FILMFEST 2026

The Beauty of the Ballroom

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Passend zur großen Münchener CSD-Parade am 27. Juni feiert der Dokumentarfilm
«The Beauty of Ballroom» im Rahmen des Filmfestivals München seine Europapremiere. Im
Original heißt der Film „10s across Borders“. Er entführt in die schrille und bunte Welt der LGBTQIA+-Szene – eine Welt, die vielerorts noch immer auf Ablehnung gegenüber dem Schrillen und Nonkonformen stößt. Chang Sze-Wei (Regie und Drehbuch) begleitet die Performancekünstler:innen Aurora-Sun Labeja, Xyza Pinklady Mizrahi und Teddy Oricci auf einer Reise durch verschiedene Länder Südostasiens und zeigt, wie sie dort ihre Leidenschaft für Voguing leben und vermitteln.

Ballroom und Voguing, das sind heute zwei Begriffe, die kaum noch aus der LGBTQ+-Szene
wegzudenken sind, die aber noch vor 40 Jahren in ihren Kinderschuhen standen. Die ersten
Ballrooms entstanden in den 1980er Jahren in New York und waren maßgeblich von der Schwarzen
Community geprägt. Damals war das politische Klima in den USA gegenüber Schwarzen noch
immer angespannt und selbst in bis dato existierenden LGBTQ+-Communities fanden Schwarze aufgrund ihrer Hautfarbe selten Akzeptanz.
Seitdem haben sich Ballroom-Houses als eine Art queere Gemeinschaft etabliert, in denen sich
Mitglieder sicher fühlen sollen und in denen sie in Krisenzeiten Unterstützung erhalten. In diesen Houses entwickelte sich schnell das Voguing.
Hände und Arme fliegen ästhetisch durch die Luft. Manchmal bewegt man sich ruckartig, dann geschmeidig, je nach Beat. Es ist eine Tanzform, die mit typischen Modelposen spielt: Mit jeden Takt eine neue, sexy, sensuelle Pose, zwischendurch ein Spagat, in der nächsten Sekunde wieder stehend, den Körper von Kopf bis Fuß durchgestreckt. All das macht Voguing zu einem beeindruckenden Performance-Sport. Für die queeren Szene ist es aber noch so viel mehr als das.


Die Idee zum Film hatte Chang Sze-Wei 2017. Sze-Wei identifiziert sich selbst als non-binär und
war damals in einer Contemporary-Tanz-Gruppe zusammen mit Sun. „Er sah, wie ich mir einer
Dokumentarfilmkamera filmte und fragte mich, ob ich Filmschaffende kennen würde, die
Interesse an Vogue- und Ballroom Communities in Asien hätten. Ich musste nicht darüber
nachdenken. Me, bitch!
Dass Sze-Wei über den thailändisch-norwegischen Aurora-Sun Labeja eine freundschaftliche
Beziehung zu seinen Protaganisten hat, wirkt sich positiv auf die filmische Umsetzung aus. SzeWai kommt Sun, Xyza und Teddy in seiner Doku sehr nahe und zeigt sie auch in feinfühligen
Momenten. Als Xyza beispielsweise mit Tränen in den Augen erzählt, wie sie ihr eigenes
Ballroom-House gründet. “I am not beautiful to the society because of my skin colour.“ Sie
lächelt. „But you have to believe in yourself.“ Solche Szenen gehen unter die Haut.
Ballroom wird in „The Beauty of Ballroom“ zu einem Ort der Hoffnung – gerade, weil das Leben
außerhalb der Szene für viele der Protagonist:innen von Ausgrenzung geprägt ist. Aurora-Sun
Labeja stammt aus Thailand, Xyza Pinklady Mizrahi von den Philippinen, Teddy Oricci aus
Malaysia. Drei Länder, in denen queere Menschen trotz unterschiedlicher gesellschaftlicher
Entwicklungen bis heute mit Diskriminierung, religiös begründeter Ablehnung oder rechtlichen
Einschränkungen konfrontiert werden. Der Film macht diese Realität greifbar, ohne sie je plakativ
auszubreiten. Stattdessen erzählt er von Menschen, die sich entschieden haben, sich trotz aller
Widerstände sichtbar zu machen.
Wie fragil dieser Schutzraum Ballroom trotzdem bleibt, zeigt eine der erschütterndsten Szenen
des Films. Mitten in der Dokumentation wird Teddy verhaftet. Nicht wegen einer Straftat,
sondern weil er sich öffentlich feminin präsentiert hat. Immer wieder berichten Teddy, Sun und
Xyza davon, dass ihnen eingeredet werde, Schwul- oder Transsein sei eine Sünde, Religion
verbiete ihre Identität. Umso wichtiger werden die Ballroom-Houses als selbstgewählte Familien.
Wenn Teddy mit den Mitgliedern seines Houses eng umschlungen auf dem Boden liegt oder
erzählt, er wisse nicht, wo er heute ohne Ballroom wäre, wird deutlich, dass es hier längst nicht
mehr nur um Tanz geht. Es geht um einen Ort, an dem Menschen überhaupt erst lernen dürfen,
sie selbst zu sein.

