Filmgeschichte und Filmtipps

125 Jahre Gebrüder Lumière

/ / Bild: Mikhail Markovskiy / Shutterstock

Am 22. März 1895, also vor 125 Jahren, wurde zum ersten Mal der Film Arbeiter verlassen die Lumière-Werke von den Gebrüdern Lumière vor Publikum gezeigt – die erste Filmvorführung der Geschichte. Durch die Entwicklung der Gebrüder Lumiére, den Cinematographen, Aufnahme-, Kopier- und Wiedergabegerät in einem, wurde es überhaupt erst möglich dass sich der Film als Massenmedium verbreiten konnte. Wenn ihr euch also diese Woche was auf Netflix gönnt, denkt auch an die guten alten Gebrüder Lumière und ihren Cinematographen.

Die Filme der Lumière-Brüder waren vor allem kurze dokumentarische Aufnahmen, z.B. die eines in Lyons einfahrenden Zuges oder eines essenden Babys. Aber schon bald begann der Film sich mehr in die Richtung eines narrativen Mediums zu entwickeln. So ließ Georges Méliès schon 1902 in Le Voyage dans la Lune das erste Mal Menschen zum Mond reisen und Edwin S. Porter inszenierte 1903 mit The Great Train Robbery den ersten Western der Filmgeschichte.

Porter benutzte schon früh die Technik der Parallelmontage, bei der zwischen den einzelnen Handlungssträngen des Films hin- und hergeschnitten wird. Andere frühe filmische Innovationen waren unsichtbarer Schnitt, praktisch ein für den Zuschauer nicht bewusst wahrzunehmender Schnitt, Großaufnahme und POV-Shot, sowie Gegeneinstellungen, bei der z.B. zwei Dialogpartner abwechselnd gezeigt werden.

Diese frühen Innovationen zu vereinen und gezielt zu nutzen gelang dann D.W. Griffith in seinem Epos The Birth of a Nation. Der 1915 erschienene Film war ein technisches Meisterwerk und ist ein Meilenstein der Filmgeschichte, jedoch ist er auch ein offen rassistisches Machtwerk, praktisch ein Werbefilm für den Ku-Klux-Klan, weswegen man heutezutage den Film zwar wegen seiner Innovationen schätzt, aufgrund seines Inhalts aber kaum anschauen möchte.

Vier Stummfilme. die sich auch heute noch lohnen

In den 1920ern war dann die Hochphase des Stummfilms, bevor er ab den 1930ern nach und nach vom Tonfilm abgelöst wurde. Zum Jubiläum der Lumières stellen wir euch heute vier Stummfilme vor, die nicht nur wegen ihres filmgeschichtlichen Werts, sondern vor allem auch inhaltlich überzeugen können. Dabei werfen wir den Blick auf unterschiedliche Länder und Filmgenres:

Komödie – Modern Times von Charlie Chaplin (USA, 1936)

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In Modern Times kämpft sich Charlie Chaplin, das letzte mal in seiner bekannten Figur des Tramps durch das Leben in der industrialisierten, von der great depression geprägten Gesellschaft. Schon in der Anfangsszene wird die Aussage des Films deutlich gemacht, indem von einer Schafherde mit schwarzen Schaf in der Mitte, auf Arbeitermassen vor einer Fabrik geschnitten wird. Das schwarze Schaf hier ist natürlich Charlie Chaplin der in dieses System aus Fließbandarbeit, Automatisierung und Entmenschlichung, in dem am besten alle gleich sein sollten, nicht passt. Modern Times ist eine Art „Post-Stummfilm“, es gibt Töne, Geräusche und per Lautsprecher vermittelte Ansagen, Unterhaltungen und Gespräche werden aber durchweg pantomimisch dargestellt.

