SIX im Deutschen Theater
Sechs Pop-Queens auf der Suche nach Selbstbestimmung
Alle Kinder in Großbritannien müssen das in der Schule auswendig lernen: “Divorced, beheaded, died – divorced, beheaded, survived”. Es geht um die Frauen von König Heinrich VIII. von England – um sechs Königinnen, die fast immer ausschließlich als “Frau von” betrachtet wurden.
Das versucht das Musical SIX zu ändern. Die Verfasser:innen Toby Marlow und Lucy Moss wollten sich dem Stoff bewusst aus queerer und diverser Perspektive nähern. Das ist ihnen auch gelungen – allein schon in der Besetzung: Auf der Bühne stehen die sechs Königinnen – Katharina von Aragon, Anna Boleyn, Jane Seymour, Anna von Kleve, Catherine Howard und Catherine Parr; dazu vier Musikerinnen. Kein Mann, und vor allem: kein Heinrich VIII. Das ist erfrischend.
Kein Abend zum Berieseln-Lassen
Doch die Inszenierung geht noch weiter: Die sechs Königinnen werden als Sängerinnen einer Girl-Popband in bunten Kostümen präsentiert, die an Steampunk oder Starlight-Express erinnern. Mit Mikros in der Hand stehen sie oft in einer Reihe vorne, dahinter die Musikerinnen auf Tribünen – das war’s. Auch wenn dies für konzertante Musicals kein ungewöhnlicher Aufbau ist, wirkt die Bühne dadurch stark einschränkend. Das funktioniert für ein Popkonzert – und als solches wird das Musical auch beworben. Doch die Bühne fügt sich damit zwar in die Inszenierung, erzählt aber kaum etwas von der Geschichte – sie bleibt fast immer bloßer Hintergrund.
SIX ist also kein Theaterabend zum Berieseln-Lassen. Das Musical macht nur dann Spaß, wenn man mitjubeln und -klatschen will. Es ist dennoch kein reines Popkonzert: Die sechs Königinnen erklären am Anfang, sie wollen bestimmen, wer von ihnen die Leadsängerin ihrer Band werden soll. Dazu erzählen sie dem Publikum jeweils ihre Geschichte – das soll am Ende entscheiden, wer von den Sechs es am schlimmsten mit Heinrich hatte. Die mit der tragischsten Geschichte gewinnt.

Wiederholung trotz Abwechslung
So singt und erzählt eine Pop-Queen nach der anderen über ihr Leben – mitunter auch bissig und überraschend. Dennoch hat das Ganze etwas Repetitives. Das ist schade, denn schon beim Typecasting wurde auf Vielfalt und Abwechslung geachtet: Jede Königin wurde einer bekannten zeitgenössischen Popsängerin nachempfunden – von Beyoncé und Shakira (Katharina von Aragon) bis Ariana Grande und Britney Spears (Catherine Howard). Manche Songs überraschen tatsächlich in Text, Inszenierung und mit anspielungsreichen Witzen: Anna von Kleve erklärt in Haus of Holbein, wie sie in ihrer deutschen Heimat ihr Porträt für die Heiratswerbung aufhübschen ließ, wobei “deutscher” Techno und Akzent zum Einsatz kommt. Und Catherine Howard singt in All You Wanna Do über sexuell übergriffiges Verhalten, das ihr seit dem 14. Lebensjahr zuteil wurde.
Was dem Abend aber fast gänzlich fehlt, sind Beziehungen der Figuren zueinander, was sie unvollständig wirken lässt. Durch das limitierende Setting eines Popkonzerts muss ein Großteil der Texte auf die Erzählung der Handlung verwendet werden, wodurch ein wiederholendes Schema entsteht.
Die Show wird im Deutschen Theater auf Englisch gezeigt – ohne deutsche Übertitel. Die Darstellerinnen haben zudem einen markanten britischen Akzent. Bei einem Musical, das so stark vom Verständnis des gesprochenen und gesungenen Texts abhängt, ist das für das Publikum in einer deutschsprachigen Stadt an der Grenze des Zumutbaren – zumal die Information, dass das Musical auf Englisch ist, nicht sehr präsent auf der Webseite des Deutschen Theaters zu finden ist. Das Haus sollte sich in Sachen Übertitel ein Beispiel an der Staatsoper oder den anderen Staats- und Stadttheatern Münchens nehmen.
Der Bruch kommt – zu spät
Die Dynamik, dass sechs Frauen sich darum streiten, welche von ihnen es am schlimmsten mit einem Mann hatte ist zudem aus feministischer Sicht problematisch. Dies wird am Ende der Show auch von den Königinnen selbst hinterfragt und umgekehrt. Plötzlich heißt es, sie hätten den ganzen Schauerwettbewerb nur scheinbar geführt, um nun den Publikum zu zeigen, wie problematisch die Darstellung von den sechs Frauen Heinrichs VIII. eigentlich ist. Dieser Bruch passiert aber zu spät, um die wertvolle Kritik noch wirklich ausbreiten zu können. Buchstäblich singen die Königinnen in ihrer letzten Nummer, dass sie nun “noch 5 Minuten” ihren Song singen, ihren Song der Selbstbestimmung.

Dass diese Message in der allgemeinen Euphorie am Ende tatsächlich untergehen kann, zeigt sich sogar bei Kolleg:innen. Die SZ schreibt zu SIX in München:
Fast wünscht man sich, Henry VIII. hätte mehr Frauen geheiratet, einfach, damit das Musical nicht endet.
~ Die SZ zu SIX im Deutschen Theater
Das Deutsche Theater ist sich nicht mal zu schade, diesen grenzwertigen Kommentar auf die eigene Webseite zu packen…
An der entscheidenden Stelle fehlte der Mut
SIX, dieses Musical, das sich schon mutig über Gattungskonventionen hinausgewagt hat, bleibt damit einem eigentlich schon überholt geglaubten Klischee treu: dem des gefälligen Unterhaltungstheaters. Dass das gerade aus feministischer Perspektive auch anders geht, hat die Musicalwelt durchaus schon bewisen – zum Beispiel mit Steinmanns/Levays Elisabeth. Es ist schade, dass den Macher:innen von SIX hier der Mut gefehlt hat.
Dennoch ist es ein Abend, der einen nachdenklich zurücklässt und einem trotz – oder gerade wegen – allem Pop-Glamour auch die historischen Persönlichkeiten hinter den sechs Frauen Heinrichs VIII. näherbringt. Es lädt dazu ein, sich näher mit diesen Frauen, die Geschichte schrieben, auseinanderzusetzen. Und das ist schließlich das Beste, was die künstlerische Verarbeitung von geschichtlichen Stoffen bewirken kann.