Filmkritik

EINE NEUE ART VON SUPERHELDIN – “Supergirl” von Craig Gillespie

/ / Bild: Warner Brothers

In James Gunns “Superman (2025) trat sie gegen Ende in einer kurzen Cameo auf – jetzt bekommt Milly Alcocks Supergirl ihren eigenen Film. “Supergirl” (2026) von Craig Gillespie ist actionreich, bewegend und erfrischend – und tappt dennoch manchmal in die Klischee-Falle. Ab 25.06.2026 in den deutschen Kinos. 

Die Comic-Figur “Supergirl” hat schon einige Verwandlungen und Reboots erlebt. Erstmals von Autor Otto Binder und Zeichner Al Plastino im Jahr 1959 vorgestellt war Kara Zor-El damals die Cousine des “Man of Steel”. Über die Jahre hinweg wurde ihre Figur mit anderen verschmolzen, zeitweise hieß sie “Powergirl”, und es gab auch eine Version, in der sie nicht vom Planeten Krypton stammte – Superman sollte der einzige Überlebende Kryptonier sein. 

Nun hat ihr James Gillespie mit “Supergirl” einen actionreichen, aber dennoch einfühlsamen Superheldenfilm gewidmet. “Supergirl” macht einfach Spaß: er ist spannend, aufregend und glänzt an genau den richtigen Stellen mit Humor. Doch auch düstere Thematiken finden Platz, und sind neben den zahlreichen Actionszenen genau im richtigen Mischverhältnis für unterhaltsame 108 Minuten. 

EIN HUND UND EIN KATER

Der Film startet mit einem Hund und einem Kater. Wir erleben “Supergirl” alias Kara Zor-El (Milly Alcock), die gerade 23 Jahre alt wird – und von ihrem Hund Krypto aufgeweckt wird, während sie ihren Rausch ausschläft. Statt sich an das Leben auf der Erde zu gewöhnen und (wie ihr Cousin Kal-El) sich dem Wohl der Menschen zu widmen, reist sie zu verschiedenen Planeten und lässt sich volllaufen, um ihren Geburtstag zu feiern. In einer außerirdischen Kneipe trifft sie dann auf Ruthye Marye Knoll (Eve Ridley), deren ganze Familie vom Schurken Krem von den Gelben Hügeln (Matthias Schoenaerts) getötet wurde. Ruthye will Rache nehmen, und sucht in der Kneipe Unterstützung, um Krem zur Strecke zu bringen. Als Krem dann noch Karas Hund Krypto mit einem Giftpfeil außer Gefecht setzt, kommt eins zum anderen und die beiden brechen gemeinsam auf. Die folgende Handlung ist gleichermaßen klischeehaft und trotzdem rührend. 

Kara Zor-El (Milly Alcock) und Krypto. BILD: Warner Brothers.

CLICHÉ? DON’T MIND IF I DO!

Dass sich der Film in weiten Teilen der Klischee-Trickkiste bedient, ist zu erwarten. “Supergirl” schafft daraus einen Plot, den Zuschauer:innen vielleicht schon aus anderen Filmen kennen, weil er sich ziemlich genau an das ABC der Abenteuerfilme hält. Manche der Handlungsstränge wirken dabei etwas zu vorhersehbar. Das mag dem Original-Comic geschuldet sein, auf dem die Handlung basiert. Das erste Aufeinandertreffen der beiden Protagonistinnen wirkt fast schon peinlich genau klischeehaft – die zynische, meist volltrunkene Kara trifft auf die ernste, von Rachegelüsten getriebene Ruthye. Fans von “True Grit” fühlen sich hier wahrscheinlich an die Dynamik zwischen Mattie Ross und Reuben „Rooster“ Cogburn erinnert. Kara und Ruthye haben dennoch eine Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, die man bei weiblichen Figuren in Superheldenfilmen oft vergeblich sucht. Sie haben eigene Geschichten und Identitäten, die sie unabhängig von einer männlichen Figur entwickeln. Die Dynamik zwischen den beiden lebt von dem sich allmählich aufbauenden Vertrauen, welches Alcock und Ridley sehr einfühlsam und geduldig darstellen.  

Kara Zor-El (Milly Alcock) und Ruthye Marye Knoll (Eve Ridley). BILD: Warner Brothers.

VISUELL UND AUDITIV AUSGEZEICHNET

Neben dem ein oder anderen Klischee bietet “Supergirl” einen starken Soundtrack und aufwändige Actionszenen. Lange Tracking Shots verleihen dem Film hier die notwendige Dynamik, ohne dass es visuell überfordernd wirkt. Untermalt werden die Kampfszenen von punkigen Indie-Songs, die perfekt zu Karas junger, chaotischer Energie passen. Neben der alternativen Rockband Wolf Alice finden sich auch Songs von Wet Leg, Winnie Ama und Modest Mouse. Der Mix besticht durch seine Energie und seinen Eklektizismus, ohne zusammengewürfelt zu wirken, und lenkt den Fokus auf die Hauptfigur und ihre emotionale Entwicklung. 

