Filmfest München 2026

Urkomisches Fremdschämen und bitterböse Ehrlichkeit – “The Invite” von Olivia Wilde

/ / Bild: Tobis Film

Zwei Paare, ein Abend – und plötzlich ist nichts mehr, wie es scheint. Olivia Wildes neuer Film “The Invite” ist ein wilder Mix aus fast schon schmerzhaftem Fremdschämen und tiefgehenden Gesprächen. Der Film zeigt zwar nur vier Schauspieler:innen und die Handlung spielt sich in einer Wohnung ab; dennoch schafft er es, die Zuschauer:innen in seinen Bann zu ziehen. Eine Rezension.

Olivia Wildes psychologischer Thriller “Don’t Worry Darling” aus dem Jahr 2022 stand aufgrund vieler Faktoren im Fokus der Medien: da war einmal der hochkarätige Cast mit Florence Pugh, Chris Pine und Harry Styles. Doch auch die angeblichen Spannungen hinter den Kulissen und ein zweifelhaftes Gerücht über das sogenannte “Spit Gate” überschatteten die Premiere des Films. Die Rezensionen fielen eher mau aus: zwar wurde Wildes Kameraführung und der visuelle Stil des Filmes gelobt; für die Handlung und auch Styles Schauspiel hatten Kritiker:innen nur Spott übrig. Jetzt ist Olivia Wilde mit ihrem neuen Film “The Invite” zurück und beweist: es braucht keine aufwändigen Sets oder Special Effects, um einen packenden Film zu drehen.

HOME, SWEET HOME

Der Anfang von “The Invite” ist denkbar prosaisch und verheißt einen leicht durchschaubaren Plot: Angela (Olivia Wilde) und Joe (Seth Rogen) haben ihre Wohnung frisch renoviert, und Angela bereitet eine Dinner Party mit den Nachbarn von oben vor: das Paar Hawk (Edward Norton) und Pina (Penelope Cruz). Angelas hektische, perfektionistische Art kontrastiert mit Joes Unverständnis, warum sie diese Fremden überhaupt eingeladen hat, und warum sie ihm eigentlich nichts davon erzählt hat. Die Situation scheint eine typisch häusliche zu sein – oder? Angelas angespannte Versuche, das viel zu üppige Menü fertigzustellen, werden von angespannten Cello-Klängen untermalt: es ist also doch nicht einfach nur irgendeine Dinner Party.

Joe (Seth Rogen) ist sich nicht sicher, warum Angela (Olivia Wilde) die Nachbarn eingeladen hat. Bild: Tobis Film.

EXPECT THE UNEXPECTED

“The Invite” macht sich zum Ziel, seinem Publikum genau das zu servieren, was es nicht erwartet. Was als netter Pärchen-Abend beginnt wird bald darauf gleichermaßen zu Anklagebank, Beichtstuhl, der Anfang von etwas Neuem und gleichzeitig das Ende von etwas Altem. Die Zuschauer:innen erleben Plot-Twist um Plot-Twist, und wenn sie glauben, nun wirklich alles gesehen zu haben, führt sie “The Invite” nocheinmal an der Nase herum. Gleich von der ersten Minute zieht der Film das Publikum in seinen Bann. Warum will Angela diese Nachbarn so offensichtlich beeindrucken? Wozu das übertriebene Menü, der neu gekaufte Teppich? Schnell wird klar, dass Angela mehr als nur einen netten Plausch von den beiden erwartet.

Hawk (Edward Norton) und Pina (Penelope Cruz) wohnen über Angela und Joe. Bild: Tobis Film.

