Im vergangenen Jahrhundert waren die USA in zwei Weltkriege verwickelt, brachten die unterschiedlichsten Präsidenten hervor und tauchten unter anderem knietief in den Vietnamkrieg ein. Im Roman von Patrick Ryan verweben sich diese Ereignisse mit dem Leben der Familien Jenkins und Salt – und bringen dabei eine beachtliche Familiensaga hervor.
Cal Jenkins hat exakt eine Eigenschaft, die ihn auszeichnet: Sein linkes Bein ist kürzer als sein rechtes. Sonst nichts. Fast nichts. Aber das bemerkt von außen niemand, der nicht gerade Margaret Salt heißt. Für sie hat Cal, als sich die beiden in seinem Werkzeugladen über den Weg laufen, noch etwas weiteres an sich – etwas, das ihr in ihrem Leben schmerzlich fehlt: Begierde. Der Moment, in dem sie sich darauf einlässt, tritt ein wahres Epos los, ein langsames, unauffälliges.
Wie ein rollender Stein…
Patrick Ryans „Buckeye“ umfasst mehr als 600 Seiten, die sich im gesamten Verlauf hauteng um die vier Hauptfiguren spannen: die bereits erwähnten Cal Jenkins und Margaret Salt sowie ihre jeweiligen Ehepartner:innen Becky Jenkins und Felix Salt. Wobei das die Lesenden nicht in die Irre führen soll, denn die Affäre nimmt im Buch nur wenig Platz ein. Stattdessen gilt Patrick Ryans Aufmerksamkeit eher dem Nachbeben dessen, was geschehen ist – und was sich in Form des titelgebenden Kindes manifestiert. „Buckeye“ ist der liebevolle Spitzname von Cal und Margarets unehelichem Sohn Tom.
Sie schossen auf Sprühflugzeuge und entfernte Autos. Schossen gerade hinauf in die Luft und standen dann mit den Händen an der Seite und geschlossenen Augen da, um darauf zu warten, getötet zu werden, falls die Kastanie so herunterkam, dass sie ihnen den Schädel durchschlug. Als sie ihre Taschen geleert hatten und Skip dachte, sie hätten keine Kastanien mehr, deutete Tom auf seine Socken, die voll damit waren. Das fand Skip so ziemlich das Lustigste, was er je gesehen hatte. Von diesem Tag an nannte er Tom „Buckeye“, wie die Rosskastanie.
Buckeye, Patrick Ryan
Was weder Tom noch Skip, der eheliche Sohn von Cal und Becky, wissen: Sie sind Halbbrüder. Gemeinsam bilden sie eine der Brücken zwischen den beiden Familien. Während die Verbindungen zu Beginn noch eher per Zufall zustande kommen, verweben sich die Jenkins’ und die Salts im Laufe des Buches immer mehr miteinander, bis die Lesenden kaum noch sagen können, wo die eine Familie endet und die andere anfängt. Es geht jedoch nicht vorrangig um Streit, Neid oder Rachsucht, sondern vielmehr um die Auseinandersetzung jeder der Figuren mit sich selbst und dem, wie sie sein möchte.
Im Bett der Geschichte
Begleitet wird diese Handlung von dem Zeitgeschehen des mittleren 20. Jahrhunderts. Alles setzt kurz vor dem Zweiten Weltkrieg ein, vieles geht bis in die 1980er, wo das Werk mit der Person endet, mit der es auch begann: Cal Jenkins. Selbst wenn sein Sohn Tom das Buchcover ziert und schlussendlich auch als einer der wenigen wahren Gewinner der zuvor genannten Verstrickungen bezeichnet werden kann, ist Cal derjenige, der noch am ehesten als Hauptfigur fungiert. Aber genau hier liegt eine der großen Stärken des Buches: Es verteilt sich auf einen kleinen, aber sehr gut entwickelten Cast von komplexbehafteten Menschen. Entsprechend verspielt springt die Erzählperspektive von einer Person zur nächsten.
Daraus speist sich auch die Länge von „Buckeye“. Es gibt des Öfteren längere Passagen, die das Innenleben der Figuren im Detail beschreiben, etwa ihre Sorgen und Ängste. Beispielsweise hadert Becky damit, dass Cal ihrer Beschäftigung als Seherin und Seelsorgerin kritisch gegenübersteht; Felix versucht verzweifelt, seine sexuelle Orientierung zu verschleiern, und erliegt, während des Zweiten Weltkriegs in der Marine tätig, der Versuchung; Cal hat ein angespanntes Verhältnis zu seinem Vater Everett, der vom Dienst im Ersten Weltkrieg gezeichnet ist und dessen wutentbrannte Briefe an diverse US-Präsidenten das Buch durchziehen.
Sehr geehrter Präsident Roosevelt,
da wir inzwischen August 1943 schreiben und seit mehr als anderthalb Jahren an diesem Schlachtfest teilnehmen, das junge Männer zu Land und zu Wasser sterben lässt, denke ich, es ist höchste Zeit, einmal nachzufragen, ob Ihnen aufgefallen ist, dass diejenigen, die im Krieg das Sagen haben, niemals diejenigen sind, die darin sterben? […] Ich klage Sie und die Administration, der Sie gegenwärtig vorstehen, an, Japan jahrelang Stahl verkauft zu haben. Ich klage Sie an wegen kapitalistischer Gier und Mordes. Meine Stimme für eine vierte Amtszeit bekommen Sie nicht.
Mit vorzüglicher Hochachtung HAUPTGEFREITER EVERETT B. JENKINS US Army a. D.
Buckeye, Patrick Ryan
Diese Momente sorgen trotz ihres sehr ernsten Inhalts für Auflockerung, und die hat der Roman auch nötig, denn er beinhaltet durchaus Strecken der Langatmigkeit. Dadurch, dass die Handlung zwar dramatisch packend, aber doch eher spärlich gesät ist, fällt gerade in der zweiten Hälfte auf: Sobald die Figuren etabliert, ihre Beziehungen gefestigt, die Kinder geboren sind, muss Ryan mit Prosa statt einschneidenden Ereignissen punkten. Inhaltlich bleibt es interessant, sofern die Lesenden an den zwischenmenschlichen und auch seelischen Auseinandersetzungen Gefallen finden, doch Ryans Prosa ist utilitär gehalten. Scharfe, spitzzüngige Formulierungen oder auch poetische Perlen sucht man also vergebens. Ob das nicht in erster Linie der Übersetzung geschuldet ist, lässt sich an der Stelle aber nicht sagen.
Jeder Knoten wird gelöst
In der zweiten Buchhälfte geht es Ryan nun darum, die in Stellung gerückten Figuren und die Konflikte, in die er sie verstrickt hat, nach und nach aufzulösen. Selbst nach voriger Kritik muss hier gesagt werden: Der Versuch ist respektabel und funktioniert auf emotionaler Ebene durchaus. Während die einzelnen Fäden zu Beginn gesponnen, verziert und dann manisch ineinander verwickelt werden, lösen sie sich im Nachhinein auf – wenn auch einige schmerzhaft reißen müssen, damit am Ende reiner Tisch ist. Es ist dabei eine Stärke des Romans, dass nie äußere Ereignisse zur Lösung der Konflikte nötig sind, sondern stets der Eigenantrieb der Beteiligten.
Wenn man das Buch nun in Kurzform oberflächlich beschreiben würde, so bietet sich natürlich eine pragmatische Zusammenfassung wie zu Beginn der Rezension an: Zwei Familien laufen einander über den Weg, diverse Mitglieder finden etwas aneinander, das Schicksal nimmt seinen Lauf. Aber das wird wohl der zentralen Botschaft und auch der Stimmung des Werks nicht gerecht. Vielmehr arbeiten sich die Figuren im Laufe der Jahrzehnte, durch kleine Begegnungen und mithilfe neuer Generationen aus den Löchern heraus, die sie sich durch Verlogen- und Verschwiegenheit selbst gegraben haben. Nicht jede Person in „Buckeye“ findet ein glorreiches Ende und Erfolg. Aber jede Person springt früher oder später über ihren Schatten und zeigt zumindest einen Hauch von Aufrichtigkeit – und beweist so, dass sie bei allen ihren folgenschweren Fehltritten doch im Kern liebenswert ist.
Der Roman „Buckeye“ von Patrick Ryan erschien am 30. Juli 2026 beim Verlag „park & ullstein“ in der deutschen Übersetzung durch Thomas Überhoff. Als Hardcover mit Schutzumschlag kostet er 26 Euro, als E-Book hingegen 19,99 Euro. 656 Seiten.