FILMFEST 2026

TELL EVERYONE

/ / Bild: Filmfest München

Endometriose, Adenomyose, PMDS und höchstwahrscheinlich noch viele weitere Krankheiten, die uns gerade noch nicht bewusst sind. Erkrankungen rund um die Menstruation sind wenig erforscht, wenig bekannt und vor allem wenig ernstgenommen. Genau das erlebt die Protagonistin in Tell Everyone: Erst trifft sie eine chronische Menstruationskrankheit selbst, dann das Unverständnis ihrer Umgebung. Dabei geht es der finnischen Regisseurin Alli Haapsalo um mehr als nur die Krankheit: Es geht um Frausein in einer Männerwelt, um Versuche der Liberation, um tiefe Freundschaft und weibliche Solidarität.

Tell Everyone siedelt das Schicksal der Protagonistin Amanda Aaltonen (Marketta Tikkanen) im Jahr 1898 in Finnland an. Einer Zeit mit stark unterschiedlichen Spielregeln für Männer und Frauen. Für eine Frau mit einer chronischen Erkrankung ihrer primären Sexualorgane schlägt der Geist der Zeit besonders heftig zu. “Insania epileptica menstrualis“ nennen Amandas Peers ihre Schmerzen, die als Ausdruck von Wahnsinn wahrgenommen werden. So landet sie auf der isolierten Asylinsel Seili, eine Endstation für „troublesome“ Frauen, die nicht ins Bild passen. Doch ihre goldenen Ohrringe und bunten Kleider verraten: Amanda Aaltonen ist eine Außenseiterin mit dem Herzen einer Anarchistin und der Lust auf Abenteuer. Sie tingelte einst durch die Welt, lebte ein echtes Vagabundenleben und erzählt jedem, sie sei mit dem Heißluftballon aus Paris eingeflogen.

Bild: Filmfest München

DAS YING IM YANG

Mit dem eintönigen Speisesaal, den endlosen Reihen von Schlafzellen und ohne die Möglichkeit, zu entkommen, könnte die Anstalt selbst kaum weiter von so einem Freigeist wie Amanda entfernt sein. Trotzdem findet sie an diesem Ort, ihrem eigentlichen Antagonisten, auch etwas Schönes. Zum einen liegt die Anstalt eingebettet in die atemberaubende Natur von einer finnischen Insel. Zum anderen, und das geht noch tiefer unter die Haut, findet sie in Pikku-Greta (Aamu Milonoff) eine Art Seelenschwester. Und zum ersten Mal überhaupt erlebt sie eine Gemeinschaft, die weiß, wie sich das Leben als Außenseiterin anfühlt. In TikTok-Terms vielleicht: Girlhood.

Bild: Filmfest München

CLICHÉ? NEIN, DANKE!

Keine sadistischen Krankenschwestern und keine Villains sind im Film zu entdecken, auf die man mit dem Finger zeigen könnte. Alli Haapsalo bleibt einem natürlichen und realistischen Ton treu. So sieht man Szenen, in denen Menstruationsblut auf behaarten Beine runterläuft – eine Szene, die der Regisseurin laut eigener Aussage im Interview mit Variety besonders wichtig ist. Genauso natürlich wirkt das Maskenbild: scheinbar ganz ohne Makeup. Auch die wechselnden Kameraeinstellungen, mal aus der Vogelperspektive, mal von unten, entlarven das Geschehen unversteckt und ungeschminkt. Statt langer Dialoge sind es vielmehr Stille und intensive Blicke, die die Handlung erzählen. 

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Trailer zu Tell Everyone

ENDE GUT, ALLES GUT?

Dieses Sprichwort greift hier auf jeden Fall nicht. Schließlich akzeptiert Amanda ihr Schicksal und lässt alle Fluchtversuche hinter sich. 112 Spielminuten lang baut der Film mit Nahaufnahmen und schillernden Geschichten aus ihrer Vergangenheit Sympathie für Amanda Aaltonen auf. Entsprechend erwartet man sich als Zuschauer:in ein Ende in Freiheit für die Protagonistin. Doch die Devise hier lautet: Realität. Mit einem Überschuss an Glückshormonen oder einem „good cry“ geht man so nicht aus dem Film heraus. Dafür mit etwas Schwere im Herzen. Und vielleicht ist genau das die wahre Stärke von Tell Everyone: ein Historiendrama mit wahrer Historie. 

Tell Everyone ist auf dem Filmfest München zweimal zu sehen: Am 28. Juni um 15 Uhr und am 29. Juni um 17 Uhr.