PLATTE DES MONATS: SEPTEMBER '21

Injury Reserve – By the Time I Get to Phoenix

/ / Bild: Injury Reserve (Parker Corey)

Emotionsgeladenen, experimentellen und ehrlichen Hip-Hop – das bringt uns Injury Reserve mit ihrem zweiten Album By the Time I Get to Phoenix. Es ist aber nicht nur ein Album, sondern auch ein Abschiedsgedicht and ihren verstorbenen Bandkollegen Step J. Groggs.

Geboren in einer Hip-Hop Wüste

2012 haben sich die beiden Rapper Ritchie with a T und Stepa J. Groggs mit dem Produzenten Parker Corey zusammengeschlossen um in der „Hip-Hop Wüste“ Arizona Musik zu machen. Trotz fehlender lokaler Hip-Hop Szene in Phoenix konnte das Trio an Bekanntheit gewinnen. Auf Hauspartys neben Punk-Bands und House-DJs, sowie auf Internetforen und Streamingseiten hat die Band experimentellen Hip-Hop mit ihrer wachsenden Fangemeinde geteilt. Nach ihrem 2019 erschienen Debütalbum und dem tragischen Verlust von Bandmitglied Groggs erreicht Injury Reserve mit ihrem neuen Album By the Time I Get to Phoenix den Höhepunkt ihrer experimentellen Hip-Hop Karriere.

Ungewöhnliche Orte führen zu ungewöhnlicher Musik

Erste Ideen für By the Time I Get to Phoenix hat das Trio während ihrer Europa Tour bekommen. Passend zur ungewöhnlichen Konzert-Location in Stockholm, einem Hinterzimmer eines italienischen Restaurants, hat die Band beschlossen, eine genauso ungewöhnliche und leicht improvisierte Show zu bieten. Unter den gespielten Songs war auch „Superman That“, ein damals noch halb fertiges Lied, mit Glitch-Hop Elementen und düsteren Lyrics.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Injury Reserve – „Superman That“ (Musikvideo)

„Superman That“ sowie weitere Soundboard-Aufnahmen des Konzert-Abends haben den Ton und die Stimmung für das neue Album gegeben. Zusätzliche Inspirationsquellen waren die immer wieder erschütternden Ereignisse im Jahr 2020, die von der Pandemie über die Tötung von George Floyd bis hin zum unerwarteten Tod des eigenen Bandkollegen Groggs gereicht haben. Somit ist By the Time I Get to Phoenix nicht nur Injury Reserves neustes Album, sondern auch ein Tribut für Groggs.

Experimentelles Tribut

Mit ihrem neuen Album beweist die Band, dass sie jegliche Mainstream-Tendenzen komplett abgelegt hat. Sicher spielt da auch Groggs Vorgabe, merkwürdige Musik zu machen, eine große Rolle. Traditionelle Song-Strukturen werden über Bord geworfen und von inkonsistenten Taktwechseln, mächtig klingenden Drums und unkonventionell verarbeiteten Samples ersetzt. Gekonnt setzt Richie dazu seine Stimme ein. Ein ständig wechselnder Rap Flow und seine verstellte Stimmlage passen perfekt zu den Industrial-Sounds des Albums. Groggs hingegen ist nur noch selten auf dem Album zu hören. Die Texte sind sehr emotional und ehrlich. Themen wie Trauma und Reizüberflutung in einer Welt, die von 5G Türmen, Handdisenfektionsmitteln und Tod geprägt ist, werden angesprochen. Gleichzeitig gibt es auch immer wieder viel Raum für Interpretationen.

Twitter

Mit dem Laden des Tweets akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Twitter.
Mehr erfahren

Inhalt laden

Der Tod des Bandmitglieds Groggs hatte einen großen Einfluss auf das Album

Der Opener „Outside“ gibt den Ton des Albums an. Der Beat zusammen mit dem Geräusch von schnellen, fast schon schmerzhaften Atemzügen, reflektieren die bittere Panik der Trauer. Auch der Song „Top Picks for You“ sticht heraus. Es ist Richies Nachricht an ein verlorenes Familienmitglied. Er erzählt von Algorithmen, die bis in alle Ewigkeit TV-Sendevorschläge für jemanden suchen, sogar nach dem Tod der Person. Die Algorithmen dienen hier als Metapher und reflektieren das Gefühl, dass eine verstorbene Person immer noch unter uns ist. Tatsächlich hat Groggs an dem Song auch noch mitgearbeitet, und trotzdem vermittelt der Track das Gefühl, dass der Text an ihn gerichtet ist.

Mutiger Post-Rap

Mit By the Time I Get to Phoenix haben Injury Reserve nicht nur ihre eigene Musik, sondern den gesamten Post-Rap auf ein neues Level gebracht. Emotionen werden ungefiltert präsentiert und eigentlich unharmonische Klänge gekonnt gemischt. Mutig zeigt sich die Band auf eine besondere, noch experimentellere Art und Weise und schafft damit eine eindringliche und wundervolle Widmung an den verstorbenen Groggs. All das macht By the Time I Get to Phoenix zu unserer Platte des Monats.

By the Time I Get to Phoenix ist am 15.09.2021 in Eigenvertrieb erschienen.