Kultur in Quarantäne

Theater und Konzert fürs Sofa

/ / Bild: © Metropolitan Opera New York

In Schlafanzug, als Bettdecken-Burrito und mit einer Tüte Chips in die Oper. Unvorstellbar? Im digitalen Zuschauerraum ist das völlig legitim, und in der Quarantäne sowieso. Damit ihr trotz Social Distancing den aktuellen Kultur-Entzug problemlos überstehen könnt, haben wir ein Online-Angebot von Konzerten, Theatern und Museen aus aller Welt für euch zusammengestellt.

Viele prominente Opern- und Konzerthäuser bauen seit Jahren ihr digitales Programm aus: Livestreams sind im Kommen. So wird nicht nur ein größeres Publikum erreicht, als der Saal es zulässt, sondern auch Neulinge im Theater-Business können einmal in eine Performance hinein schnuppern, ohne gleich große Geldbeträge investieren zu müssen. So existiert vielerorts bereits die Infrastruktur, die jetzt, in Zeiten von Corona, umso intensiver genutzt werden will: Auf der ganzen Welt sind Kulturbetriebe bis auf Weiteres geschlossen, Künstler*innen müssen Auftritte absagen und Zuschauer*innen sitzen isoliert zuhause und sehnen sich nach Ablenkung. Deshalb steigen nun viele namhafte Opern-, Konzert- und Theaterhäuser spontan auf einen Online-Spielplan um und bieten zusätzliche Livestreams und On-Demand-Streams an, teilweise sind eigentlich kostenpflichtige Angebote während der Quarantäne sogar kostenfrei. Täglich wechseln die Programme und kommen neue Angebote hinzu, dementsprechend erhebt unsere Auflistung keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit – ist aber hoffentlich dennoch Inspiration genug, um euer persönlich kuratiertes Kultur-Programm für die nächsten Wochen zu füllen.

Im Folgenden also: Eine stetig wachsende Liste, unterteilt in die Kategorien Oper/Konzert/Ballett, Schauspiel, Museum und Literatur.

Oper, Konzert, Ballett

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Trailer für Il trovatore inszeniert von der Bayerischen Staatsoper. Eine Aufnahme der Oper ist aktuell online verfügbar.

Hier in München wird bei der Bayerischen Staatsoper aktuell an einem kostenlosen Online-Spielplan gewerkelt, um den eigentlich geplanten Spielplan zumindest teilweise zu ersetzen. Zu sehen sind Opern, Ballette und Konzerte. Diverse Stücke aus dem Repertoire sind on demand verfügbar, unter anderem Il trovatore mit Jonas Kaufmann. Die ursprünglich angesetzten Livestreams (Übertragungen von Performances ohne Publikum) mussten inzwischen aufgrund von verschärften Probe-Einschränkungen abgesagt werden.

Auch die Berliner Staatsoper führt ab dem 17. März einen kostenlosen Online-Spielplan ein. Hier wechselt das On-Demand-Programm sogar täglich: Für jeweils 24 Stunden sind ausgewählte Stücke aus dem Repertoire online verfügbar, zum Beispiel Manon mit Anna Netrebko. Neben Opern und Balletten ist auch die Veröffentlichung von Sinfoniekonzerten der Staatskapelle Berlin geplant.

Die Wiener Staatsoper macht ihre sonst kostenpflichtige Datenbank während der Quarantäne kostenfrei verfügbar. Ab 15. März werden jeden Abend Aufzeichnungen früherer Aufführungen live gestreamt, im Anschluss sind die Streams für jeweils 72 Stunden on demand verfügbar. Damit folgt das Haus bis auf wenige Ausnahmen dem ursprünglichen Spielplan, inklusive Wagners Ring-Tetralogie.

Ähnlich überwältigend ist das Online-Programm der Metropolitan Opera in New York: Während der aktuellen Quarantäne bietet das international renommierte Haus „Nightly Met Opera Streams“, also ein täglich wechselndes Programm an HD-Aufzeichnungen, unter anderem mit Klassikern wie La Traviata und Eugene Onegin. Die Streams sind für jeweils 20 Stunden verfügbar. Tatsächlich ist schon jetzt die Nachfrage so hoch, dass Interessierte bei Aufruf der Webseite in einen Online-Warteraum gelangen und sich einige Minuten gedulden müssen, bis sie den Livestream starten können.

Auch das Royal Opera House in London hat am 20. März ein eigens für die Quarantäne eingerichtetes Online-Programm bekannt gegeben: Auf dem YouTube-Channel des Opernhauses sind bereits jetzt Unmengen an Material zu finden, im Laufe von März und April sollen unter dem Hashtag #OurHouseToYourHouse vollständige Aufzeichnungen verschiedener Opern und Ballette folgen. Zu sehen sind neben ausführlichen Blicken hinter die Kulissen, etwa bei Gesangs- und Tanzproben, Klassiker wie Cosí fan tutte und Peter and the Wolf.

