Serdar Somuncu im Interview

„Das Internet ist die Verkörperung des Teufels im Nuttengewand“

/ / Bild: M94.5 / Michael Goder

Der Kabarettist, der keiner sein will: Serdar Somuncu kehrt – nach längerer Abstinenz – diesen Frühling wieder zurück auf Deutschlands große Bühnen. Vorab sprach er im M94.5-Interview mit Simon Fischer über seinen Anspruch ans Publikum, darüber wie man mit Internet-Hass umgeht und vor allem (wohl aus Liebe zur Anarchie): mit vollem Mund.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von open.spotify.com zu laden.

Inhalt laden

Du hast, lange bevor du aus „Mein Kampf“ gelesen hast, auf der Bühne als Schauspieler angefangen. Wie bist du dann zum Kabarett gekommen? War das purer Zufall?

Das war einfach unbeabsichtigt, oder wie man es auch immer nennen mag. Es war, als ich „Mein Kampf“ gelesen hab. Dann kamen igendwann noch Fernsehsender und haben gesagt, „Kannst du daraus irgendwie Ausschnitte spielen?“. Und dann habe ich das, was ich auf der Bühne gemacht habe, komprimiert und gekürzt auch im Kabarett gemacht. Das hat sich dann so entwickelt. Dann haben die immer mehr gewollt, ich habe auch mal andere Texte gespielt und letztendlich war ich Kabarettist.

Dann war es also ein Selbstläufer?

Ich hatte das jedenfalls nie vor und ich habe es nie beabsichtigt. Und ich bin es auch nicht, ich bin kein Kabarettist. Das nennt sich nur so.

Auf der Bühne redest du sehr viel über Hass. Du warst auch lange als „der Hassprediger“ unterwegs. Hass ist auch viel im Internet verbreitet. Du bist ja auch in den sozialen Netzwerken sehr aktiv. Erlebst du dort selbst viel Hass?

Ja, genug, ausreichend. Es ist so, dass die Leute sich mittlerweile mehr trauen, weil sie die Anonymität des Internets sehr gerne ausnutzen. Deswegen kommt das eigentlich vor, was immer vor kommt, wenn Leute sich unbeobachtet fühlen: ihre primitivste und asozialste Seite. Das nicht ernst zu nehmen fällt einen schon schwer, weil es auch persönliche Angriffe sind, weil es zum Teil schwere Beleidigungen sind. Es auszuhalten bleibt aber trotzdem die Aufgabe. Ich teile auch aus, deshalb muss ich auch einstecken. Eigentlich muss ich es nicht, denn ich teile in einer Kunstform aus und muss nicht als Privatmann einstecken. Trotzdem löse ich in den Leuten etwas aus. Wenn dann diese Reaktionen kommen, überrascht es mich nicht, aber es enttäuscht mich.

Berührt dich der Hass dann als Privatperson?

Manche Dinge schon. Wenn ich es bei anderen erlebe manchmal allerdings auch mehr als bei mir. Beispielsweise gibt es momentan die Diskussion um Dieter Nuhr, den ich gar nicht besonders finde. Er ist einfach nur ein Kollege, dessen Arbeit manchmal besser, manchmal schlechter ist. Was da gerade passiert, dass sich viele Leute über ihn aufregen, ihn beschimpfen, beschuldigen, verdächtigen und aus ihm einen Nazi machen – das ist schon Hardcore. Ich kenne Dieter, er ist überhaupt kein Nazi, zu einhundert Prozent nicht. Er ist höchstens neoliberal. Dafür, dass Leute seinen Sachen zujubeln, die vielleicht Nazis sind, kann er nur bedingt etwas. Ich denke nicht, dass er das mit einem Kalkül macht, dass er sagt, „Ich will jetzt unbedingt AfD-Kabarett machen“, sondern dass es eine Schnittmenge gibt, und eben auch AfD-Leute sagen: „Dieter Nuhr, der redet genauso wie wir“. Aber letztendlich erschreckt mich wirklich der Umgang mit ihm, gerade von Leuten die sonst auf Toleranz setzen. Es sind eher Linke, die ihn beschimpfen und die sind schlimmer als die Nazis, die ich im Netz erlebe. Sowas von radikal und unpersönlich, zum Teil auch echt klug. Die sagen auch Sachen, wo du denkst: „Oh, das klingt sehr plausibel“. Aber unter dem Strich sind sie genauso asozial, dumm und dämlich wie die Leute, gegen die sie sonst sind. Deswegen ist meine Devise: Ich spreche mit Nazis genauso wie mit Linken, Rechten, vorne, hinten, oben, unten. Das ist mir scheißegal. Jeder hat seine Meinung und jede Meinung darf auch gelten. Ich rede jetzt nicht über den Künstler und die Figur, sondern über die Privatperson. Meine Meinung kann nur dann etwas dagegen setzen, wenn sie fundiert und argumentativ ist und nicht beschimpfend und affektiv. Das ist das, was mich heutzutage in den Wahnsinn treibt.

