M94.5 Filmkritik

Gut gegen Nordwind

/ / © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH / Tom Trambow

Zwei Bildschirme. Zwei Menschen. Und zwischen ihnen viele hundert E-Mails. Emmi und Leo schreiben sich täglich, manchmal mehrere Mails pro Minute. Dabei haben sie keine Ahnung, wie der andere aussieht.

Vielen 100.000 Menschen dürfte diese Geschichte bekannt vorkommen – denn 2006 ging der E-Mail-Roman „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer… nun, heute würde man sagen: viral. Jetzt – 13 Jahre später – sind klassische E-Mails nicht nur gänzlich unpopulär als Chat-Mittel, auch bei Emmi und Leo hat sich einiges verändert. Was sich 2006 noch so angehört hat:

LEO: Liebe Emmi Rothner, wir kennen uns zwar fast noch weniger als überhaupt nicht. Ich danke Ihnen dennoch für Ihre herzliche und überaus originelle Massenmail! Sie müssen wissen: Ich liebe Massenmails an eine Masse, der ich nicht angehöre. MfG, Leo Leike.

EMMI: Verzeihen Sie die schriftliche Belästigung, Herr Mfg Leike. Sie sind mir irrtümlich in meine Kundenkartei gerutscht, weil ich vor einigen Monaten ein Abonne- ment abbestellen wollte und versehentlich Ihre E-Mail- Adresse erwischt hatte. Ich werde Sie sofort löschen.

Klingt heute so:

LEO: Liebe Emma Rothner, herzlichen Dank für Ihre überaus originelle Massenmail. MfG, Leo Leike.

EMMI: Passiv-agressiver Idiot.

Hoppla, das klingt aber nicht mehr nach den fein gedrechselten Silben von Daniel Glattauer. Aus Glattauers E-Mail-Roman-Vorlage ist – aus nachvollziehbaren Gründen – kein Chat-Verlauf zum Mitlesen auf der Kinoleinwand geworden. Die Dialoge zeigen sich noch flinker und sprechiger. Und Emmi und Leo sind aus ihrer hermetisch abgeriegelten Mailbox in ein „echtes“ Leben mit Büroalltag, U-Bahnfahrten und vor allem: anderen Menschen geholt worden.

Kleine virtuelle Insel

Die neuen Figuren geben zwar ganz charmante Sidekicks ab, aber leider bergen sie auch ein großes Manko: Der wortwitzige Schlagabtausch der Protagonisten, von dem „Gut gegen Nordwind“ lebt, geht hinter den Szenen aus dem Alltag verloren. Im Roman ist alles, was der Leser über die Außenwelt erfährt, vorgefiltert durch eine Emmi- oder Leo-Sichtweise. Theoretisch könnte alles erfunden sein, was die beiden sich schreiben.

Ins Visuelle übersetzte Worte

Und genau das funktioniert im visuellen Medium Film einfach nicht mehr. Die Figuren bekommen ab der ersten Sekunde profilbild-scharfe Gesichter, die mit Nora Tschirner und Alexander Fehling noch dazu alles andere als unbelastet sind.

In wenigen Szenen schafft es der Film aber die Kraft der Worte ins visuelle Medium zu übersetzen und richtig starke, berührende Szenen zu entwickeln. Z.B. wenn Emmi nach einem „echten“ Lebensbeweis von Leo verlangt und er für sie ein Feuerwerk zündet. Eine Szene, die im Roman nicht vorkommt. Auch, wenn „Gut gegen Nordwind“ insgesamt keine ganz gelungene Roman-Verfilmung ist, gutes Herzkino ist er dank solcher Szenen auf jeden Fall.