Operetten-Rezension
Oper zum Anfassen – “Die Csárdásfürstin” in der Pasinger Fabrik
Franziska Rengs Inszenierung der “Csárdásfürstin” in der Pasinger Fabrik ist frisch, humorvoll und einfach mitreißend – was auch an den Gegebenheiten der Location liegt. Eine Rezension.
Opernhäuser und Opern an sich können für Neulinge sehr einschüchternd wirken: Was muss man anziehen? Was ist “Parkett” und was ist “1. Rang”? Wann klatscht man? Solche scheinbar ungeschriebene Regeln halten viele potentielle Zuschauer:innen vom Genuss einer Opernvorstellung ab. Diese Hemmschwellen überwindet die neue Inszenierung von “Die Csárdásfürstin” in Münchens kleinstem Opernhaus: die Pasinger Fabrik. Die ehemalige Schuhfabrik dient heute als Kultur- und Bürgerzentrum, und bietet als Inszenierungsort für eine Oper ihren ganz eigenen Reiz.
111 JAHRE ALT UND DENNOCH TAUFRISCH
Uraufgeführt 1915 mitten im Ersten Weltkrieg erzählt „Die Csárdásfürstin“ von Emmerich Kálmán die Geschichte der ungarischen Varieté-Sängerin Sylva Varescu, die ihren eigenen Weg gehen will. Ihr Verehrer, der Wiener Fürstensohn Edwin Lippert-Weylersheim, will sie davon abhalten und heiraten – entgegen den Wünschen seiner Eltern. Die folgenden Irrungen und Wirrungen sind manchmal lustig, manchmal rührend und immer absolut unterhaltsam. Doch wie schafft man es, ein Stück aus dem letzten Jahrhundert auch für ein zeitgenössisches Publikum interessant zu gestalten? Regisseurin Franziska Reng findet, die Thematik sei heute noch genau so aktuell wie damals: “Es geht um Liebe, es geht um Leidenschaft, es geht um Konventionen, es geht um Zwang, es geht um Vorschriften, strenge Eltern, um Hingabe – es ist alles da. Man muss es nur schaffen, das auch zu erzählen.” Diese Erzählung ist dem Ensemble absolut gelungen – auch wenn der Aufführungsort einige Herausforderungen mit sich bringt.
KLEIN, ABER OHO!
Die Wagenhalle der Pasinger Fabrik hat zwar nicht die typische Monumentälität eines klassischen Opernhauses. Dennoch besitzt sie einen eigenen Charme, der vor allem bei der “Csárdásfürstin” optimal zur Geltung kommt. Die Zuschauer:innen sitzen an kleinen Bistrotischen statt in langen Reihen, und haben somit von jedem Platz einen optimalen Blick auf Bühne und Orchester. Diese Nähe erlaubt es, Details zu beobachten, die bei größeren Inszenierungen verloren gehen: das Klicken der Perlen am Saum von Sylvas Kleid. Die verstohlenen Blicke, die sich die zwei Liebenden zuwerfen. Die “Csárdásfürstin” ist außerdem keine Oper, sondern eine Operette. Der Unterschied? Eine Oper ist ein durchkomponiertes, meist dramatisches Musiktheaterstück, in dem durchgehend gesungen wird. Die Operette (wörtlich „kleine Oper“) ist hingegen heiter, hat oft ein glückliches Ende, beinhaltet gesprochene Dialoge und baut tänzerische Elemente ein. Diese Faktoren machen die Inszenierung umso geeigneter für Opern-Neulinge.

