Versöhnung hautnah mit. Der Film nimmt auch an mehreren Stellen Bezug auf Themen der sozialen Ungleichheit: Lil Ants Vater war schon oft im Gefängnis, seitdem er als Junge wegen Körperverletzung verhaftet wurde. Dieses Ereignis in Kombination mit Armut und fehlenden Chancen führt zu der Kriminalitäts- und Gewaltspirale, aus der er sich nicht befreien kann. “If I Go Will They Miss Me” verurteilt Lil Ants Vater nicht; er beschönigt seine Handlungen auch nicht. Das Ergebnis ist ein ehrliches Porträt eines Mannes, der mit sich und dem Leben hadert – und vor allem in der Beziehung zu seinem Sohn nicht weiß, was er tun soll.
VATER WERDEN IST NICHT SCHWER; VATER SEIN…
Besonders die Interaktionen zwischen Lil Ant und seinem Vater haben es in sich. Man spürt Lil Ants verzweifelten Wunsch nach Nähe, obwohl er sich nach außen betont locker zeigt, um nicht enttäuscht zu werden. Seine Bewunderung für seinen Vater kennt keine Grenzen, er vergleicht ihn teilweise sogar mit dem griechischen Gott Poseidon. Doch auch sein Vater kämpft mit seinen inneren Dämonen: er leidet darunter, dass Lil Ant ihn idealisiert, da er weiß, dass er seine Erwartungen langfristig nicht erfüllen kann. Der Film spielt hier bewusst mit den Ähnlichkeiten zwischen Lil Ant und “Big Ant” – sie tragen den gleichen Vornamen, sind oft ähnlich gekleidet. “If I Go Will They Miss Me” fungiert hier als Zwei-Wege-Spiegel: der Sohn ist alles, was der Vater einmal war; der Vater ist alles, was der Sohn einmal werden könnte.
FAMILIENANGELEGENHEIT
Auch der Rest von Lil Ants Familie leidet unter der Unzuverlässigkeit des Vaters. Besonders Danielle Brooks glänzt als Lil Ants Mutter Lozita. Ihre Hin- und Hergerissenheit zwischen Hoffnung und Enttäuschung ist bittersüß und gleichzeitig verzweifelnd. Dennoch beweist sie gegen Ende des Films Stärke, um ihre Kinder zu schützen. Der Film zeigt durch diese Dynamik, wie Traumata von Generation zu Generation weiterwirken können, wenn es niemand gibt, der sich ihnen in den Weg stellt. Auch Lozita wird vom Film nicht angeprangert oder verurteilt; ihre Handlungen und Reaktionen auf die Ausfälle ihres Mannes stehen für sich. Diese Neutralität bekommt dem Film gut; er gibt den Zuschauer:innen Raum, die Handlung und Themen in sich aufzunehmen, ohne ihnen zu sagen, was sie denken sollen.
“If I Go Will They Miss Me” ist kein Moralwerk, welches genau aufzeigt, wo Menschen falsch abgebogen sind. Vielmehr zeigt er, wie sich schwierige Situationen auf Kinder auswirken, und welche Wege sie finden, damit umzugehen. Wie ein leichter Tagtraum, und dennoch harte Kost – sehenswert, wenn man Zeit und Geduld mitbringt!
“If I Go Will They Miss Me” wurde auf dem Filmfest München 2026 gezeigt und läuft morgen nocheinmal um 21 Uhr im Astor Arri Kino.