Filmkritik
Über das Monster im Mensch: “THE ODYSSEY” von Christopher Nolan
Die heiß antizipierte Verfilmung des griechischen Epos weist zwar eine schwindelerregende Menge an Stars auf – dennoch lenkt die All-Star Besetzung nicht von den komplexen Themen der Geschichte ab: “The Odyssey” befasst sich mit Schuld, der Natur des Menschen und einer lange fälligen Heimkehr. Eine Rezension.
“The Odyssey” hat schon vor dem ersten Trailer für Furore in den Kommentarspalten gesorgt. Die historisch nicht akkuraten Kostüme sowie die Tatsache, dass mit Lupita Nyong’o eine schwarze Frau die Rolle der Helena spielen sollte, waren den Möchtegern-Historiker:innen ein Dorn im Auge. All diese Aufregung gipfelt nun am 16. Juli: Christopher Nolans Neuverfilmung des homerischen Epos kommt in die Kinos. Sie schildert die Abenteuer des Königs Odysseus von Ithaka (Matt Damon) nach dem Ende des zehnjährigen Trojanischen Kriegs. Nach Seefahrten, die mit Unterbrechungen weitere zehn Jahre dauern und auf denen er alle seine Gefährten verliert, kehrt er schließlich in seine Heimat zurück. Sein Sohn Telemachus (Tom Holland) sucht derweil nach seinem Vater; unter anderem auch, um die Freier, die seine Mutter Penelope (Anne Hathaway) bedrängen und den Besitz seines Vaters verprassen, fortzujagen. Christopher Nolan ist mit “The Odyssey” ein gewaltiger Historienfilm gelungen, der aber trotz des historischen Gewichts nicht archaisch oder überzogen wirkt.

ANACHRONISMEN, DIE FUNKTIONIEREN
Die im Internet vielseits bemängelte Abweichung vom historischen Vorbild bei den Kostümen lässt sich gut verkraften, da wahrscheinlich ein Großteil des Publikums nicht weiß, was ein König oder ein Solat um das Jahr 1200 vor Christus getragen hätten. Außerdem passen die goldenen Platten sowie die bunten Quasten einer akkuraten Rüstung aus der Bronzezeit nicht zu der dringlichen Stimmung, die die Odysee auszeichnet. Die Schlichtheit der Kostüme in Nolans “Odyssey” führt den Fokus zurück auf das Wesentliche: die gewagten Abenteuer, die vielschichtigen Emotionen der Charaktere und die zwischenmenschlichen Momente, die dem Film seine Gewichtigkeit geben. Einzig bei manchen Dialogen werden die Zuschauer:innen aus dem 21. Jahrhundert schlucken: Telemachus (Tom Holland) bezeichnet seine Eltern im englischen Original als “Mom” und “Dad”. Wie diese Thematik in der deutschen Synchro behandelt wird, bleibt offen.
Im Bereich der Filmmusik hingegen ist “The Odyssey” sehr nah am Bronzezeitalter. Oscar-Preisträger Ludwig Göransson kreierte mit historischen Instrumenten wie dem Aulos (ein antikes Rohrblattinstrument) und der Lyra sowie den Schlägen eines Bronze-Gongs einen atmosphärischen Klangteppich, der die teils actiongeladene, teils nachdenkliche Stimmung des Films perfekt unterstützt. Es ist bereits die zweite Zusammenarbeit von Nolan und Göransson: letzterer lieferte schon für Oppenheimer (2023) einen Oscar-würdigen Soundtrack.