Gerade diese menschliche Nähe gehört zu den größten Stärken der Dokumentation. Chang SzeWei interessiert sich nie nur für spektakuläre Performances, sondern vor allem für die Menschen
hinter den kunstvollen Posen. Besonders eindrücklich ist die Szene, in der Teddy erzählt, sein
Vater habe ihm einmal angeboten, ihm ein Auto zu kaufen, wenn er nur aufhören würde, schwul
zu sein. Teddy antwortet trocken: „I don’t need a car, bitch. I need dick.“ Ein Satz, der zunächst
für Gelächter sorgt, in dem aber gleichzeitig Schmerz, Trotz und Selbstbehauptung
mitschwingen. Genau in solchen Momenten gelingt es dem Film, seine Figuren nicht zu Symbolen
einer Bewegung zu machen, sondern zu echten Menschen mit Humor, Verletzlichkeit und
enormer Stärke.

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Trailer zu The Beauty of the Ballroom

Auch formal überzeugt „The Beauty of Ballroom“. Die bewegliche, oft sehr nahe Kamera schafft
eine bemerkenswerte Intimität und vermittelt das Gefühl, Teil der Houses zu sein, statt sie bloß
von außen zu beobachten. Gesprochen wird überwiegend Englisch, ergänzt durch die jeweiligen
Landessprachen der Protagonist:innen; englische Untertitel machen den Film dennoch jederzeit
zugänglich. Hinzu kommt der eigens komponierte Soundtrack von Koppi Mizrahi. Songs mit
Titeln wie „Cunty“, „Cuntier“ oder „The Cuntiest“ bleiben nicht nur wegen ihrer Namen im
Gedächtnis, sondern tragen maßgeblich zur Energie der Ballrooms bei.

Am Ende hinterlässt „The Beauty of Ballroom“ weit mehr als die Faszination für die spektakuläre
Performance-Kunst des Voguing. Der Film beeindruckt vor allem durch den Mut seiner
Protagonist:innen, sich in einem oft feindseligen Umfeld nicht zu verstecken. Man verlässt das
Kino mit genau dem Wunsch, den auch Teddy, Sun und Xyza formulieren: Dass ihre Geschichten
andere queere Menschen in Südostasien ermutigen, ihr wahres Ich zu zeigen, Gleichgesinnte zu
finden und sich Räume zu schaffen, in denen sie sicher sein dürfen.

The Beauty of the Ballroom hat diesen Sonntag passend zum Christopher Street Day beim Filmfest München seine Deutschland-Premiere in der Filmreihe Spotlight. Am 02. Juli wird er ein weiteres Mal zu sehen sein.

Autorin: Amelie Wirtzfeld