FILMKRITIK
Fruchtgummi und Blutfontänen: „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“
Lange haben die Fans des „Elevated Horror“ auf diesen Tag gewartet: Am 20. August kehrt Horror-Ikone Jane Schoenbrun mit einem neuen Film zurück ins deutsche Kino. Keine Überraschung: Teenage Sex and Death at Camp Miasma erweist sich als urkomisches, berauschend queeres Filmspektakel.
Noch während uns im Frühjahr 2024 die nostalgisch-hypnotischen Bilder des Instant-Klassikers I Saw The TV Glow auf der Netzhaut brannten, stand fest: Als Horrorfan sollte man Jane Schoenbrun im Auge behalten.
Umso größer ist dieses Jahr die Freude um Schoenbruns Rückkehr auf die Weltleinwand. Wo I Saw The TV Glow einst Lorbeeren für seine düstere Atmosphäre, seine raue Queerness, und seine eindringliche Botschaft einstrich, schlägt der Sommer- Release von Schoenbruns drittem Feature-Film nun einen leichteren Ton an.
Um die repetitive Natur des Slasher-Genres soll es gehen, um die groteske Gier der Hollywood-Industrie, aber auch um Sex und Tod, um Queerness und Selbstbewusstsein, und das alles in knapp zwei Stunden Laufzeit.
Das Endergebnis übersteigt die Erwartungen. Teenage Sex and Death at Camp Miasmafordert sein Publikum heraus, nimmt sich einem Themenkomplex an, der sich so reichhaltig wie bewegend an die tiefste Psychologie seines Publikums wendet. Denn Schoenbrun wäre selbstverständlich nicht Schoenbrun, wenn das Endergebnis nicht viel mehr wäre als eine reine Horrorkomödie.
TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA
Die offen queere Filmregisseurin Kris (Hannah Einbinder) steht mit einem Fuß in Hollywood: Das langjährige Slasher-Horror-Franchise Camp Miasma soll für ein modernes Publikum aufpoliert werden. Als langjähriger Fan der Reihe soll sie nun beim neuesten Remake Regie führen. Um ihrer Aufgabe gerecht zu werden, kehrt Kris zurück an den Drehort des originalen Films, um jene Schauspielerin zu rekrutieren, die einst ihr Interesse an der Filmreihe weckte: Die geheimnisvolle Billy Prestley (Gillian Anderson), die im Originalfilm die letzte Überlebende des Killers spielte. Als die beiden Frauen sich in der Einöde des verlassenen Camps immer näherkommen, beginnen die Grenzen zwischen Horrorfilm und Realität zu verschwimmen.
DAS SLASHER-GENRE AUF DER SCHIPPE
Das mit Teenage Sex and Death at Camp Miasma verhandelte Genre, die Horrorkomödie, ist für Schoenbrun Neuland. „Ich war schon früh begeistert vom komödiantischen und narrativen Potential im Lebenszyklus eines Slasher-Franchise“, erklärt Schoenbrun dazu im Interview.
Mit einer Prämisse, die an Horrorklassiker wie Sleepaway Camp oder Das Schweigen der Lämmer erinnert – komplett mit mörderischem Sommercamp und einer queer kodierten Killerfigur – ist Camp Miasma vor allem ein sanfter, aber bestimmter Hinweis auf die historische Queerfeindlichkeit des Horrorgenres.
Den Konflikt, dem Slasher-Genre trotz seiner problematischen Elemente treu bleiben zu wollen, verhandelt Camp Miasma textuell. Hauptfigur Kris steht vor der Herausforderung, die eigenen Ansprüche an den Film als Kunstwerk mit den Erwartungen des performativ „woke“ gewordenen Agententeams aus Hollywood zu balancieren.
Anders als andere Parodien auf die „Wokeness“- Kultur des 21. Jahrhunderts, die inzwischen bestenfalls abgekaut und nur wenig tiefgründig wirken, ist Schoenbruns teils groteske Selbstironie entspannt und selbstsicher und sorgt an so mancher Stelle effektiv für schallendes Gelächter im Publikum.
WINTERS ERWACHEN: CAMP MIASMA ALS QUEERES COMING-OF-AGE
Slasher-Satire hin oder her: Im Grunde handelt Teenage Sex and Death at Camp Miasma von etwas ganz anderem. Regisseurin Kris und Schauspielerin Billy verbindet nämlich nicht nur ihre einzigartige Beziehung zum „Camp Miasma“- Franchise, sondern auch das komplizierte Verhältnis, das jede von ihnen zu ihrer Queerness hat.
Zum Tragen kommen dabei Themen wie Sex und Sexualität, die Angst vor dem ersten Mal, und die Erfahrung sexueller Gefühle auch abseits heteronormativer Beziehungen.
Hannah Einbinder und Gillian Anderson begeistern restlos in ihrer Darstellung der beiden Protagonistinnen, deren Beziehung zwischen liebenswerter Exzentrik und manischer Besessenheit schwankt. Blutfontänen spritzen zu kitschigem Kuschelrock, und als Kris und Billy sich vor der hinreißend handgemalten Kulisse des „Camp Miasma“- Sets immer näherkommen, bleibt dem gebannten Publikum nichts anderes übrig, als sich mitreißen zu lassen.
Schoenbruns spürbarer kreativer Scharfsinn ist erfrischend kompromisslos: Weder der Vorgänger I Saw The TV Glow noch Camp Miasma verfallen der Versuchung, Queerness für ein Mainstream- Publikum möglichst verdaulich aufzubereiten. Teenage Sex and Death at Camp Miasma bleibt sich selbst treu und scheut nicht davor zurück, einen Teil seines Publikums ratlos zurückzulassen.
Teenage Sex and Death at Camp Miasma von Jane Schoenbrun wurde auf dem FILMFEST MÜNCHEN 2026 gezeigt und läuft am 20. August 2026 in den deutschen Kinos an.