M94.5 Kulturkritik

Macbeth

/ / Bild: Kammerspiele München

Die Kammerspiele schaffen mit ihrem neuen „Macbeth“ das schier Undenkbare: aus einem solchen Uralt-Klassiker noch etwas Originelles herauszuholen.

The Scottish Play, wie Abergläubige es nennen, wurde bereits derart oft inszeniert und verfilmt (und das in einer Bandbreite von Orson Welles bis Roman Polanski), dass in der westlichen Welt wirklich ausnahmslos jeder schon mal wenigstens ein paar Fetzen davon gehört hat. Es gehört zum Kern des allseits beliebten Shakespeare-Kanons, an dem es kein Vorbeikommen gibt. Macbeth ist ein großes Stück, durchaus, aber es ist bei Weitem kein neues. Weshalb sich dieses 400 Jahre alten Stoffes also überhaupt noch annehmen?

Genau dieser Frage begegnet Regisseur Amir Reza Koohestani (einer der bekanntesten Theaterregisseure im Iran) abseits jeglicher Shakespeare-Verklärung in seiner Inszenierung an den Kammerspielen. So viel vorweg: Seine Version des mordenden Königspaars gehört zu den sehenswertesten Inszenierungen überhaupt – entfaltet seine Wirkung aber wahrscheinlich genau dann am besten, wenn der Zuschauer unbehelligt und in Erwartung eines klassischen Macbeth ins Theater geht. Wer sich diesen unverbrauchten Blick nicht verderben möchte, liest den Rest dieser Kritik also am besten erst nach dem Theaterbesuch.

Der doppelte Boden mit Klangteppich

Weshalb also Macbeth? Shakespeares Theater thront immerhin auf einem nahezu unantastbaren Podest, auf dem wenig Platz bleibt für Innovation. Deshalb lässt Koohestani es auch ein klein wenig bröckeln, dieses Podest, indem er es ganz klar hinterfragt: Seine Figuren reflektieren den Stoff aus moderner Perspektive, weil sie ihn selbst inszenieren wollen – oder müssen. Der eigentliche Originaltext wechselt sich nämlich ab mit Blicken hinter die Kulissen, wo Schauspieler mit ihren Texten hadern und während dem Toilettengang die Dynamik der eigenen Rollen analysieren. Durch zahlreiche Brecht’sche Brechungen zerschmilzt irgendwann die Grenze zwischen dem Stück und seiner Inszenierung, zwischen auf und hinter der Bühne.

Den bindenden Kitt dazwischen bilden oft musikalische Einlagen – die, keine Sorge, absolut nichts mit Musical und vielmehr mit Alternative-Electronic-Konzert zu tun haben. Musiker-Duo Pollyester liefert sphärische Klänge, die Shakespeares Zeilen, gepaart mit psychedelisch anmutenden Video-Sequenzen und Lichteffekten, einen hypnotischen Sog verleihen. Diesem Macbeth tut es gut, dass er keine Pause hat, denn so kann sich der Zuschauer vollends einlassen auf diese fließenden Übergänge aus Dialogen und Musik.

Atmosphärisch auf den Punkt: Mit Musik von Pollyester und starken visuellen Eindrücken.

Macbeth gehört niemandem und uns allen

Das Spannendste an dieser Inszenierung bleibt aber ihre Multilingualität: Zwar läuft sie in erster Linie auf Deutsch, lässt ihre nicht-deutschen Schauspieler aber genauso in ihrer Muttersprache auftreten, jeweils übersetzt auf geschickt platzierten Bildschirmen im Hintergrund. Shakespeare spricht Arabisch, spricht Farsi, spricht zuletzt auch ein bisschen Englisch, wenn auch nur zur Kommunikation über Sprachgrenzen hinweg. Wie er klingt auf anderen Sprachen, welche Sprache ihn am besten versteht, und was es heißt, sich auf einer Sprache auszudrücken, die nicht die eigene ist – all das verarbeitet Koohestani auf witzige, persönliche, politische, teils auch bedrückende Art und Weise. Und trotzdem bleibt seine Modernisierung subtil, und trotzdem lässt er diese alten Zeilen in ihrer ganzen Durchschlagkraft wirken, sobald der Kontext passt. Für einen Mann, der nie in Syrien war, weiß Shakespeare es gut zu beschreiben.

Koohestanis Macbeth wird nur genießen, wer schon einigermaßen vertraut ist mit dem Stoff. Ohne Vorwissen bleiben die Verbindungen zwischen den Figuren diffus, die Symbolik undurchschaubar, und die Verwendung der vielen verschiedenen Sprachen erfordert aufmerksames Mitlesen und Offenheit für fremde Sprachmelodien. Wer sich darauf aber einlassen kann, wird belohnt mit anderthalb Stunden Intensivprogramm, voller cleverer Szenenwechsel, spannender Gespräche und unerwartet frischem Humor. Denn ja, auch nach 400 Jahren lohnt sich der Blick in den Macbeth – die Kammerspiele machen ihn aktueller denn je.

„Macbeth“ feierte am 07. Dezember 2018 seine Premiere und ist ab sofort in den Kammerspielen zu sehen.