M94.5 Filmkritik

All hail, Macbeth!

/ / Bild: ©Jonathan Olley / See-Saw Films

Etwas Großes kommt daher: Shakespeare geht auch unverstaubt. Der neue „Macbeth“ macht ratlos – und das ist gut so.

In der Regel fallen Shakespeare-Verfilmungen in eine von zwei recht eindeutigen Kategorien. Auf der einen Seite die Originalgetreuen, die Traditionellen, die Staubtrockenen und Altehrwürdigen, die kaum ein Publikum außerhalb passionierter Shakespeare-Kenner finden: Sir Kenneth Branaghs vierstündiger „Hamlet“ zum Beispiel.  Auf der anderen Seite die Innovativen, die Lauten, die Jungen und Wilden, die den alten Stoff modern verpacken. Dazu gehören Baz Luhrmanns „Romeo + Juliet“ oder Ralph Fiennes‘ „Coriolanus„.

Die neueste „Macbeth“-Verfilmung fällt in keine dieser beiden Kategorien. Stattdessen bricht sie mit Erwartungen und stiftet Verwirrung, und genau das macht sie aus. Am besten wirkt sie auf denjenigen, der gar keine Erwartungen an sie stellt.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Kurzels Macbeth ist vor allem eins: Bildgewaltig.

„Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild“

Sonderliche Erwartungen weckt Regisseur Justin Kurzel ohnehin nicht. Der Australier dürfte nur den wenigsten Kinogängern ein Begriff sein; sein erster und einziger Spielfilm Snowtown war nur in seiner Heimat ein Erfolg. Und dann nimmt sich ausgerechnet dieses unbeschriebene Blatt eines Jahrhundert-Epos wie Macbeth an. Damit ist er genau der Richtige. Denn obwohl auch er nur mit Originaltext arbeitet, lässt er ihn von seinem Drehbuch-Trio (Jacob Koskoff, Todd Louiso, Michael Lesslie) auf ein schlankes Grundgerüst herunterkürzen. Genauso verlieren zentrale Motive wie Wahnsinn, Magie und Trug ihre Durchschlagkraft.

Stattdessen soll Kurzels Macbeth ein realistischer sein: das Ehepaar menschlich, das Kostüm historisch neutral. Zwar ist die Geschichte weiterhin abseits der modernen Welt verortet, alles wirkt dreckig und abgelebt, und die zugigen Gemäuer irgendwo im tiefen Nebel sind alles andere als heimelig. Aber es ist nicht die Jahrhunderte überdauernde Wortgewalt des Textes, die im Mittelpunkt steht, sondern das menschliche Versagen der machtgierigen Macbeths. Das ist auch völlig ohne jedes Hexenwerk erschreckend. Wer Shakespeare erwartet, wie er ihn aus dem Theater kennt, ist hier fehl am Platz.

„Bis mir das Fleisch gehackt ist von den Knochen“

Dieser neue Macbeth ist zuallererst Krieger. Er führt Heere und gewinnt Schlachten – und das mit einer unbeirrbaren Intensität, die ihresgleichen sucht. Michael Fassbender scheint die Rolle des Kämpfers und Anführers wie auf den Leib geschneidert zu sein: Er verkörpert den Feldherrn ebenso überzeugend wie den Tyrannen, der schmerzhaft seinen Verstand verliert. Denn dieser neue Macbeth ist nicht nur Krieger, er leidet auch darunter. Die Grauen des Krieges verfolgen ihn unaufhaltsam, die Bluttaten nagen an seinem Gewissen, Verstorbene lassen ihn nicht ruhen. Es sind die Symptome eines Soldaten mit posttraumatischer Belastung.

Dieser neue Macbeth, er ist traumatisiert, und nach der Heimkehr ist er mit dem Überleben ebenso überfordert wie die Frau, die ihren Mann nicht wiedererkennt. Marion Cotillards Lady Macbeth fehlt der hysterische Wahnsinn, den mancher gewohnt sein mag. Vielmehr schwindet ihre anfängliche Bissigkeit leise dahin, während ihr König nur umso fanatischer wird.

Es ist eine mutige und doch so naheliegende Auslegung des Stoffes, die ihn damit auch losgelöst vom historischen Kontext nachvollziehbar und ergreifend macht. Die verrauchten Schlachtfelder und einsamen Landschaften Schottlands mögen beeindruckend sein, und bildgewaltig ist diese Verfilmung allemal. Aber es ist der emotionale Ballast, der auch nach Ende des Films hängen bleibt.

Der Krieger inmitten weiter Landschaft: Fassbender in Macbeth. © Jonathan Olley

„Schön ist wüst, und wüst ist schön“

Macbeth ist ein Stück über das Böse, über Machtgier und Schuld, und über den einzigen Protagonisten Shakespeares, der niemals Erlösung erfährt. Diesem Kern bleibt Kurzels Verfilmung treu, selbst wenn an die Stelle von Magie und Chaos das Trauma eines Kriegsveteranen tritt.

Diese Erzählperspektive mag nicht bombastisch sein, sie ist weder überwältigend noch atemberaubend, aber: sie hängt nach. Sie schleicht sich an und hinterlässt, ganz ohne Taschenspielertricks, einen schalen Nachgeschmack. Genau das macht Macbeth zu einem Film, der funktioniert. Er will nicht gefallen, und das soll er auch gar nicht.

Macbeth ist viszeral, ist düster, ist das leise Pochen hinter den Schläfen. Wer nicht zu viel erwartet, wird mit einer ratlosen Trance beim Verlassen des Kinos belohnt. Und das ist gut so.

„Macbeth“ lief ab dem 29. Oktober 2015 in den deutschen Kinos und ist ab 07. April 2016 auf DVD und BluRay erhältlich.