EINE STARKE LEADING LADY

Das Herzstück des Films ist und bleibt Milly Alcock. Sie beherrscht die Balance zwischen dem trockenen Humor und der emotionalen Vulnerabilität, ohne die Übergänge zu abrupt zu gestalten. Sie ist keine perfekte weibliche Hauptfigur: ihre Haare sind nie frisiert, wir erleben sie in ihrem völlig zugemüllten Raumschiff, und mehr als einmal sehen wir sie (nach ausgiebigem Alkoholkonsum) erbrechen. Trotzdem werden diese Eigenschaften nicht als liebenswerte Quirks à la Manic Pixie Dream Girl dargestellt, sondern als das, was sie wirklich sind: die Coping-Mechanismen einer schwer traumatisierten Frau, die ihre Familie verloren hat und nun versucht, ihren Platz im Universum zu finden. Der Film stellt keine erhöhten Erwartungen an seine Protagonistin, er lässt sie einfach sein, wie sie ist – warts and all. “Supergirl” und Milly Alcock zeigen, dass eine Frau nicht betont nett oder übertrieben höflich sein muss, um ihr Potenzial zu entfalten: sie muss nur lernen, gut zu sein. Gut zu sich, und gut zu anderen. 

UND DIE MÄNNER?

Neben Alcocks emotionaler Tiefe wirken der männliche Antagonist Krem (Matthias Schoenarts) sowie Jason Momoas kurzer Auftritt als Kopfgeldjäger Lobo  etwas übertrieben. Der Film weiß nicht recht, wie er insbesondere mit Krem umgehen soll. Einerseits wird er als das personifizierte Böse dargestellt: er entführt junge Frauen, tötet fast schon beiläufig Ruthyes Familie, und macht auch vor Gewalt gegen Tiere nicht halt. Andererseits legt “Supergirl” einen starken Fokus auf seine charismatische, unverschämte Art, der viele seiner Szenen aus dem Gleichgewicht bringt. Alcock fängt diese Unausgewogenheit souverän auf, und zeigt Karas emotionale Entwicklung als glaubhaften, andauernden Prozess. Doch all der tiefgründigen Charakterentwicklung zum Trotz ist “Supergirl” noch nicht ganz der feministische Film, der er so offensichtlich sein möchte. 

Kara Zor-El (Milly Alcock) und Bösewicht Krem von den Gelben Hügeln (Matthias Schoenaerts). BILD: Warner Brothers.

FEMINIST? NOT QUITE.

Im Vergleich zu den Superheldenfilmen der frühen 2010er hat “Supergirl” aus deren Versagen gelernt. Die weiblichen Hauptcharaktere haben einen voll entwickelten Charakter; sie haben Ziele, die sie unabhängig von Männern erreichen können und wollen, und werden nicht unnötig sexualisiert. Doch für einen Film, der sich “Girl Power” auf die Fahnen schreibt, versagt “Supergirl” an entscheidenden Stellen. Kara Zor-El, die im Film ihren 23. Geburtstag feiert, ist eine Frau – dennoch wird sie im Film von sich selbst und anderen als Super-”Girl” bezeichnet, obwohl Clark Kent beziehungsweise Kal-El nur ungefähr zehn Jahre älter ist. Er aber ist Super-”Man”. Der Film spricht diese Thematik kurz an, nur um sie dann für den Rest der Zeit komplett zu ignorieren.  

Auch Karas finales Supergirl Outfit gibt Anlass zur Verbesserung: sie schafft es zwar, mit einem Roundhouse-Kick fünf Böswichte auf einmal zu besiegen. Dennoch muss sie es in einem Minirock und Stiefeln mit Absätzen tun. Eine Abwandlung des klassischen Supergirl-Kostüms zu einer Version mit Hose hätte vielleicht zu Konflikten mit Marvel geführt (Brie Larssons Captain Marvel trägt einen Jumpsuit in den “Supergirl”-Farben blau, rot und gelb). Trotzdem dürfen sich weibliche Superheldinnen auch im Design weiterentwickeln – eine gute IP verträgt das. 

Kara Zor-El alias Supergirl (Milly Alcock). BILD: Warner Brothers.

“Supergirl” ist kein perfektes, feministisches Epos – das muss er auch gar nicht sein. Auch wenn der Plot manchmal etwas vorhersehbar wirkt, ist “Supergirl” trotzdem sehenswert: humorvoll, bewegend und einfach unterhaltsam. Der Film zeigt eine starke weibliche Hauptfigur, die trotz ihrer Schwächen ihren Weg findet, weil sie eines gelernt hat: “You don’t have to be nice, but you must be good.” 

“Supergirl” läuft ab Mittwoch, den 25.06.2026 in allen deutschen Kinos.

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