Das italienische Rossini Opera Festival wechselt alle paar Tage sein Online-Programm: Über den März und April hinweg werden die erfolgreichsten Produktionen der letzten zehn Jahre für jeweils 24 Stunden kostenlos als Stream zur Verfügung gestellt. Viele der hier gezeigten Rossini-Opern kommen sonst selten zur Aufführung. Die „Soirées musicales“ beinhalten unter anderem Aufzeichnungen von Sigismondo, Mosé in Egitto und Guillaume Tell.

Beim Anbieter Marquee TV sind Opern und Ballette mehrer großer Opernhäuser aus aller Welt zu sehen, aber auch zeitgenössische Tanz- und Theaterperformances. Etwa das weltberühmte Bolshoi Theater in Russland, die Arena di Verona oder die Royal Shakespeare Company sind hier vertreten. Zusätzlich sind hier zahlreiche Dokumentationen über Oper, Tanz und Theater geboten. Ein Abonnement ist kostenpflichtig, für 30 Tage kann man den Service allerdings kostenfrei ausprobieren.

Die Chamber Music Society of Lincoln Center in New York hat ein gigantisches Archiv vorzuweisen: Hier sind über 1000 Videoaufzeichnungen von Kammerkonzerten zu sehen, außerdem Vorlesungen und Audioaufnahmen aus über 50 Jahren Konzertbetrieb. Das Angebot ist jederzeit und kostenlos abrufbar.

Mehrere große Orchester haben eine eigene Online-Datenbank mit einer großen Auswahl an Konzertaufzeichnungen: So sind etwa das Gothenberg Symphony Orchestra und das Detroit Symphony Orchestra kostenlos online zu hören. Die Berliner Philharmoniker bieten bis zum 31. März kostenlosen Zugang zu ihrer Digital Concert Hall: Hier sind Konzerte aus mehr als zehn Jahren abrufbar. Die Symphoniker Hamburg starten ab 24. März ihr Online-Programm, mit kostenlosen Livestreams von Montag bis Freitag jeweils von 16:15 bis 17:00 Uhr.

Nicht zuletzt lässt sich auch auf Social Media einiges für Freund*innen klassischer Musik finden: So gibt etwa Pianist Igor Levit auf seinen Twitter- und Instagram-Accounts täglich um 19:00 Uhr ein digitales Hauskonzert, „bis wir uns alle wieder gemeinsam, real, nah beieinander, versammeln und Kunst erleben können“. Und das internationale Projekt Bach in the Subway hat dazu aufgerufen, Videos von öffentlichen Performances unter dem Hashtag #BachBeatsCorona zu teilen.

Schauspiel

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Trailer für das episodische Theaterprojekt Taylor AG vom Luzerner Theater, das komplett online stattfindet.

Die zwei größten Theaterhäuser Münchens sind während der Quarantäne online vertreten: Das Residenztheater führt ein tägliches „Tagebuch eines geschlossenen Theaters“ auf Instagram und YouTube, mit teils verstörenden Einblicken. Die Kammerspiele eröffnen am 18. März ihre virtuelle Kammer 4: Hier wird täglich ein interner Mitschnitt einer Kammerspiele-Produktion kostenlos für jeweils 24 Stunden online gestellt. Los geht’s mit der Komödie No Sex.

Die Schaubühne Berlin startet ab 21. März unter dem Titel „Zwangsvorstellungen“ in den Online-Betrieb: Täglich gibt’s eine Aufzeichnung aus sechs Jahrzehnten Bühnenbetrieb zu streamen, die Produktionen sind jeweils ab 18:30 Uhr bis Mitternacht verfügbar. Zusätzlich sind tägliche Einblicke in die Theaterisolation geplant, in Form von spontanen Lesungen, Improvisationen und Liedern.

Das Thalia Theater in Hamburg bespielt ab 28. März die digitale Bühne: Ähnlich dem Programm eines gut sortierten Privatradiosenders gibt es hier die Highlights aus den 80ern, 90ern und Hits von heute, neben Archiv-Aufnahmen sind also auch Stücke aus dem aktuellen Repertoire zu sehen. Die Streams gehen täglich um 19:00 Uhr online und sind dann für jeweils 24 Stunden kostenfrei abrufbar.

Die englischsprachige Plattform On the Boards ist normalerweise kostenpflichtig, bis Ende April sind die Inhalte jedoch kostenlos abrufbar: Hier werden Aufzeichnungen aus aller Welt online gestellt, von Schauspiel über Tanz bis Performance.

Das brandneue deutsche Pendant dazu ist Spectyou. Die Plattform soll zentrales Archiv der deutschsprachigen Theaterlandschaft werden und Stücke in voller Länge zeigen. Aufgrund der aktuellen Lage startet die öffentliche Testphase früher als geplant, am 19. März. Während dieser Beta-Phase ist der Service noch kostenlos. Großer Vorteil: Hier sind nicht nur staatliche Häuser, sondern auch Künstler*innen aus der freien Szene vertreten.

Das Theater-Portal Nachtkritik streamt während der Quarantäne Aufzeichnungen verschiedener deutschsprachiger Theater on demand. Außerdem halten die Nachtkritik-Autor*innen über den Theaterbetrieb und Zustände hinter den Kulissen auf dem Laufenden.

