Wie geht's eigentlich...

…ENDLICH RUDERN?

/ / Bild: Marco Begic

Was macht eine Münchner Band, wenn sie sich mit der Musikszene der eigenen Stadt nur bedingt identifizieren kann? Richtig, sie gründet ihre eigene Bewegung. ENDLICH RUDERN sind die „Münchner Schule“ ohne München, denn außer dem Namen gibt die Stadt wenig vor. Uns hat Sänger Max im (freilich virtuellen) Interview erzählt, wie es der Band gerade in der Quarantäne ergeht, welche Botschaft er euch per Brief mitgeben würde und was sein Ekel vor Obst mit der Liebe zu tun hat.

M94.5: Unser letztes Gespräch mit euch ist jetzt ziemlich genau ein Jahr her. Was ist seitdem bei euch passiert, abgesehen von eurem grandiosen Auftritt bei den M94.5 Jahrescharts im Dezember?

ENDLICH RUDERN: Wir haben im Herbst 2019 in Stuttgart mit Ralv Milberg vier Songs aufgenommen. „Hannelore“ erschien im Oktober 2019, jetzt am 10.04. „Herzsanierung“ und der Rest wird folgen. Außerdem durften wir 2020 mit unseren Freunden von Die Sauna touren. Jetzt wissen auch Leute in Passau, Göttingen und Wiesbaden, dass die Münchner Schule existiert.

Worum geht es in eurer neuen Single „Herzsanierung“ und in welchem Zusammenhang steht die Message des Songs mit dem dazugehörigen Video, in dem du auf dem Viktualienmarkt deine Angst vor festem Obst überwindest?

Es geht um die Verletzung, die romantische Zurückweisung auslöst. Da gibt es einerseits immer Leute, die das gut wegstecken und anderseits solche, deren Selbstwert völlig auseinander bricht. Es gibt also eine gewisse Ungerechtigkeit dabei. Ich fand das spannend, das anhand von übertriebenen Vergleichen zu erzählen, z.B. wenn jemand seinen Job oder seine Wohnung verliert. Die eine Person bekommt eine riesige Abfindung bzw. eine Luxussuite und die andere muss gefühlt an der Brücke betteln gehen. Es geht also, wie häufig bei uns, um das Gefühl des Scheiterns.

Eine direkte Verbindung zum Video gibt es nicht. Es spiegelt ganz gut die Selbstironie wider, die der Song transportiert. Wahrscheinlich wollen Song und Video auch dazu ermuntern, seine eigenen Seltsamkeiten, sei es beim Scheitern an Liebe oder eben an Obst, nicht zu verstecken.

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Endlich Rudern – „Herzsanierung“

Damals im Interview habt ihr „Checkpoint“ von Bilderbuch als aktuellen Dauerbrenner angegeben. Maurice Ernst hat mal gesagt, dass dieser Song für ihn wahnsinnig persönlich und emotional ist. Eine lahme, schnulzige Ballade ist es aber trotzdem nicht.
Bei euch ist das ja ähnlich: Emotional geladene Songs und musikalische Härte schließen einander nicht aus. Erlebt ihr im Schreiben und Performen eurer Songs eine Art Katharsis, mag die auch laut oder leise ausfallen?

Ich höre „Checkpoint“ diese Gefühlsintensität auch extrem an. Er ist gleichzeitig poppig tanzbar, hat dabei aber noch genug Biss und geht tief. Der Song ist zwar keine Schnulze, aber tropft vor Gefühl, das meine ich nur positiv. Ich glaube, wenn man Musik schreibt wie wir, muss man immer da anfangen, wo es emotional weh tut. Das Grundgefühl der Songs ist immer eine Verletzung oder ein Problem, das man bearbeiten muss. Und dieses Grundgefühl kann sich dann in der Band befreien, extrem still oder laut, je nachdem was der Song verlangt. Ich erinnere mich wirklich an jedes Gefühl bei jedem einzelnen Song. Und ich behaupte die besten Songs sind die, bei denen das Ausgangsgefühl später am klarsten rauskam und am tiefsten ging. Deswegen ist so ein Song oft eine Katharsis, wenn man das Gefühl befreit, im besten Fall für Band und Publikum.

Emotionen wie Melancholie, Trübseligkeit und Verloren-Sein in der Großstadt schwingen bei eurer Musik oft mit. Empfindet ihr das Leben in der Großstadt als so aufreibend, oder liegt euch die Tristesse im Gemüt?

