Bild: No President | Nature Theater of Oklahoma © Heinrich Brinkmöller-Becker 1

SPIELART

„NO PRESIDENT“

/ / Bild: No President | Nature Theater of Oklahoma © Heinrich Brinkmöller-Becker 1

Rosa Ballettschuhe die über dem Boden schweben, getragen von einem Ensemble von Tänzern, die vor einem roten Theatervorhang gespannt in die Luft springen. Das ist das Titelbild, mit dem das Spielart Theaterfestival auf seinen Plakaten dieses Jahr Werbung für sich macht. Ein Szenenbild aus dem Theaterstück „No President“ des Nature Theater of Oklahoma aus New York, welches die Spielart letztes Wochenende eröffnen durfte. Was hat jetzt aber ein Ballettensemble in einem Theaterstück verloren?

No President | Nature Theater of Oklahoma © Heinrich Brinkmöller-Becker

Ein Ballett als Satire über das Theater

Die Musik aus dem Nussknacker von Tschaikowsky beginnt zu spielen und auf der Bühne reihen sich die Künstler in ihren hellrosa Strumpfhosen in Formation auf. Die Bühne in diesem Fall: Alles zwischen einem langen roten heruntergelassenen Samtvorhang und dem Zuschauerraum. Eine Bühne vor der eigentlichen Bühne entsteht, auf der Hauptdarsteller Mikey, Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, zusammen mit seinen Kollegen den roten Samtvorhang und die Bühne dahinter bewachen muss. Alle Mitarbeiter der Sicherheitsfirma sind gescheiterte Schauspieler, denen, um finanziell zu überleben, nichts anderes übrigbleibt als das zu bewachen, was ihnen stets verwehrt geblieben ist – die Theaterbühne. Schnell wird klar, „No President“ ist ein Theater über das Theater und über die Herausforderungen und Schwierigkeiten, denen Künstler begegnen, um ihrem Ziel, der Bühne, näher zu kommen. Die Kritik am Theater und dem Dasein des Künstlers wird durch die Form der Darstellung, einer satirischen Ballettperformance, unterstrichen. Mikey und seine Kollegen tanzen wortwörtlich durch ihr Leben und begegnen dabei dem Missbrauch von Macht, Gier und Liebe, der sie gegenseitig auffrisst.

Ohne Form und Norm

No President | Nature Theater of Oklahoma © Heinrich Brinkmöller-Becker 3

“No President” ist ein Theaterstück, das sich in keine feste Theaterform oder Norm eingliedern lässt. Pavol Liska, Kelly Copper und ihr Nature Theater of Oklahoma ist bekannt dafür, Genres und kulturelle Codes von innen heraus aufzubrechen und zu ihren eigenen Bedingungen umzustrukturieren. 

„We just wanted to reinvent for ourselves the artform that we were not happy with, try to make as radical work of theater as we could possibly do.”
Pavol Liska

So entsteht eine kuriose neuerfundene Theaterperformance aus einem Mix von semiprofessionellen Ballett-, Stummfilm- und Slapstick-Elementen. Es ist laut und chaotisch. Dialoge gibt es keine, nur einen Erzähler, der die furiose Choreographie auf der Bühne in einen Kontext setzt. Die Bühne mutiert zu einem bunten Feuerwerk voller Reizüberflutung.

Ohne Atem- oder Verschnaufpause

Das schnelle Tempo des Stücks, das über 2,5 Stunden keinen Moment für Pausen zulässt, macht es dem Zuschauer kaum möglich die Aufmerksamkeit durchgehend zu halten. Diese Herausforderung, die das Nature Theater of Oklahoma seinen Zuschauern mit „No President“ stellt, ist ihnen durchaus bewusst. So geben Hauptdarsteller Ilan Bachrach und Robert Johanson beide zu:

“No one has this attention span, but we strive for you to have that, that’s the thing. So it’s not we do want you to fall asleep, but it’s open to that possibility. We’re trying to wake you up if you do.“

Und den Zuschauer immer wieder aufzuwecken, das schaffen sie tatsächlich. Sei es durch immer wieder abwechselnde absurde Kostümierungen, groteske Charakterhandlungen oder überspitzte und abrupte plot twists.

Raus aus der Komfortzone

So herausfordernd das Stück für Augen und Ohren sein mag. So herausragend ist die Leistung der Schauspieler auf der Bühne. Sie fordern den Zuschauer heraus, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich voll und ganz dem Chaos, Trubel und der Verrücktheit auf der Bühne hinzugeben. Das Durchhaltevermögen und die durchaus komplizierte und anspruchsvolle Choreographie beeindrucken und machen „No President“ zu einem außergewöhnlichen Theatererlebnis.