Kommentar

Likes für Depressionen?

/ / Bild: M94.5 / Michael Goder

*CONTENT-WARNUNG: Psychische Krankheiten*

Unter den Hashtags #depression, #deadinside und #suicidal versammeln sich auf Instagram düstere Profile die von psychischer Krankheit bis hin zu Suizidgedanken berichten. Mental Health Awareness ist wichtig, aber wo ist die Grenze zu einer Glorifizierung von Depression? – ein Kommentar von Livia Beck

Auf Instagram findet man eine geschönte Version vom echten Leben – Alle machen sie Urlaub, sind wunderschön und dabei auch noch schrecklich produktiv! Das ist jetzt vielleicht keine neue Erkenntnis. Es hat aber zur Folge, dass sich eine Art Besessenheit mit Authentizität auf der Plattform breit macht.

Weg von den glamourösen Bling Bling Selfies, wird sich jetzt nachdenklich gegeben, stets auf dem Pfad der Selbstverwirklichung. Jeder postet jetzt über den Zustand seiner psychischen Gesundheit, über seine manchmal dunklen Gedanken, Selbstzweifel und Panikattacken.

Wann geht diese Authentizität zu weit?

Eine Bekannte von mir postete eine Story, in der man nichts als einen schwarzen Bildschirm sieht – mit einer Tonaufnahme, in der man sie bitterlich weinen hört – die Hashtags: #depression #paininside #cutme. Dieser intime Einblick in ihre Psyche trifft völlig unerwartet und kann sehr verstörend sein. Hier geht mir dann auch diese „Authentizität“ über die eigene psychische Gesundheit zu weit.

Dabei ist Mental Health Awareness wichtig und das Teilen der eigenen Erfahrungen, z.B. mit Depressionen, kann helfen und psychische Probleme normalisieren. Doch das ungefilterte Posten der düstersten Gedanken und dunkelsten Momente live auf Instagram entstigmatisiert nicht. Im Gegenteil: Es klingt wie ein Schrei nach Aufmerksamkeit, der alle Zuschauer in die Verantwortung zieht, ob man will oder nicht. Aber inwiefern kann man von fast Fremden im Internet erwarten, dass sie einen aus der Dunkelheit ziehen.

Oder noch bedenklicher: Was triggert dieses Verhalten bei anderen?

Klar, getriggert werden kann man überall. Und ich muss meiner Freundin ja auch nicht weiter folgen, um mich selber zu schützen. Aber auf Instagram macht sich generell eine „darkasthetic“ breit, hinter #selfharm und #painquotes verstecken sich Bilder von Selbstverletzung mit dazugehörigen Sprüchen wie „the darker the thought, the deeper the cut“. Eine düstere Parallelwelt hat sich auf Instagram breit gemacht mit selbsternannten „Depri-Psycho-Girls“ und „Sad Boys“ – was schon erste Opfer gefordert hat.

2017 nahmen sich in der Großbritannien mehrere junge Mädchen das Leben, nachdem sie sich alle mit suizidalen Instagramprofilen gegenseitig hochgeschaukelt hatten.

Wer ist dafür verantwortlich, diese Inhalte zu moderieren?

Hier kann man jetzt natürlich wieder nach der Internetpolizei rufen. Aber hier ist auch die Plattform selbst verantwortlich. Instagram löscht von nun an alle Fotos von Selbstverletzung und Anleitungen zum Suizid rigoros. Aber das trifft eben nicht auf Bildunterschriften zu oder die Tonschnitte, die aber genauso verstörend sind und ebenso einen Werther-Effekt haben können. Instagram schafft es also nicht nur, mich den perfekten Urlaub anderer neiden zu lassen, sondern kann mir auch die Schattenseiten des Lebens brutal vor Augen führen.

#mentalhealth #instagramtrend #depression