Trübseligkeit ist ein wichtiger Punkt. Denn es gibt bei uns schon auch das „Seelig-Sein“ in der Melancholie, also eine halb-ironische Ebene, gerade verloren zu sein. Die Ironie ist auch ein sanftes Mittel, damit man sowas überhaupt erträgt. Ich glaub nicht, dass das Leben in der Großstadt immer aufreibend ist. Manchmal ist es schon aufreibend, aber auch Rausch, ein Verliebt-Sein und so weiter. Klar, wenn man triste Texte authentisch schreibt, muss man auch ab und zu ein tristes Gemüt haben. Das heißt aber nicht, dass wir jetzt alle drei Dauer-Trauerklöße sind. Nur übertriebene Fröhlichkeit und Zufriedenheit enden für uns in der Kunst zu oft in textlicher Belanglosigkeit a la „I Love My Life“, unterspült von klischeehaft fröhlicher Musik.

Eure Musik stellt ihr unter den Begriff „Münchner Schule“ und doch wollt ihr euch von der Musikszene in München abheben und überhaupt ist euch die Stadt nicht „dreckig“ genug. Das gerollte „R“ hast du trotzdem noch nicht aus deinem Gesang verbannt. Welche Rolle spielt München für eure Identität als Band?

Das gerollte „R“ krieg ich eh nicht weg, zumindest nicht ohne 50 Logopädentermine. Mittlerweile mag ich’s voll gern, seitdem ein Mensch nach dem Konzert mal gesagt hat, das sei charmant. Ich mein, Wiener Bands hört man ja auch an, wo sie herkommen. Deshalb ist das ok.

Es gibt schon so eine Absetzbewegung bei uns und der Begriff Münchner Schule ist ja auch seltsam, weil man sofort eine künstlerische Haltung im Ohr hat, die hier einfach kaum stattfindet. Gerade deswegen gibt es aber auch viel Raum, um etwas Neues zu machen. München als Identität spielt so gut wie gar keine Rolle. Wir wohnen hier und sammeln hier unsere Geschichten.

Stand es für euch jemals zur Debatte, aus München wegzuziehen und anderswo euren „Dreck“ zu finden?

Wegziehen ist gerade keine Option. Aus karrieretechnischen Gründen wäre es wohl sinnvoll. Es gibt in München kaum Labels, Booking-Agenturen, Manager*innen, die sich in dem Genre rumtreiben. Andererseits glauben wir daran, dass man es mit guter Qualität auch von hier aus schaffen kann. Da gibt’s auch gute Beispiele, z.B. Angela Aux, Friends of Gas, Die Sauna etc.

Das mit dem fehlenden Dreck in München würde ich gern klarstellen. Also darum geht’s eigentlich gar nicht primär, eher um eine Haltung, die oft fehlt. The Smiths haben das damals ganz gut formuliert . Da hieß es in einem Song: „Because the music that they constantly play, it says nothing to me about my life. Hang the blessed DJ.” Und dieses Gefühl haben wir in München schon oft, natürlich mit Ausnahmen, z.B. die oben aufgeführten Bands.

Wie geht es euch gerade in der Quarantäne-Zeit?

Uns geht es gut. Eigentlich wollten wir jetzt zwei Wochen lang proben und neue Songs schreiben. Jetzt machen wir mehr organisatorische Sachen, drehen ein Musikvideo mit GoPro, was auch unter Coronabedingungen funktioniert. Der Alltag ist etwas öde: Aufstehen, essen, schlafen, dazwischen etwas schreiben oder telefonieren.

Fakt oder Mythos: Als Künstler*in ist man in Quarantäne besonders produktiv.

Produktiver schon, aber wahrscheinlich ist das Geschaffene auch anders, weil man z.B. merkt, dass eben zu wenig passiert, was einen inspirieren könnte. Andererseits ist dieser Schmerz, bestimmte Leute nicht sehen zu können, dann doch auch inspirierend.

Was sind eure Post-Epidemie-Pläne für 2020?

Wir werden uns so lange umarmen, bis alle ausgefallenen Umarmungen der Coronazeit nachgeholt sind. Wir hoffen, dass im Herbst/Winter wieder Konzerte gespielt werden können. Bis dahin werden noch die nächsten zwei Singles erscheinen.

Wenn ihr jetzt Briefe an eure Fans verteilen könntet, wie ihr es sonst bei euren Live-Auftritten macht, was würdet ihr reinschreiben?

Lieber Mensch,

bleib hoffnungsvoll und zu Hause, denn irgendwann gibt es wieder Menschen, die einander umarmen und dann wird es einen kurzen Zeitraum geben, in dem all das jetzt Fehlende nicht mehr selbstverständlich ist, sondern so euphorisch erlebt wird, wie niemals zuvor.

Liebe Grüße

Max von ENDLICH RUDERN