SO AWKWARD, IT’S FUNNY

“The Invite” glänzt nicht nur durch seine reduzierten Produktionsumstände (4 Schauspieler:innen, eine Wohnung), sondern auch durch den Humor. Angelas Aufregung und Joes Verdrossenheit über die Einladung führen zu typischen Comedy-Situationen. Mit der Zeit gipfeln diese Szenen in puren Momenten der Peinlichkeit: beim Flirt mit Pina fällt Joe gegen ein Regal und renkt sich den Rücken aus. Dieser Mix aus Unbeholfenheit und Peinlichkeit sorgt bei den Zuschauer:innen für kräftiges Fremdschämen. Da der Ton des Films jedoch nie gemein oder spottend wird, bleibt der Witz erhalten. Ein Teil des Humors erschließt sich auch sicher daraus, dass jede:r die Situation kennt – man lädt jemanden ein, den man unbedingt beeindrucken will, und absolut alles geht schief. Die Anspannung, die den Raum in diesen Szenen erfüllt, wird vom pizzicato eines Cellos vertont: Pizzicato (italienisch für “gezwickt” oder “gezupft”) ist eine Spieltechnik für Streichinstrumente. Dabei streichen die Musiker nicht mit dem Bogen über die Saiten, sondern zupfen sie mit den Fingern. Der daraus resultierende Ton ist spritzig, kurz und unterstreicht die Erregung und den Druck des Moments, der schließlich in Gelächter von Seiten der Zuschauer:innen mündet.

STILLE MOMENTE IM CHAOS

Doch “The Invite” ruft nicht nur Gelächter hervor. Der Ton des Films wechselt von humoristisch über nachdenklich zu tragisch, und das ohne schrill oder übertrieben zu wirken. Besonders die Enthüllungen in besagten stillen Szenen haben es in sich – welche genau das sind, soll an dieser Stelle noch geheim bleiben, denn der Reiz des Films besteht darin, die Geheimnisse gleichzeitig mit den Charakteren zu entdecken. Soviel sei allerdings gesagt: jeder Charakter hegt ungeahnte Wünsche, Träume, Erlebnisse und Enntäuschungen, die man auf den ersten Blick nie vermuten würde. Olivia Wilde hat es geschafft, gerade die Menschen, die am langweiligsten wirken sollten, ungeahnte Charaktertiefe zu verleihen. Auch die unpoetischen Probleme, die in einer Ehe aufkommen können, werden mit der äußersten Behutsamkeit behandelt, bis die eigentlichen Schwierigkeiten ans Licht kommen.

Die Kluft zwischen Angela (Olivia Wilde) und Joe (Seth Rogen) ist nicht nur räumlich. Bild: Tobis Film.

CASTING KÖNNEN SIE

Dass dieser Mix aus Humor und Ernsthaftigkeit so gut funktioniert, liegt vor allem an den vier Schauspieler:innen. Die Dialoge erinnern an sehr gut choregrafierte Tanzeinheiten, die dadurch aber nicht minder spontan und frisch wirken. Zudem ergänzt sich der Cast hervorragend untereinander: Seth Rogens mürrische Griesgrämigkeit vervollständigt Edward Nortons weltmännische Ruhe; und Olivia Wilde schafft es, Angela eine tiefe Unsicherheit zu verleihen, die in direktem Kontrast zu Penelope Cruz’ Souveränität und Ausgeglichenheit steht. Die Rollen wirken, als wären sie den Schauspieler:innen auf den Leib geschneidert worden – dennoch haftet “The Invite” keinen Hauch vom sogennanten “Star Casting” an. Auch die Kameraführung betont die Differenzen zwischen den Paaren: die weltmännischen, abenteuerlustigen Nachbarn sind von Lampen erhellt, die eher häuslichen, biederen Gastgeber stehen im Dunkeln.

Hawk (Edward Norton) und Pina (Penelope Cruz) sind ganz anders als Joe (Seth Rogen) und Angela (Olivia Wilde). Bild: Tobis Film.

REMAKE? NICHT SCHLIMM!

Eine komplett neue Idee ist “The Invite” freilich nicht. Der Film ist ein Remake des spanischen Filmes “Sentimental” aus dem Jahr 2020, welcher wiederrum auf einem Theaterstück basiert. Doch mit der Auswahl genau dieses Materials zeigt Wilde, dass sie versteht, was zu einem guten Film dazugehört. Obwohl wir fast die gesamten 107 Minuten in der Wohnung von Joe und Angela verbringen, wird “The Invite” nie langweilig oder mühsam. Der Film bringt zuerst zum Tränen lachen, dann verblüfft er gehörig, und schließlich berührt er nachhaltig. Denn mehr braucht es nicht, um einen guten Film zu machen: einen Raum, eine Kamera, und Menschen, die eine Geschichte erzählen.

“The Invite” von Olivia Wilde lief am 28.06.2026 auf dem Filmfest München. In Deutschland ist er ab 30.07.2026 in den Kinos zu sehen.

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Offizieller Trailer zu “The Invite”