Diese Shitstorms gehen aus politischen Diskussionen hervor. Hast du Angst, dass diese Diskussionen ein Land spalten können? Dass in Deutschland eine Spaltung in zwei Lager passieren könnte, was in Großbritannien durch den Brexit geschehen ist?

Das ist schon längst passiert. Schau dir mal an, wie Diskussionen geführt werden. Es gibt nur noch entweder-oder, schwarz-weiß, gut-schlecht, richtig-falsch, es gibt kein dazwischen – keine Grautöne mehr. Wie das auf einem guten Foto ist, bei dem du auch Grautöne brauchst um eine Kontur oder überhaupt eine Aussage zu erkennen, so ist das auch in Debatten. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, richtig und falsch. Diejenigen, die darauf setzen, dass wir in diesen Kategorien denken, sind Demagogen, Leute, die Politik machen, die gegen uns ist. Die AfD ist eine Partei die ausdrücklich gegen das parlamentarische System spricht. Die sagt: „Wir wollen ein regiederes Deutschland haben, in dem Regeln der Abschottung und Sanktion gelten.“ Und Dinge, die für einen Menschen der Freiheit liebt und Vielfalt schätzt, eher Anti-Bedeutung haben. Also Angriffe auf seine Konstitution darstellen. Deswegen ist es ganz wichtig, das wir in den Debatten, die wir führen, auch immer Wert darauf legen, der AfD oder Leuten die am rechten Rand stehen, den Populisten, vorzumachen was aufgeschlossene Diskussionen bedeuten. Nämlich: dialektische Diskurse. Also Diskurse, in denen mehrere Möglichkeiten, mehrere Optionen bestehen und man sich nicht immer unbedingt entscheiden muss, oder „entweder-oder“ sein muss. Sondern „auch“ oder „aber“ sein kann.

Heißt, dass man einfach mehr miteinander redet und auch wieder zueinander findet?

Das klingt jetzt so, als wäre ich Pfarrer, aber vielleicht verpasst die Kirche gerade auch diesen versöhnlichen Aspekt. Das klingt nicht nur so, das ist auch so. Wir müssen mehr miteinander reden, wir müssen auch mehr zuhören. Und erstmal lesen bevor wir auf irgendetwas reagieren. Schau dir mal das Internet an: du postest irgendetwas und die Leute lesen nicht, was du postest. Sie sehen die Überschrift oder noch nicht mal das. Sie sind einfach nur scheiße drauf und antworten dann. Und meistens nur Müll. Da ist nichts Konstruktives dabei, wie „ich hätte es anders gemacht“ oder „hat mir gefallen, aber könntest du nicht das und das so machen“. Immer ist es nur „scheiße“, „hör auf damit“. Am besten sind übrigens die, die schreiben, „hör auf damit“. Die blocke ich sowieso sofort, weil ich ja niemanden zwinge, auf meine Seite zu kommen und meine Beiträge zu lesen. Und wenn sie nicht passen, dann tue ich jemanden den Gefallen und sperre ihn. Das ist total absurd, das verstehe ich gar nicht, kommt aber immer wieder vor. Oder Drohungen: „Ich war bisher dein größter Fan, jetzt …“. Was jetzt? Dann leck mich doch am Arsch. Dann sei Fan von jemand anderem, ich habe dich nicht bestellt. Das sind die Affekte, die immer gleich laufen und ich habe das Gefühl, dass wir erstmal lernen müssen mit dem Internet und der Freiheit umzugehen. Wir gehen damit um wie Leute, die in der Steinzeit zum ersten Mal das Feuer entdeckt haben und verbrennen uns permanent die Finger. Das Internet ist mittlerweile sowieso für mich die Verkörperung des Teufels im Nuttengewand. Du wirst ständig angemacht und angefixt, „Gib her, gib her, gib her!“. Dann lässt du alles da, bist am Ende nackt und wirst auch total ausgenutzt. Die ganzen Algorithmen sind angesetzt um dich auszuspionieren, du denkst aber, es wäre Freiheit. In Wirklichkeit nutzt du diese Freiheit aber nur minimal. Du reist nicht nach Australien oder nach Südafrika, du informierst dich ja nicht, liest nicht Zeitung ohne Ende. Sondern zu gehst auf Youporn um zu wichsen, zur Deutschen Bank um zu sehen, ob du noch genug Geld hast und auf Bild.de schaust du, ob der Wendler seinen Pimmel fotografiert hat. Das sind die drei Stationen auf denen du hängen bleibst. Das ist nicht Freiheit, das ist akute Abhängigkeit.