Kurzfilm – Un Chien Andalu von Luis Buñue und Salvador Dalí (Spanien, 1929)

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Dieser surrealistische Kurzfilm ist der Vorreiter aller heutigen Low-Budget-Independent-Filme. Der Plot nicht zu verstehen, kaum zu erklären – es sollen die Träume Dalís und Buñues sein, die hier filmisch umgesetzt wurden und mit Hilfe von surrealen Bildern aneinander gereiht werden. Der Titel hat nichts mit dem Film zu tun; die Zwischentitel wie z.B „Acht Jahre später“ oder „Gegen drei Uhr morgens“ bringen nur scheinbar Ordnung in das Chaos. Als Zuschauer versucht man instinktiv irgendwo einen Sinn zu erkennen, aber spätestens wenn eine Person zwei mit Eselskadavern gefüllte Klavierflügel an Seilen durch einen Raum zieht, merkt man, dass dies ein aussichtsloses Unterfangen ist. Das revolutionäre an diesem Film ist vor allem, dass zum ersten Mal ein Film geschaffen wurde, der nicht etwa dem Publikum gefallen sollte, sondern im Gegenteil das Publikum schockieren und anwidern sollte. Deswegen Augen auf, es lohnt sich!

Historienfilm – Panzerkreuzer Potemkin von Sergej Eisenstein (UdSSR 1925)

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Panzerkreuzer Potemkin war zunächst einmal eine staatliche Auftragsarbeit und sollte die 1905 geschehene Meuterei auf der Potemkin und den Beginn der Revolution in Russland darstellen. Der Film ist ganz offen ein Propagandafilm und sollte beim Zuschauer ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen. So sind die Darsteller des Films immer auch Stereotypen (z.B. Soldat, Matrose, Mutter) und nicht Individualpersonen. Eisenstein experimentierte hier bewusst mit seiner Technik der „Attraktionsmontage“. Bestimmte Bilder, sollten in ihrer gezielten Anordnung auch bestimmte Reaktionen beim Publikum hervorrufen, jeder Schnitt, jedes Bildwechsel also Sinn haben. Dadurch ragt Potemkin auch über einen bloßen Propagandafilm hinaus, denn mit seiner ästhetischen Dimension von Bildabfolge begründete er einen Umbruch in der Weise wie Filme erzählt wurden.

Im Film findet sich zudem eine der einflussreichsten Filmszenen des Kinos; eine siebenminütige Sequenz auf den Hafentreppen von Odessa, die sich in zahlreichen Hommagen niedergeschlagen hat unter anderem bei Woody Allen in Bananas, Brian de Palma in The Untouchables, Terry Gilliam in Brazil, und im Leslie-Nelson-Film Die Nackte Kanone 3.

Horrorfilm – Nosferatu, eine Symphonie des Grauens von Friedrich W. Murnau (Deutschland, 1922)

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Den Film findet ihr in einer neu restaurierten Fassung hier auf Arte.

Wenn man von einem ominösen Graf Orlok in dessen Schloss nach Transylvanien eingeladen wird, dann würde man heutzutage diese Einladung sicherlich dankend ablehnen. Denn man hat ja schon den ein oder anderen Vampirfilm gesehen und weiß Bescheid. Nosferatu ist eine Adaption von Bram Stokers Roman Dracula und auch ein Grund warum uns Stokers Romanstoff heute noch so bekannt ist. Der Film besticht durch den gekonnten Einsatz von Lichteffekten. Die Reise zum Hof des Grafen wird so z.B. im Negativ dargestellt, wodurch die Bäume gespenstisch weiß werden. Dabei ist der Film jedoch überaschend farbig; so wurden die Nachtszenen blau eingefärbt, die Innenräume tagsüber in sepia und nachts gelborange, das Morgengrauen in rosa.

Besonders herausstechend ist aber sicherlich Max Schreck in seiner Rolle als Nosferatu bzw. Graf Orlok. Sein Schatten ragt ihm voraus bevor er selbst überhaupt ins Bild tritt, durch Überblendungseffekte scheint er durch geschlossene Türen zu wabern und selbst aus dem Film heraus wirkt er noch auf den Zuschauer selbst ein, indem er direkt in die Kamera starrt. Die Dreharbeiten von Nosferatu und das Verhältnis zwischen Schauspieler Max Schreck und dem Regisseur F.W. Murnau waren im Jahr 2000 sogar Mittelpunkt des Horrorfilmes Shadow of the Vampire von E.Elias Merige, in dem schnell klar wird – Max Schreck spielt keinen Vampir, er ist ein Vampir!

Auch in den kommenden Wochen dürft ihr euch an dieser Stelle auf weitere Klassiker der Filmgeschichte freuen, die Filmfabrik bringt euch in nächster Zeit Filme, die man gesehen haben muss, näher. Den Anfang macht am kommenden Mittwoch Charlie Chaplins Meisterwerk „Der große Diktator“.