Federico Delfrati im Interview

Neustart

/ / Bild: Federico Delfrati

Der junge Münchner Künstler Federico Delfrati wagt sich für sein aktuelles Kunstprojekt „Beresheet“ in vielerlei Hinsicht in neue Gefilde: Unbekanntes Textil, unbegrenzte Gedankenwelten und ungewohnte Arbeitsprozesse.

Beresheet umfasst nämlich nicht nur eine Installation im Apartment der Kunst, sondern auch ein gleichnamiges Album und damit seinen ersten musikalischen Gehversuch als Solokünstler. Im Interview haben wir mit ihm über die Installation, das Album und deren kleinsten gemeinsamen Nenner – das Bärtierchen – gesprochen.

Federico Delfrati im Interview mit M94.5

Zähe kleine Biester

Sie sind mikroskopisch kleine, enorm anpassungsfähige Tiere, die den extremsten Bedingungen trotzen und dadurch jedes Massensterben auf der Erde überlebt haben: Bärtierchen. So drollig die Erscheinung und Fortbewegung (Lat. tardus: träge, gradus: Schritt) dieser Tardigrada auch sein mag, so bedeutend könnten sie für die menschliche Zivilisation sein. Das israelische Mondlandefahrzeug Beresheet (hebräisch „am Anfang“) wollte sich dieser Anpassungsfähigkeit des Bärtierchens zunutze machen. Beladen mit einer Art Backup des Planeten Erde, darunter Bücher, menschliche DNA-Proben und eben auch tausende Bärtierchen, zerschellte es im Frühjahr 2019 auf der Mondoberfläche.

Als Federico Delfrati diese Meldung las, war er sofort fasziniert von diesen kleinen Wunderwaffen und sah in den Bärtierchen Hoffnungsträger, schließlich könnte uns im Zuge des Klimawandels in nicht allzu ferner Zukunft ein weiteres Massensterben drohen. Damit war die Idee seines neuen Kunstprojekts Beresheet geboren. Ein gigantischer Sitzsack in Form eines Bärtierchens soll im Zentrum der Installation stehen. Nach langer Recherche zum geeigneten Ober- und Füllmaterial (Delfrati hatte zuvor noch nie mit Textilien gearbeitet) war er vollbracht, der Bärtierchen-Sitzsack, auf dem gerne Kinder spielen dürfen und die Ausstellungsbesucher*innen dem dazugehörigen Album lauschen können. Delfrati selbst, der Englisch und Deutsch gerne mal kombiniert, nennt das Objekt liebevoll „das Beast“.

„Das Beast“: Delfratis riesiger Bärtierchen-Sitzsack
Je nach Lichteinstrahlung und Blickwinkel schimmert das robuste Material in verschiedenen Farben

„A performance within an installation“

Natürlich taucht das Bärtierchen auch im musikalischen Pendant zur Installation wieder auf. Am 27. Juni, zeitgleich zur Ausstellungseröffnung, veröffentlicht Delfrati sein Debütalbum Beresheet, „eine elektronische Geschichte in fünf Akten“. Jedem dieser fünf Kapitel liegt eine Emotion zugrunde (Verzweiflung, Wut, Resignation, Ehrgeiz, Akzeptanz), die den Wahlmünchner überkommt, wenn er an ungreifbare Dinge wie den Klimawandel, Massensterben oder das Internet denkt, also Konzepte, die Zeit, Raum und das Vorstellungsvermögen des Menschen weit übersteigen. „Hyperobjekte“ nennt der US-amerikanische Philosoph Timothy Morton solche Konzepte und Delfratis Theorie zufolge könnten auch Bärtierchen als solche „Hyperobjekte“ gelten. So widmet er Morton den Album-Opener.

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Federico Delfrati – „Timothy“

Ein Genre-Hybrid

Mit gesanglicher Unterstützung von Judith Bodendörfer (laut Delfrati würden manche Songs von einem zweiten, gegensätzlichen Timbre profitieren) geht es in den darauffolgenden Kapiteln ähnlich rhythmisch-elektronisch zu. Der einzige Ausreißer ist der dritte Akt „Amber“, in dem Delfrati eher zurückgenommene Gitarrenklänge anschlägt. Diese Überschneidung von elektronischen und akustischen Elementen hat dem gebürtigen Mailänder schon immer gut gefallen, schließlich lägen seine musikalischen Ursprünge eher im Singer-Songwriter-Bereich, nachdem er als Jugendlicher begann Gitarre zu spielen.

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Federico Delfrati – „Amber“

Trio Infernale

Delfratis Herz schlägt aber für beide Genres gleichermaßen. Erst im Lauf der letzten fünf Jahre entwickelte sich für ihn die Musik vom Hobby-Ausgleich zur Profession und das hat er laut eigener Aussage seinen Freunden und Künstlerkollegen Claudio Matthias Bertolini und Fabian Feichter zu verdanken. Gemeinsam sind sie das Techno-DJ-Trio Kunststoffwerkstatt und arbeiten aktuell neben ihren jeweiligen Soloprojekten ebenfalls am ersten Album, das mit etwas Glück trotz Corona noch in diesem Jahr erscheinen soll.

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Kunststoffwerkstatt (v.l.): Federico Delfrati, Claudio Matthias Bertolini, Fabian Feichter

No Risk No Fun

Natürlich ist sich Delfrati auch der Herausforderungen bewusst, die ein in eine Kunstinstallation integriertes, elektronisches Storytelling-Album in fünf Akten mit sich bringt. Gerade in Zeiten, wo Musik überall und ständig passiv als Hintergrundgeräusch konsumiert wird, verlangt es den Hörer*innen viel ab, der gut 30-minütigen Erzählung aufmerksam zu folgen. Das könne man aber ruhig mal vom Publikum erwarten, so Delfrati.

„I know of the implications of having a lot of spoken text, but since it was my first attempt of doing something more musical, I just decided to give it a go. Perhaps I subconsciously challenge the listener to just this time really listen. I’m not saying that I’m blowing your mind with what I’m saying, but it’s a new story, so why not try at least.”

Federico Delfrati im Interview mit M94.5

Nach dem Neustart ist vor dem Neustart

Als Musiker hat Federico Delfrati jetzt Blut geleckt und hat sogar schon neue Ideen, wie ein zweites musikalisches Projekt aussehen könnte. Judith Bodendörfer soll beispielsweise mehr am Prozess beteiligt sein, sowohl beim Songwriting, als auch bei der Umsetzung. Ob, wann und in welcher Form ein zweites Album erscheint, steht aber vorerst noch in den Sternen.

Seine aktuelle Performance-Installation Beresheet wird noch bis zum 24. Juli im Apartment der Kunst zu sehen und hören sein. Am 18. Juli möchte Delfrati das Album sogar ähnlich wie bei der Ausstellungseröffnung nochmals live vor Ort performen. So gelang es ihm mit diesem Projekt seiner künstlerischen Tätigkeit neben Illustration und bildender Kunst eine weitere Facette hinzuzufügen, sodass er sich nun zurecht auch Musiker nennen könnte. Beim ersten Treffen stellt er sich aber ganz unverfänglich als Artist vor. Schließlich dürfte der künstlerische Entwicklungsprozess dieses Tausendsassas noch lange nicht abgeschlossen sein.