Sind das nicht einfach nur Dinge, die nicht nur im Internet stattfinden, sondern hat sich vielleicht der Mensch und seine komplette Einstellung dadurch verändert?

Der Mensch war immer schon so und wird auch immer so bleiben. Das ist jetzt nicht anders als in der Renaissance oder im Mittelalter. Die Renaissance ist eigentlich die Schnittstelle zu dem, was wir heute haben. Erst als die Menschen angefangen haben zu behaupten, dass sie selbstbestimmt sein können und keinen Gott oder Kirche brauchen, die ihnen übersetzt was Moral oder Ethik ist, haben sie auch angefangen sich selbst überlassen zu sein. Das passiert heute: die Leute sind sich selbst überlassen. Das, was sie machen ist absolut unzivilisiert und total rückständig.

Bild: M94.5 / Michael Goder

Als Hassias hast du dich auch als eine Art Gottheit bezeichnet und inszeniert. Glaubst du vielleicht, dass Humor die Leute wieder mehr zueinander bringen kann, oder anders gefragt: Braucht Deutschland mehr Humor?

Kommt auf den Humor an. Deutschland braucht auf jeden Fall keinen dicken Comedian der sagt, „Ich darf das!“, dann Leute ohne Ende beleidigt und nicht erklärt warum. Deutschland braucht auch nicht irgendwelche Leute die berlinern und sagen, „Affen brennen gut!“. Das ist hohl. Das kennen die Deutschen schon, das gab es zwischen 1933 und 1945 und es hat sehr seltsame Auswüchse gehabt. Das gab es auch davor schon und das wird es auch danach geben. Das ist plump. Mario Barth verkörpert die Spitze des plumpen Humors. Was Deutschland braucht, sind nicht nur klügere Künstler, sondern auch klügere Zuschauer die Ansprüche stellen, nicht immer nur unterhalten werden wollen. Dieses, „Ich will unterhalten werden“, ist so – Bin ich dein Dienstleister? Bin ich deine Nutte? Gehe doch woanders hin, wenn du unterhalten werden willst. Gehe in die Sauna, in die Piep-Show oder kaufe dir ein Eis. Ich will die Zuschauer auch anstrengen, ich will das sie mich auch fordern, dass sie mich auch fragen, und die Eier, die sie haben im Internet kritisch zu sein, auch mit in meine Vorstellung zu bringen, weil ich selbst auch kritisch bin. Aber mich auf die Bühne zu stellen und den ganzen Tag zu sagen, „Kennste dit, kennste dat?“, und allgemeine Binsenwahrheiten, Allgemeinplätze zu besetzen, das ist mir zu billig. Trotzdem ist es erfolgreich. Die Hallen sind voll, die Leute mögen das, sie mögen es sich nicht zu spüren. Aber was ich mache ist ein kleines Gegengewicht. Ich spiele in München in der Philharmonie, da kommen etwa 3000 Menschen, es hängt kein einziges Plakat, ich sitze hier im Studentenradio, mache hier Werbung und laufe eben nicht auf RTL zur Primetime um 20:15 Uhr mit fetter Werbung hinterher. Ich erarbeite mir seit Jahren schon meine Zuschauer jeden einzelnen Schritt für Schritt selbst. Und darauf bin ich stolz und das ist genau das Gegengewicht, das wir aus meiner Sicht brauchen.

Das Mittel, dass du auf der Bühne einsetzt, um zum einen zu unterhalten, aber auch das Publikum zu fordern, ist ja zum Teil reine Provokation.