NIGTHMARE FUEL
Neben dem Soundtrack untermalen auch die Special Effects die Welt des antiken Mittelmeerraumes. Christopher Nolan ist für seine eher spärliche Verwendung von Computer-Generated Imagery (CGI) bekannt. Auch in “The Odyssey” beweist er, dass weniger, wenn es richtig eingesetzt wird, durchaus mehr sein kann. Der reduzierte Einsatz von computergenerierten Elementen legt den Fokus auf die wenigen Fälle, in denen CGI-Kreaturen notwendig sind. Diese wirken dann im Kontrast nichts weniger als furchterregend: vor allem die Szenen mit dem Zyklopen Polyphemus haben es in sich. Doch trotz der Schrecklichkeit dieses Geschöpfs schafft es der Film, ihm einen Funken Menschlichkeit zu bewahren, der zeigt: dies ist kein typischer “Held kämpft gegen Monster”- Film. “The Odyssey” ist vielseitig, vielschichtig und konzentriert sich auf Perspektiven, die sonst eher vernachlässigt werden.

THE FEMALE PERSPECTIVE
“The Odyssey” ist eine sehr männerfokussierte Geschichte. Angefangen beim Namen und den diversen Kriegsschauplätzen sind sämtliche Handlungsstränge meist nur von den Entscheidungen von Männern geprägt. Chrisopher Nolan greift hier zwar nicht in die Handlung ein, und hält sich relativ nah am Original. Dennoch werden Ereignisse neu eingeordnet, und viele Szenen profitieren von dem Fokus auf die weiblichen Sichtweise: Helena (Lupita Nyong’o) beispielsweise wird nicht nur als atemberaubende Schönheit, aufgrund derer der Trojanische Krieg begann, gezeigt. Vielmehr vermittelt Nolan Helenas Abneigung gegen den Krieg, der zwar in ihrem Namen gefochten wurde, jedoch auch sie einiges gekostet hat. Ähnlich verhält es sich mit Penelope (Anne Hathaway), Odysseus’ Ehefrau: statt nur blind hoffender Loyalität bringt Hathaway auch ihre Wut und Verzweiflung zur Geltung. Sie hat Ithaka in der Abwesenheit ihres Ehemannes fast 20 Jahre lang als Königin regiert, und dennoch geht es den zahlreichen Bewerbern um ihre Hand nur um die Macht, die sie durch eine Heirat mit ihr gewinnen würden. Diese Perspektivwechsel sind in der Original-Quelle rar – umso besser für Nolan, der es dadurch schafft, den jahrtausendealten Stoff für moderne Zuschauer:innen frisch zu halten.

WHO IS THE MONSTER, AND WHO IS THE MAN?
Neben dem Blick auf die weibliche Perspektive zeichnet sich der Film “The Odyssey” durch die gewichtigen Themen und den Subtext, den er behandelt, aus. Vergangene Adaptionen des trojanischen Krieges, der die Geschichte von Odysseus maßgeblich beeinflusst, konzentrieren sich auf den Ruhm und die Ehre auf dem Schlachtfeld, und weniger auf den Preis, den die Gewinner:innen eines jeden Krieges zahlen müssen. Nolan schafft es, tief in das Innere von Odysseus zu reisen, und zieht eine neue Motivation für den Charakter hervor: hat sich seine Heimkehr vielleicht nicht nur wegen der Umstände so lange gezogen? Gibt es vielleich einen Teil des Kriegshelden, des ruchlosen Strategen, der sich für seine Handlungen schämt? Wieder einmal beweist Nolan ein zartes Verständnis für die innere Gefühlswelt seiner Charaktere, und Matt Damon zeigt, dass er dieser inneren Zerrissenheit als Schauspieler durchaus gewachsen ist.

Dem Ende von “The Odyssey” haftet ein nicht zu übersehender Hauch der “Hollywood-Feelgood”- Stimmung an. Der Rest des Films ist jedoch äußerst sehenswert: ein großes Epos mit vielen kleinen Momenten der Stille, visuell atemberaubend und gleichzeitig tiefgründig. Wer einen differenzierten Blick auf einen altbekannten Klassiker sucht, wird bei “The Odyssey” garantiert nicht enttäuscht.
“The Odyssey” von Regisseur Christopher Nolan startet offiziell am 16.07.2026 in den deutschen Kinos.