Democracy 2.0 Festival

Oresteia 1/4 (The Libation Bearers)

/ / Oresteia 1/4 Bild: the chorus project

Das internationale Theater-Festival Democracy 2.0 – the chorus project fragt nach den ungehörten Stimmen in einer Demokratie. Im Theater-Film Oresteia ¼ wird der Chor zum Facebook-Chat.

DER FLUCH DER ATRIDEN

Orestes und Elektra stehen am Grab ihres Vaters Agamemnon. Der Sohn schwört Rache für den Mord und vollzieht sie an seiner eigenen Mutter Klytaimestra. Es ist der zweite Teil der Orestie „The Libation Bearers“ von Aischylos, der die Grundlage für den minimalistischen Theater-Film Oresteia ¼ des nordmakedonischen Regisseurs Ivica Dimitrijevic bildet.

Mord zieht sich durch die Familie der Atriden, aus der Orestes entstammt. Als Klytaimestra ihren Ehemann Agamemnon tötet, um mit ihrem Liebhaber das Königreich zu regieren, ist Orestes verpflichtet seinen Vater zu rächen. Aber auch mit dem Mord an der Mutter tut er Unrecht: Egal wie Orestes handelt, er wird sich zwangsläufig schuldig machen. Das ist der Konflikt, der sich durch die Tragödie und auch durch Oresteia ¼ zieht. Am Ende von Aischylos‘ Stück wählt Orestes die Rache. Im Film von Ivica Dimitrijevic tritt dieser Konflikt hinter den Part des Chors zurück.

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Oresteia 1/4 als Theater-Film basiert auf dieser Live-Performance

EIN FACEBOOK-CHAT ALS CHOR

Orestes, Klytaimestra und Elektra gehören zur Herrschaftsfamilie in Mykene. Ihre Handlung wird immer wieder unterbrochen durch einen jungen Mann, der sie filmt, die Videos hochlädt und online Diskussionen anzettelt. Wer ist dieser Mann, der sich einmischt und durch dessen Perspektive die Zuschauer:innen das Geschehen beobachten? Eins ist sicher: er ist Teil des Chors.

Der Chor in antiken Tragödien stellt oft Stimmen des Volkes dar. Chor-Parts und Dialog-Teile wechseln sich ab, wobei der Chor über die Handlung und die Konflikte der Hauptpersonen reflektiert. In Oresteia ¼ findet der Chor durch einen Facebook-Chat statt – mit allen Mitteln, die für eine solche Diskussion typisch sind: Eine Person möchte ein Problem lösen: Soll Orestes Klytaimestra töten? Die nächste antwortet mit Polemik und am Ende werden nur noch Memes ausgetauscht. Statt also unisono zu sprechen, ist dieser Chor eine stumme Kakophonie der Meinungen.

Der junge Mann, der den Facebook-Chat startet, versucht verzweifelt etwas zu tun. Wird aber mit hartem Zynismus abgeschmettert. Die Moral des Chats: es ist egal ob Klytaimestra stirbt oder nicht, das System bleibt das gleiche. Der Chat zeigt die Tragik einer Debattenkultur, in der alle eine Meinung haben und niemand wirklich zuhört. Durch den tragischen Witz dieser Dialoge wird der Facebook-Chat interessanter als die eigentliche Haupthandlung.

EIN THEATRALER THEATER-FILM

Das liegt auch daran, dass der Theater-Film volle Aufmerksamkeit verlangt. Es gibt kaum Requisiten, der Großteil des Raumes ist in schwarz gehüllt. Der Facebook-Chat ist das einzig farbige in Oresteia ¼. Die Darsteller:innen spielen holzschnittartig: meist herrscht Stillstand in der Gestik und Mimik, dann aber gibt es Ausbrüche übertriebener Theatralik. Das Schlaglicht, das dramatische Schatten auf die Gesichter wirft, zeigt an, dass das Gesagte wohl Bedeutung hat. Leider vergehen die altenglischen Untertitel derart schnell, dass es ohne Makedonisch-Kenntnisse schwierig wird zu folgen.

All das erzeugt Distanz zur Performance. Sie verlangt danach entschlüsselt zu werden und das ist so gewollt, macht den Film aber auch unzugänglich.

Elektra und Klytaimestra in Oresteia 1/4

DEMOKRATIE BRAUCHT DISKUSSION

Nach Orestes‘ Mord an Klytaimestra wird er von den Rache-Göttinnen verfolgt. Schließlich kommt er nach Athen, wo er in einer demokratischen Gerichtsverhandlung freigesprochen wird. Dieser letzte Teil der Trilogie war wohl der Grund warum sich The Chorus Project ausgerechnet die Orestie als Stoff für all ihre Performances ausgesucht hat: es ist ein Gründungs-Mythos, auf den sich die Demokratie in Athen stolz bezogen hat.

Aber in Athen hatten nur freie Männer die Möglichkeit der Teilhabe. Wer hat sie heute? Wer spricht, wer wird gehört? Das sind die Fragen, die das Festival stellt. Konsequent ist es daher, dass Diskussionen ebenso viel Raum einnehmen wie die Performances. Das Gespräch nach Oresteia ¼ heißt programmatisch „Democracy is needed“. Der Regisseur des Theaterfilms Ivica Dimitrijevic und Tom Mansfield von dem britischen Ensemble des chorus project besprechen aber weniger, dass wir Demokratie brauchen, sondern vielmehr, dass Demokratie uns braucht. Es wird kantianisch, wenn Dimitrijevic fordert:

„We need to democratize our minds.”

Die beiden Regisseure sprechen im Anschluss des Stückes über Europa, über Nord-Makedonien, das beitreten will und Großbritannien das die Union verlässt. Sie sind sich einig darüber wie wichtig es ist Menschen über die Kunst zu verbinden und dass es keine demokratische Wahl ist, wenn nur zwei Möglichkeiten zur Auswahl stehen.

So sind wir wieder bei Orestes und der Entscheidung, die ihm eigentlich keine Möglichkeit lässt. Oresteia 1/4 zeigt auf, wie wichtig ein Diskurs ist, der anders als im Facebook-Chat offen ist, in der alle frei von ihren eigenen, egozentrischen Bedürfnissen miteinander sprechen. Die Form dieser Botschaft lässt jedoch den Verdacht aufkommen, dass es sich hier um ein Projekt von Theater-Nerds für Theater-Nerds handelt.

Oresteia 1/4 lief am 18. Februar im Rahmen des vom Pathos veranstalteten Democracy 2.0 Festivals.