Nein, findest du? Dann warst du noch nie in meinem Programm.

Aber Provokation spielt doch eine große Rolle?

Warst du schon mal in meinem Programm?

Nein, aber…

Siehst du, du redest über etwas wovon du keine Ahnung hast. Du bist genauso wie diese Honks im Internet.

Persönlich war ich noch nie in deinem Programm, aber ich habe bereits zwei DVDs deiner Shows gesehen.

Genau, und du warst auf YouTube unterwegs und hast bei Wikipedia einfach ein bisschen nachgeforscht. Das ist alles nur halb. Die Wahrheit ist: in meinem Programm geht es total ernst her. Richtig ernst, lange Zeit auch. Und dann gibt es Momente, in denen ich ironisch persifliere wie andere Leute sprechen die Wutbürger sind, oder wie du sagst, provozieren wollen oder radikal sind. Das ist ein kleiner Teil des Programms, der natürlich auch immer gerne genommen wird. Du musst im Radio ja irgendwie für dich Werbung machen. Und deswegen sagst du lieber, „Ah, du provozierst gerne.“ als dass du sagst: „Du machst einen theoretischen Diskurs über Demokratie und Gerechtigkeit.“. Dafür interessieren sich noch nicht mal Studenten. Besser wäre noch, wenn du sagen würdest: „Du provozierst gerne nackt.“ Dann hätten wir eine richtig gute Quote.

So wie Micaela Schäfer?

Genau!

Aber es funktioniert ja scheinbar auch.

Micaela Schäfer ist eine nette Frau, aber ich weiß nicht. Hat sie schöne Titten? Das würde ich jetzt nicht sagen. Gemachte, ja, ganz nette. Aber ich würde sie auch nicht so oft und so inflationär zeigen wie sie.

Auf jeden Fall viel Oberfläche, wenig Inhalt.

Die Titte verliert äquivalent an Wert je häufiger sie gezeigt wird, würde ich jetzt mal sagen.

Das lasse ich jetzt mal so stehen.

Und auch nur eine Titte, also zwei verlieren doppelt Wert, je häufiger sie gezeigt werden. Entschuldige, ich habe dich unterbrochen.

Wenn du erzählst, du erarbeitest deine Inhalte selbst und das ganze besteht aus sehr viel mehr Schichten: Wie kommst du den auf diese Ideen?

Indem ich zum Beispiel hier mit dir rede und mitbekomme, wie es hier in diesem Raum aussieht oder mich für Dinge interessiere. Ganz einfach. Und es reicht nicht nur Interesse zu haben, ich hinterfrage die Sachen auch. Manchmal recherchiere ich auch, manchmal habe ich auch nur eine Meinung. Aber um dir eine Lösung auf das zu geben, was ich dir eben auch im Spaß vorgeworfen habe: man sollte eben tatsächlich mehr wissen, bevor man irgendetwas glaubt oder behauptet. Gerade jetzt reden alle über den Corona-Virus, das ist das beste Beispiel. Weißt du wie viele Menschen mir heute geschrieben haben: „Pass auf in München!“?

Wo es doch gerade nur zwölf Fälle gibt.

Es gibt hier wie viele? Zwölf? Verdachtsfälle, oder?

Ich denke, die meisten davon sind bestätigt.

Gut, ok, zwölf Fälle die bestätigt sind in einer Stadt, die eine Million Einwohner hat. Die Leute wissen nicht, dass im letzten Jahr 35.000 Menschen an einer normalen Grippe gestorben sind. Oder: Tuberkulose ist mit Abstand die gefährlichste Krankheit, darüber redet keine Sau. Über Ebola haben wir genauso panisch geredet, über SARS, über die Vogelgrippe, die Schweinepest. Was ist damit geworden? Sind wir alle tot oder leben wir noch? Das sind so Dinge, bei denen ich mich frage: wer verbreitet diese Panik? Wer hat Interesse daran, dass wir das jeden Tag lesen und uns hineinsteigern? Die Antwort ist einfach – die Medien, die Zeitungen allen voran und wir sind so doof ihnen in die Falle zu gehen, weil wir es auch noch glauben. Nicht veritable Zahlen und Fakten heranziehen um zu sagen: „Die Panik macht überhaupt keinen Sinn und wenn es mich trifft ist es wie ein Lottogewinn, da sollte ich dankbar sein.“.