MUSIK VOM FEINSTEN
Doch auch Opernkenner:innen kommen bei der “Csárdásfürstin” auf ihre Kosten. Das Orchester, bestehend aus sechs Musiker:innen, mag auf den ersten Blick so wirken, als könne es nicht den gewohnten Opern-Sound liefern. Schon die ersten Takte von Silvas Lied “Heia, heia, in den Bergen ist mein Heimatland” beweisen: diese Sorge ist unbegründet. Das sechsköpfige Orchester unter der Leitung von Andreas P. Heinzmann spielen die Melange aus Wiener-Walzer und ungarischer Volksmusik mit grenzenlosem Elan und raffinierter Finesse. Auch die Nähe zur Bühne und den Darsteller:innen funktioniert, denn “Die Csárdásfürstin” spielt im ersten Akt im Theater “Orpheum”. Die Interaktionen zwischen Dirigent und Darsteller:innen tragen zur immersiven Stimmung bei: wenn Edwin den “Maestro” anweist, eine heitere Weise zu spielen, nimmt Dirigent Andreas P. Heinzmann dies mit einem Schmunzeln zur Kenntnis und wendet sich wieder seinem Orchester zu. Dieses Zusammenspiel ist ein weiterer Vorteil des Raumes, und trägt zu einem untypischen, aber unfassbar mitreißendem Opernerlebnis bei.

TOUS ENSEMBLE – ALLE ZUSAMMEN
Neben der musikalischen Gestaltung glänzt die Pasinger “Csárdásfürstin” auch mit exzellentem Casting. Vor allem Alessia Broch begeistert: ihre Performance als Sylva Varescu ist stolz und selbstbewusst, aber zugleich auch verletzlich und liebevoll. Ihr glockenklarer und dennoch kraftvoller Sopran füllt den Raum aus, ohne die Zuschauer:innen zu überwältigen. Ihr Verehrer Fürst Edwin Lippert-Weylersheim, gespielt von Kaspar Fischer-Mylenbusch, bringt eine kindlich-naive und tortzdem aufrichtige Dynamik in ihre Beziehung. Man merkt: diese Schauspieler:innen bringen gegenseitig das Beste in sich zum Vorschein. Die Zuschauer:innen sehen ein Ensemble, dass sich aufeinander verlassen kann und sich mit Schwung und Begeisterung in die Performance stürzt. Auch die Interaktionen mit dem Publikum haben die Darsteller:innen perfektioniert: wenn Edwin von seiner Liebe zu Sylva singend durch die Reihen wandelt oder Boni und Ferdi einem Tisch in der ersten Reihe zuprosten zieht dies die Zuschauer:innen noch mehr in den Bann der Geschichte.

“Die Csárdásfürstin” zeichnet sich jedoch nicht nur durch die Romantik, sondern auch durch den Humor aus. Selbstverständlich mögen manche Ausdrücke für moderne Ohren etwas archaisch klingen. Textpassagen über “Weiber” oder “Mädis” erinnern daran, dass das Stück aus dem frühen 20. Jahrhundert stammt. Doch laut Regisseurin Franziska Reng sei es schwierig, solch bestehende Ausdrücke umzuschreiben. Außerdem betont sie, dass das Stück auch nicht in der heutigen Zeit spiele, und daher keinen modernen Kontext wiedergebe.

NAHBARE OPERNKUNST
“Die Csárdásfürstin” in der Pasinger Fabrik zeigt, dass ein gelungener Opernabend nicht in einem großen Saal mit einem voll besetzten Orchester stattfinden muss. Das Ensemble ist ein perfekt eingespieltes Team, welches die räumlichen Limitationen zu einem elementaren Teil der Performance macht. Neben hinreißendem Herzschmerz kommt auch der Witz nicht zu kurz – eine perfekte Mischung, die eingefleischten Opernfans sowie erstmaligen Zuschauer:innen Lust auf die nächste Inszenierung macht.
„Die Csárdásfürstin“ läuft noch bis zum 16.08.2026 in der Pasinger Fabrik. Vom 16.07.-21.07.2026 finden zudem Open-Air Vorstellungen im Innenhof von Schloss Blutenburg statt. Tickets gibt es unter münchenticket.de sowie den VVK-Stellen.