M94.5 Filmkritik

Bombshell

/ / Bild: Hilary Bronwyn Gayle SMPSP

Harvey Weinstein, Woody Allen und Roman Polanski haben etwas gemeinsam – sie sind nicht die einzigen, deren Karrieren durch Frauen, die mit ihrer Missbrauchs-Vergangenheit an die Öffentlichkeit gegangen sind, zu Fall gebracht wurden oder zumindest einen ordentlichen Dämpfer erhalten haben. Die Me-Too-Debatte macht auch vor anderen Branchen als der Filmindustrie nicht Halt – sexuelle Belästigung tut es schließlich auch nicht. 2016 erschütterte selbst das Republikaner-nahe US-Medienhaus Fox News ein Belästigungs-Skandal, der von Frauen aus den eigenen konservativen Reihen ausgelöst wurde. Ein Skandal, der Mediengeschichte schrieb und jetzt mit dem Film Bombshell auf die Leinwand kommt – welcher darum aber nicht unbedingt Filmgeschichte schreibt.

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Die „bad guys“ von Fox News: Megyn Kelly (Charlize Theron), Gretchen Carlson (Nicole Kidman) und Kayla Pospisil (Margot Robbie)

„Blonde bombshell“ bedeutet „blondes Gift“. Gleichzeitig hat die Redewendung „It came like a bombshell“ auch die Bedeutung „Es war ein Schlag ins Kontor“ bzw. „Es war eine unangenehme Überraschung“. Beides dürfte Gretchen Carlson 2016 für Roger Ailes, CEO von Fox News, gewesen sein. Carlson, ehemalige Miss America und langjähriges Gesicht der Morningshow „Fox & Friends“, ärgert sich zu Beginn nur darüber, dass man ihre Beschwerden über den sexistischen Ton am Arbeitsplatz nicht ernst nimmt.

Schließlich geht sie jedoch mit einem schwerwiegenderen Vorwurf an die Öffentlichkeit: CEO Roger Ailes soll sie jahrelang sexuell belästigt haben. Die Bombe platzt. Auch, wenn die Fox-Spitze Carlsons Vorwürfe anfangs herunterspielt, melden sich immer mehr Frauen, die Ailes belasten. Und so dauert es gerade einmal 16 Tage, um den „geistigen Vater“ von Fox News zu Fall zu bringen.

Mehr Fox-Mitarbeiterin oder Frau?

Bombshell erzählt die Geschichte dieser 16 Tage. Jedoch nicht, wie man annehmen könnte, aus der Perspektive von Gretchen Carlson (Nicole Kidman), sondern aus der ihrer Kollegin Megyn Kelly (Charlize Theron) – gewissermaßen die „First Anchorwoman“ von Fox News. Kelly hält sich zu den Vorwürfen um Ailes lange bedeckt, schließt sich der Klage gegen Carlson jedoch schlussendlich an. Bombshell stellt ihren Konflikt und die Loyalitäts-Frage „Was bin ich zuerst: Fox-Mitarbeiterin oder Frau?“ in den Fokus des Films.

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Von Charlize zu Megyn, von John zu Roger: Mittels Make-Up und Prothesen werden aus den Darsteller*innen Fox-News-Mitarbeiter*innen.

Das Drehbuch von Charles Randolph (u.a. The Big Short und Moneyball) hält sich dabei größtenteils an Fakten. Seine Dialoge sind trotzdem alles andere als nüchtern und subtil. Dem Film gelingen unter der Regie von Jay Roach aber trotzdem immerhin einige gelungene Szenen, die vor allem im wortlosen Spiel der Hauptdarstellerinnen am stärksten sind. Ein Beispiel dafür ist die stumme Aufzugs-Szene, in der sich die drei Protagonistinnen alle auf dem Weg in den zweiten Stock befinden, in dem die Fox-Führungsriege sitzt – jede mit einer anderen Mission, die thematisch aber alle mit dem Belästigungs-Skandal zusammenhängen.

Wer in den Meldungen von 2016 nicht mehr ganz drinsteckt, hat es als Zuschauer bei den vielen Figuren jedoch etwas schwer, alle Zusammenhänge nachzuvollziehen. Zwar ist Bombshell ein Film, der auch funktioniert, wenn man nicht jedes Gesicht auf dem Gang oder vor dem Kaffeeautomaten den realen Vorlagen aus dem Fox-News-Haus zuordnen kann. Wesentlich interessanter wird die Handlung jedoch für diejenigen, denen auch Nebencharaktere wie Rudy Giuliani, Jeanine Pirro oder Rudi Bakhtiar bekannt sind, die ebenfalls bedeutende Rollen in der Fox-Affäre von 2016 eingenommen haben. Dank des herausragenden, Oscar-prämierten Make-Ups und Haarstylings lassen sich die Darsteller*innen ihren Vorbildern auch recht leicht zuordnen – besonders am vollkommen typverändernden Make-Up von Nicole Kidman und Charlize Theron wird der Zuschauer das gewahr.

Reaktionen auf Bombshell

Roger Ailes ist inzwischen verstorben. Die realen Vorlagen der Protagonistinnen von Bombshell stehen jedoch immer noch in Amerikas Rampenlicht, auch wenn sie nicht mehr für Fox News arbeiten. Megyn Kelly hat tränenreich auf den Film reagiert, wie sie in einem Video auf ihrem eigenen YouTube-Channel zeigt, das inzwischen 1,4 Mio. Menschen gesehen haben. Sie selbst will über Filme wie Bombshell klarstellen, sie seien „projects that are not ours and in which we have no stake“. Wie eine Stellungnahme zum Film wirkt dieses Video jedoch trotzdem:

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Die reale Megyn Kelly und ihre Kolleginnen über Realität und Fiktion von Bombshell.

Kellys Reaktion wirkt im Video trotz Tränen eher distanziert. Die Reaktionen der anderen Fox-Ehemaligen in der Runde verdeutlichen jedoch recht gut, wie real die Erinnerungen an den Belästigungs-Skandal für einige der Frauen noch sind – und dass sich diese Erinnerungen weder mit Abfindungssummen noch mit einem Sympathisierungs-Film wie Bombshell tilgen lassen.

Wenig Zündstoff für eine echte Bombe

Die Geschichte der Fox-Affäre zu erzählen, hätte einiges an Zündstoff-Potenzial geboten. Am Schluss bleibt Bombshell jedoch zugunsten eines stimmigen Endes nur ein oberflächliches Strohfeuer. Die Abfindungssumme und der Rücktritt von Roger Ailes werden vor dem Abspann eingeblendet. Dass sich an den Strukturen bei Fox damit aber wenig geändert haben dürfte, bleibt in der Luft hängen. Trotz Schwächen ist die finale Botschaft von Bombshell aber eine richtige: Sexuelle Belästigung bleibt keine Frage der Branche oder von linker oder rechter politischer Orientierung, sondern von Recht oder Unrecht.

Bombshell läuft ab dem 13. Februar 2020 in den deutschen Kinos.