BUCHKRITIK "KASKADEN"

Kasakden

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Zwischen dem Jetzt und dem Damals – irgendwo in den Zwanzigern. Zwischen Studienbeginn, dem Auszug von zu Hause und der Nostalgie einer Zeit, die noch gar nicht so lange zurückliegt. An Freundschaften, die irgendwann einfach aufgehört haben, und an Menschen, die man seit dem Abiball nicht mehr gesehen hat. In diese Tiefe geht Louise K. Böhms Debütroman “Kaskaden”.

Jojo fängt mit ihrem Biologie-Master an. Kurz vor ihrem ersten Tag im Master, geht sie auf die Beerdigung des Vaters ihrer ehemals besten Freundin Yara. Die beiden waren einmal unzertrennlich und haben alles gemeinsam gemacht. Jetzt nicht mehr – Funkstille. Seit dem Abiball haben sie sich nicht mehr gesehen. Selbst auf der Beerdigung ist Yara nicht da. Stattdessen drückt ihre Mutter Jojo eine DVD in die Hand und plötzlich wird sie von ihrer Vergangenheit und den Erinnerungen an ihre Freundschaft konfrontiert. 

“Ich versteh einfach nicht, wie das funktioniert. Wie sich Menschen erst jahrelang alles versprechen und alles geben, und dann gibt es einen Cut und alles ist weg. Man trennt sich, und plötzlich geht man von Wir lernen all unsere Geheimnisse über zu Wir reden nicht mehr miteinander. Als wäre Liebe ein Schalter, den man einfach umlegen kann. Oder eine Jacke, die man auszieht und irgendwo liegenlässt. Das macht einfach keinen Sinn.” 

Jojo sucht Halt und findet diese in Jakob, ihrem Tutor aus dem Master-Kurs. Hipster-Beanie, lackierte Nägel und DJ – totaler perfomative male. Doch etwas an ihm catcht Jojo. Es fällt ihr nicht leicht sich zu öffnen. Sie möchte nicht daten, weil was ist, wenn er erfährt, woher sie wirklich kommt und wer sie wirklich ist? Die Gefühlswelt fühlt sich hier total relatable an: man möchte geliebt werden, doch die Angst, sich verletzlich zu zeigen und nicht zu genügen, überwiegt.  

Noastalgie

Nostalgie ist vielleicht das prägendste Gefühl unserer Generation. Wir sehnen uns nach einem Damals, das in der Erinnerung oft schöner erscheint, als es wirklich war. Dabei vergessen wir manchmal, in der Gegenwart zu leben. Genau dieses Gefühl zieht sich durch Kaskaden. Referenzen wie Mark Forsters “Flash mich” oder Tove Los “Habits (Stay High)” sind dabei mehr als eine bloße Erwähnung. Sie wecken Erinnerungen an eine bestimmte Zeit und machen die Nostalgie des Romans spürbar. Besonders “Habits (Stay High)” versetzt viele sofort zurück ins Jahr 2014. In eine Zeit, die im Rückblick oft unbeschwerter erscheint, als sie vielleicht war.

Als Jojo den Song im Auto einschaltet, entsteht ein besonderer Moment: Obwohl sie ihn gerade erst erlebt, fühlt er sich schon wie eine Erinnerung an. 

“Als der Song fast vorbei ist, hält Jakob mir wortlos sein Handy hin. […] Ich tippe Tove Lo in die Searchbar und mache Habits (Stay High) an. Ab und zu lege ich die Hände an die Abdeckung der Lautsprecher, um die Vibration auf der Handinnenfläche zu spüren. Wie tausend kleine Tänzer*innen drückt sich das Plastik kleinkariert in meine Haut. Ich bin überzeugt, dass mein Herzschlag sich dem Beat anpasst.”

Momente leben oft nicht von großen Worten, sondern kleinen Beobachtungen. Louise K. Böhm beschreibt diesen Moment so feinfühlig, dass es fast selbst körperlich spürbar wird.

BAföG-Struggle

Was dieses Buch so besonders macht, sind die Gesellschaftlichen Themen die es anspricht. Klassizismus, Bafög-Struggle und psychische Belastungen. Auch andere Bücher erwähnen diese Themen, doch Louise K. Böhm schafft es, die Situationen real wirken zu lassen. Jojo ist Arbeiterkind. Statistisch gesehen hätte sie gar nicht studieren sollen. Sie wuchs nicht mit einem Trampolin oder Pool im Garten auf, sondern im Plattenbau. Doch sie schämt sich dafür. Vor all den Studierenden, die sich einfach so jeden Tag ein Kaffee bei dem Hipster-Cafe neben der Uni kaufen können.

“Der Kaffee schmeckt heute noch beschissener als sonst. Aber ich bin ja selbst schuld. Ich bin zu geizig, mir das gute Zeug aus dem Café direkt neben dem Hörsaal zu holen, bei dem jeden Morgen alle guten Studierenden anstehen und sich die Hafer- und Sojamilchbestellungen um die Ohren werfen. Stattdessen sitze ich vor dem Ranzkiosk zehn Meter weiter, Flecken auf den Bierzeltbänken, Preise in D-Mark im Schaufenster, und beobachte sie mit gebührendem Sicherheitsabstand.

Genau solche Momente machen den Roman so authentisch. Louise K. Böhm beschreibt eindrücklich den BAföG-Struggle: Anträge, die sich monatelang hinziehen, die ständige Unsicherheit, ob das Geld rechtzeitig kommt und das Gefühl, mit diesen Sorgen allein zu sein. Kaskaden zeigt, wie sehr soziale Herkunft den Studienalltag prägt – etwas, worüber oft viel zu selten gesprochen wird.

Der Roman liefert auch keine einfachen Antworten auf diese Probleme – diese gibt es auch nicht.

Gelungenes Debüt

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Mehr Informationen

Louise K. Böhm glänzt in ihrem Debütroman mit ihrem Schreibstil. Die Leichtigkeit, die Tiefe und die Nahbarkeit, die sie in Worte fasst, ziehen sich durch das ganze Buch. Auch die Dialoge zwischen den Figuren wirken ehrlich und ungeschönt. Besonders das Denglisch – nicht nur in den Gesprächen, sondern auch im Erzähltext – verleiht dem Roman eine große Authentizität und trifft den Sprachgebrauch einer ganzen Generation. Wer den atmosphärischen Schreibstil von Caroline Wahl mag, wird wahrscheinlich an Kaskaden Gefallen finden. Immer wieder wird der Stil beinahe poetisch. Die langen, verschachtelten Sätze sind sicherlich nicht für jede und jeden etwas. Gleichzeitig unterstreichen sie den ungeschönten Charakter des Romans. Oft lesen sie sich wie ein Gedankengang, der nicht enden will – voller Erinnerungen, Zweifel und Emotionen.

Kaskaden” von Louise K. Böhm erscheint am 15. Juli im Penguin Literaturverlag und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro.