Geliehen, aber nicht gelebt

Wo liegt die Grenze zwischen kultureller Aneignung und gegenseitiger Wertschätzung?

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Ob bei Frisuren, Tattoos, Kleidung oder auch in der Musik – immer häufiger stellt sich die Frage, wo kulturelle Anerkennung endet, und wo “cultural appropriation” beginnt.

Als kulturelle Aneignung wird die Übernahme von Teilen einer Kultur durch Angehörige einer anderen Kultur bezeichnet. Das Problematische daran ist, dass es sich bei den entnommenen Kulturen um Minderheiten handelt, die lange Zeit unterdrückt wurden und von denen jetzt profitiert wird. Es fehlt das Verständnis hinter der Bedeutung bestimmter Ausdrucksformen, die deshalb schnell zu Trends herabgesetzt werden, deren Herkunft verdeckt bleibt oder die sich in beleidigende Klischees verwandeln.

Dreadlocks auch für weiße Menschen?

Durch die Bildung der Rastafari-Bewegung in den 1930er Jahren, als Jamaika noch eine britische Kolonie war, fing auch die Verbreitung der Dreadlocks an. Die Filzlocken sollten religiöse Verbundenheit sowie die Loslösung von weißen Schönheitsvorstellungen darstellen. Bei anderen riefen sie aber Schrecken hervor, weswegen das Wort auch von “dread” abgeleitet wird, was für “Furcht” steht. Musiker wie Bob Marley machten die Frisur, zusammen mit Reggae und Weed, in den 1970er Jahren dann überall bekannt.

Herr Professor Bens, der am Institut für Ethnologie an der Universität Hamburg arbeitet, spricht kein Verbot für Dreadlocks bei Weißen aus, aber macht auf die Ungleichstellung aufmerksam: 

Dann gibt es weiße Leute, die sich Dreadlocks machen und überhaupt nicht dieselben Diskriminierungserfahrungen machen.

Jonas Bens

Wenn heute also eine weiße Person Dreadlocks hat, kann das als kulturelle Aneignung gesehen werden, da sie “alles außer der Bürde” (Greg Tate, 2003) trägt. 

Tattoos mit Bedeutung

Bei den Māoris, der indigenen Bevölkerung Neuseelands, wird zwischen zwei Arten von Tattoos unterschieden: Tā Moko und Kirituhi. Das Tā Moko erzählt über die Erlebnisse, die Herkunft, die Abstammung sowie den Rang einer Person und ist dadurch sehr persönlich angepasst. Dafür wurde die Farbe früher mit Knochen in die Haut eingeschnitten. Das Kirituhi ist ein Tattoo mit Māori-inspirierten Mustern, die für Menschen ohne Māori-Wurzeln gestaltet werden, und bietet somit die Gelegenheit, als Außenstehende:r ein Māori-Tattoo zu besitzen, ohne ein bestehendes Motiv zu kopieren. 

Geklaute Musik?

Elvis Presley’s “Hound Dog” zählt zu einem seiner bekanntesten Songs. Eigentlich wurde das Lied von Mike Stoller und Jerry Leiber für die afroamerikanische Sängerin Big Mama Thornton geschrieben. Presley’s Version klingt ziemlich ähnlich, weshalb viele behaupten, er hätte ihre Musik geklaut.

Elvis Presley hat viele Lieder gehabt von Schwarzen Komponist:innen, die aber nie diesen kommerziellen Erfolg gehabt hätten mit ihrer Musik.

Jonas Bens

Der “King of Rock ‘n’ Roll” stand schon früh in Verbindung mit schwarzer Kultur, welche einen starken Einfluss auf ihn hatte. Aufgrund seiner Hautfarbe standen ihm aber mehr Möglichkeiten offen als schwarzen Musiker:innen. So wurde er durch “Hound Dog” reich und berühmt, während Big Mama Thornton nur eine einmalige Zahlung von $500 erhielt.

Gestohlen und verkauft

Wenn benachteiligte Gruppen nicht an Entscheidungen und Einnahmen teilhaben, die ihre Kultur betreffen, wird von Ausbeutung gesprochen. Solche Fälle finden sich vor allem im Verkauf von traditioneller Kleidung, die kopiert und als “trendy” beworben wird, ohne Einverständnis und ohne dabei ihre eigentliche Herkunft anzugeben.

Kultureller Austausch ist wichtig, trotzdem muss dieser achtsam, respektvoll und miteinander stattfinden. Dabei lautet die Frage vor allem: “Wer wird wodurch verletzt, und auf wen nimmt man Rücksicht?” (Jonas Bens)