Filmklassiker der Woche

Der große Diktator

/ / Bild: YouTube/Turner Classic Movies

Mitten im Krieg spielt Charlie Chaplin in seinem allerersten Tonfilm: Der große Diktator ist eine Satire auf Adolf Hitler, Benito Mussolini und Deutschland in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. 1940 wird der Film in den USA zum Kassenschlager und bleibt bis heute ein höchst sehenswertes Stück Kinogeschichte – filmisch wie inhaltlich.

In seinem wohl gewagtesten Film ist Charlie Chaplins Handschrift an jeder Ecke zu sehen. Der Brite führte selbst Regie und produzierte den Film, auch das Oscar-nominierte Drehbuch und Filmmusik (gemeinsam mit Meredith Willson) stammen aus seiner Feder. Zudem spielt Chaplin die beiden gegensätzlichen Hauptrollen des Films selbst. Zum einen ist er als jüdischer Friseur zu sehen, der sich nach überstandener Amnesie an die Gegebenheiten im Ghetto anpassen muss. Zum anderen tritt Chaplin auch als Adenoid Hynkel auf, die Satire-Version von Adolf Hitler.

Bindeglied zwischen Stumm- und Tonfilm

Durch seine Doppelrolle zeigt Chaplin das Leben der verfolgten jüdischen Bevölkerung im Ghetto und stellt gleichzeitig „den großen Diktator“ bloß. Auffällig ist vor allem Chaplins Verwendung von Sprache, um das NS-Regime lächerlich zu machen. So wird beispielsweise der Begriff „Führer“ zum albern klingenden „Phooey“ umgewandelt, Joseph Goebbels wird für den englischsprachigen Zuschauer als „Garbitsch“ auch namentlich zum Müll.

Neben knallharter Gesellschaftskritik ist Der große Diktator aber auch oft einfach lustig; vor allem durch Szenen wie der Rasur eines Kunden zu den Takten von Brahms Ungarischem Tanz Nr. 5. Chaplin zeigt innerhalb dieser zwei Minuten die komplette Bandbreite seines meisterlichen Gefühls für physischen Humor und Umgang mit Musik.

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Rasurszene aus Der große Diktator.

Obwohl zum Zeitpunkt des Erscheinens von Der große Diktator der Tonfilm mittlerweile das populärere Medium war, streut Chaplin immer wieder Szenen ein, die klar auf ein Stummfilmpublikum ausgelegt sind: Etwa eine Aufnahme, in der Chaplin die Zündschnur einer defekten Artillerie-Granate untersuchen soll, diese sich aber von alleine dauernd von ihm wegdreht. Humor, der ohne Ton zum Standard gehörte, aus heutiger Sicht aber meist ohne Lacher bleibt. Wirkungslos ist er aber dennoch nicht, offenbart er doch einen Einblick in die Machart der Filmkomödien vor über hundert Jahren.

Einblick in veränderte Standards

Zudem zeichnet Der große Diktator aus heutiger Perspektive auch ein Bild der gesellschaftlichen Standards der 1940er Jahre. Die weibliche Hauptrolle des Films, gespielt von Paulette Goddard, bleibt lediglich Helferin und Love Interest des von Chaplin gespielten Friseurs. Vielfach äußert sie aber den Wunsch, ein Mann zu sein, um sich gegen die Unterdrücker wehren zu können.

Doch auch die männlichen Darsteller stehen durch die 2020-Brille betrachtet nicht optimal da. Die von Jack Oakie gespielte Satire-Version von Benito Mussolini, Benzino Napaloni, lebt einzig von simplen Italien-Klischees, aus heutiger Sicht wäre sie selbst für eine Satirefigur noch nicht einmal als eindimensional zu bezeichnen. 1941 war dies allerdings noch eine Oscar-Nominierung als Bester Nebendarsteller wert.

Inhaltlich präsenter denn je

Durch die klischeehafte Darstellung schafft es der Film aber, die Lächerlichkeit der Diktatoren für sein Publikum besonders beobachtbar zu machen. Immer lächerlicher werden die Vergleiche zwischen den Diktatoren, bis der Konflikt zwischen Hynkel und Napaloni schließlich in einer Essensschlacht gipfelt. Beide werden so wortwörtlich zu kindischen Witzfiguren.

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Essensschlacht zwischen Hynkel und Napaloni in Der große Diktator.

In Erinnerung bleibt Der große Diktator vor allem aber dank seiner ikonischen Schlussszene. Durch einen Zufall werden Hynkel und der Friseur verwechselt, der Friseur kommt so an die Chance, der versammelten Armee eine Ansage zu machen. Chaplin nutzt diesen Moment, um ein direkt ans Filmpublikum gerichtetes Plädoyer für Frieden und Menschlichkeit zu halten, das weit über den Inhalt des Films hinausgeht.

You, the people have the power. […] The power to create happiness! You, the people, have the power to make this life free and beautiful, to make this life a wonderful adventure. Then, in the name of democracy, let us use that power, let us all unite. Let us fight for a new world, a decent world that will give men a chance to work, that will give youth a future and old age a security. By the promise of these things, brutes have risen to power. But they lie! They do not fulfill that promise. They never will!

Charlie Chaplin in Der große Diktator

Eine Botschaft, die 1940 zu einem schnellen Ende des Kriegs aufruft, aber auch 2020 in Zeiten des politischen Aufstiegs populistischer Akteur*innen in vielen Ländern der Welt als Warnung dienen darf und soll.

Der große Diktator ist noch bis zum 14. April 2020 auf Mubi zu sehen. Für Student*innen ist der Streamingdienst kostenlos nutzbar.