Das österreichische Aktionstheater stellt alle paar Tage ein neues Stück des eigenen Ensembles online. Die Streams sind kostenlos und on demand verfügbar.

Das Burgtheater sendet täglich unter dem Motto „My Home Is My Burgtheater“ virtuelle Grüße aus Wien: Mitglieder des Ensembles lesen in kurzen YouTube-Videos persönlich ausgewählte Geschichten vor. Neuen Content gibt es jeden Vormittag um 11:00 Uhr, die Videos sind ohne Zeitbeschränkung und kostenfrei jederzeit abrufbar.

Aus der Schweiz kommt ein Online-Angebot vom Luzerner Theater: Täglich wird eine neue Folge des episodischen Theaterprojekts Taylor AG online gestellt. Insgesamt wird es 30 Folgen geben, die Streams sind kostenlos.

Die beiden britischen Traditionshäuser Shakespeare’s Globe und National Theatre stellen Aufnahmen einzelner Produktionen auf ihren YouTube-Kanälen zur Verfügung. Dort sind sie für jeweils 14 (Globe Theatre) bzw. 7 (National Theatre) Tage kostenlos abrufbar. Zu sehen sind klassische Shakespeare-Stücke ebenso wie zeitgenössische Produktionen, häufig besetzt mit prominenten britischen Schauspieler*innen.

Wer Broadway-Produktionen auch ohne Flugticket nach New York sehen möchte, kann das jederzeit auf BroadwayHD, dem offiziellen On-Demand-Service für Broadway- und Westend-Performances aller Art. Zwar ist der Zugang im Abonnement kostenpflichtig, allerdings gibt’s kostenlosen Schnupperzugang für eine Woche.

Museum

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Image-Trailer für das MMCA in Seoul, eines von vielen Museen weltweit, die virtuelle Führungen anbieten.

Völlig unabhängig von Corona stellen zahlreiche Museen aus aller Welt Teile ihrer Kunst-Datenbanken online oder bieten virtuelle Rundgänge durch ihre Kunsthallen an.

So könnt ihr dank Googles „Art and Culture“-Programm ganz bequem vom Sofa aus berühmte Museen besuchen, etwa das Pergamon Museum in Berlin, das British Museum in London, das Musée d’Orsay und der Louvre in Paris, das Rijksmuseum und das Van Gogh Museum in Amsterdam, die Gallerie degli Uffizi in Florenz, das National Museum of Modern and Contemporary Art in Seoul, das Museu de Arte in São Paulo, die National Gallery of Art in Washington D.C. und das Metropolitan Museum of Art in New York.

Auch den Vatikan und mehrere seiner Museen kann man virtuell besuchen.

Außerdem stellt die Art Basel ab 20. März Online Viewing Rooms zur Verfügung, also eine virtuelle und kostenfreie Ausstellung von insgesamt 233 Galerien aus aller Welt.

Für Filmfreunde ist das digitale Archiv der Deutschen Kinemathek in Berlin zu empfehlen. Das Museum für Film und Fernsehen stellt auf seiner Webseite zahlreiche Ausstellungsstücke und Informationen kostenfrei zur Verfügung, von Filmplakaten aus den 1920ern und 1930ern über Bildergalerien zu Werner Herzog bis hin zum persönlichen Nachlass von Marlene Dietrich. Während der Quarantäne sind auf dem zugehörigen Twitter-Account unter dem Titel „Closed But Open“ tägliche Archiv-Highlights, sowie Film- und Buchtipps geplant.

Literatur

Zwar sind alle analogen Standorte der Münchner Stadtbibliothek geschlossen, aber online gibt’s weiterhin viel zu lesen. © Münchner Stadtbibliothek

Sollte euch im Laufe der Quarantäne der Lesestoff ausgehen, stehen euch Bibliotheken wie die Münchner Stadtbibliothek online beiseite: Ob mit oder ohne Bibliotheksausweis sind nach einer kurzen kostenfreien Registrierung zahlreiche digitale Medien verfügbar.

Für Literaturklassiker gibt es mehrere virtuelle Anlaufstellen: Das Projekt Gutenberg veröffentlicht rechtefreie Literatur online und kostenfrei. Die Plattform ist die älteste E-Book-Sammlung im Internet. Die US-amerikanische Library of Congress bietet eine kleine Auswahl an E-Books, inklusive Klassikern für Kinder wie Alice in Wonderland und Aesop’s Fables (auf Englisch).

Für neuere Erscheinungen und Bestseller eignet sich Bookbub: Zwar muss man sich als Nutzer*in registrieren, der Service ist jedoch kostenlos. Open Library wiederum bietet einen Mix aus Klassikern und neuerer Literatur: Hier einfach bei der Suche die Box für E-Books anklicken und kostenlose E-Books aus aller Welt finden.

Wer sich lieber vorlesen lassen möchte, findet auf Social Media neue Formate: Beispielsweise liest eine Gruppe junger Schauspieler*innen jeden Nachmittag live auf Instagram „Desintegriert Euch“ von Max Czollek, und abends liest Saša Stanišić für euch auf Twitch.

Zuletzt aktualisiert am 15. April 2020.