Du hast ja selbst auch schon aus der Bild-Zeitung gelesen. Medien spielen auf jeden Fall eine wichtige Rolle, vor allem bei diesen Themen die hochgepusht werden. Hast du das Gefühl, dass die Medienlandschaft sich in den letzten Jahren ein bisschen verändert hat?

Ja, wenn das Internet der Teufel in Nuttenform ist, dann ist die Bild-Zeitung der Freier. Dann ist sie auch der Zuhälter. Alles was schlecht ist, ist sozusagen konzentriert in der Bild-Zeitung. Erstens, weil sie immer noch glaubt Meinungshoheit zu haben. Zweitens, weil sie nicht Meinung kolportiert oder wiedergibt sondern auch macht, ganz aktiv in das politische Geschehen eingreift. Und zuletzt, weil ganz schlechte Menschen dort arbeiten. Wirklich Menschen mit dem schlechtesten Charakter, den man sich vorstellen kann. Denen es nichts bedeutet, andere auszuspionieren, zu denunzieren, Karrieren und Schicksale zu vernichten. Das sind Leute, die bei der Bild-Zeitung arbeiten und die Zeitung lebt davon, dass sie das Schlechte in uns antriggert. Also, dass sich das Schlechte der Bild-Zeitungsmachenden und der Bild-Zeitungslesenden verbindet und verbündet. Das ist Medienpolitik, wie sie heute stattfindet. Die Großen bestimmen Themen, die Kleinen folgen ihnen. Es gibt auch gar keine Kleinen mehr in dem Sinne. Zeitungen gehören zu Konsortien, eine Zeitung ist nicht mehr eine Zeitung, sondern sie gehört zu hundert anderen Zeitungen. Und wenn eine Meldung entsteht, dann kommt die Selbst- und Sogwirkung dieser Meldung so schnell an den Rezipienten, dass er es wiederum vervielfältigt – durch Hashtags auf Twitter, auf Facebook, auf Instagram. Und dann am Ende aus einer Meldung, die gar nicht bestätigt worden ist, eine Wahrheit wird. Und wenn es soweit kommt, dass Behauptungen zur Wahrheit werden, dann leben wir in einer Diktatur. Dann ist nicht mehr Demokratie und jeder bildet sich seine eigene Meinung anhand von Fakten, sondern dann bestimmen ganz kleine Gruppen darüber, was wir zu glauben und zu denken haben. Das hat George Orwell schon im Jahr 1948 in seinem Buch „1984“ geschrieben. Und das ist heute noch viel schlimmer, als er es damals geahnt hatte. Heute geben wir ja sogar freiwillig Informationen an die Medien, während früher die Medien recherchieren mussten. Heute entblößen wir uns im Internet, wir fotografieren unser Innerstes und unser Äußerstes um es zu posten. Dann wundern wir uns, wenn Algorithmen das auswerten und genau auf uns abgerichtet Werbung machen.

Gibt es denn noch die Möglichkeit, das ganze zu ändern? Diesen Punkt an dem es möglich ist, das ganze noch zu drehen?

Anarchie. Ganz ehrlich, das meine ich ernst. Anarchie heißt eigene Haltung und Widerstand zu leisten gegen das, was einen bestimmt. Und zu hinterfragen, ob man sich bestimmen lassen will oder ob man selbstbestimmt sein will. Wenn man das macht, ist man leider Anarchist, dann muss man mit viel Widerstand rechnen und sehr ausdauernd sein. Dann fliegt man schon mal von der Hochschule, kommt in keinen Fernsehsender rein oder wird zensiert. Aber es lohnt sich, weil man sich selbst nichts mehr schuldet und weil man aufrichtig, ehrlich und authentisch ist.

Spielt denn Anarchie auch in deinem neuen Programm „GröHaz – der große Hassias aller Zeiten“ eine Rolle?

Ja, es ist die Anleitung zur kollektiven Anarchie.

In München könnt ihr Serdar Somuncu am 4. April 2020 sehen. Dort spielt er sein neues Programm „GröHaz – der größte Hassias aller Zeiten“ in der Philharmonie am Gasteig. Karten sind ab rund 40 Euro im Vorverkauf erhältlich. Mehr Informationen zu seiner Tour auch unter: somuncu.de