Arbeit, Zuhause, Arbeit, Zuhause, Arbeit, Zuhause. So sieht für viele Menschen der Alltag unter der Woche aus – ein scheinbar endloser Wechsel zwischen diesen beiden Orten. Natürlich kann man sich zwischendurch in ein Café setzen, wenn man bereit ist, vier Euro für einen Cappuccino zu bezahlen, oder in einen Park gehen, wenn man nichts dagegen hat, es sich auf dem Boden bequem zu machen.
In den letzten Jahren ist jedoch die Nachfrage nach Infrastrukturen gewachsen, die es ermöglichen, einfach nur da zu sein: bequem zu sitzen, Aktivitäten nachzugehen und Zeit mit anderen zu verbringen – nicht unbedingt in der Natur, aber auch nicht zwangsläufig verbunden mit Konsum. Nicht zu Hause, nicht bei der Arbeit, sondern an einem der sogenannten „Dritten Orte“.
Welche Dritte Orte gibt es in München?
In München gibt es einige wenige Orte, die sich selbst als „Dritte Orte“ bezeichnen, wie etwa der Gasteig in Sendling, der 1985 eröffnet wurde und primär von der Stadt München finanziert wird. Dort finden regelmäßig Filmfestivals, Konzerte, Lesungen, Ausstellungen und alle Arten von kulturellen Veranstaltungen statt. Außerdem gibt es dort eine Bibliothek mit mehreren Tischen, an denen man einfach sitzen und den Raum kostenlos nutzen kann. Auf ihrer Website beschreiben sie sich selbst als einen Ort mit „reichlich Platz zum Lesen, Lernen, Labern und Lachen (…)“ mit „Chancengleichheit“. Das heißt, ein Ort, zu dem Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten leicht Zugang haben können und der sich fast wie ein kultureller Zufluchtsort in der Stadt präsentiert.
In den letzten Jahren sind „Dritte Orte“ jedoch immer populärer geworden, und München hat diesen Trend ebenfalls aufgegriffen – seit dem Sommer 2024 gilt die Haus der Kunst als Dritter Ort, im Juni des vergangenen Jahres wurde das FLUX in der Pinakothek der Moderne eröffnet, und im Mai dieses Jahres das Apollon Foyer an der Staatsoper.
“Das ist etwas was in der Museumswelt immer mehr Thema ist. Es gibt viele Museen und viele Kunst und Kultur EInrichtungen die sich damit beschäftigen und die sich dafür interessieren. Das ist nicht nur unsere imput, sondern ein geteilter. Das ist ein Zeitgeist quasi”
Camille Latreille, Teilhabe und Bildung am Haus der Kunst
Laut Latreille hat sich die Haus der Kunst in den letzten Jahren angepasst, um sich als „Dritter Ort“ bezeichnen zu können. Heute bietet sie verschiedene kostenfreie Räumlichkeiten, interaktive Kunstinstallationen und ein offenes Atelier, in dem man entweder an einem der angebotenen Workshops teilnehmen oder eigene Materialien mitbringen kann. “Man kann kommen um ein Buch zu lesen und sich mit Freunden zu treffen, oder um Kunstmaterial [zu nutzen]” sagt sie.
Das FLUX ist ein noch „reineres“ Beispiel für einen Dritten Ort, wahrscheinlich weil es von Anfang an mit genau diesem Ziel konzipiert wurde. Es ist eine farbenfrohe Struktur mit vielen Sitzmöglichkeiten und einem Programm kostenloser Aktivitäten wie Yoga, verschiedenen Workshops und DJ-Sets. Konsumieren muss man dort ebenfalls nicht: Obwohl es zwei Cafés gibt, ist es erlaubt, eigenes Essen mitzubringen und sich an die Tische zu setzen.
Warum ist das Konzept dieser kulturellen „Dritten Orte“ gerade so populär?
Vielleicht ist es noch ein Nachhall der Post-Pandemie-Zeit, in der Menschen die Zeit außerhalb des Hauses und die Interaktion mit anderen stärker wertschätzen – insbesondere, da sich Homeoffice für viele Büroarbeiter als Standard etabliert hat?
Vielleicht liegt es auch einfach an der Entdeckung eines neuen Potenzials von Museen, die als kulturelle Infrastrukturen über die reine Ausstellung hinausgehen können und auch Beteiligung fördern?
Vielleicht ist es eine Mischung aus beidem. Latreille erklärt, dass Museen keine vollständig öffentlichen Räume sind, sondern semi-öffentliche Räume. Und „die Gesellschaft immer mehr Orte braucht, an denen Menschen sich treffen können, in Austausch kommen können, sich ausruhen können“.
Daher ist es wahrscheinlich Zeit, das Stereotyp eines Museums-, Opern- oder Kulturzentrum-Besuchs neu zu denken. Eine Erfahrung, die davor passiv, meist individuell und kostenpflichtig war, wandelt sich teilweise in eine aktive, kollektive, und kostenlose Erfahrung um. Es scheint, dass wir immer mehr in der Lage sein werden, nicht nur zu konsumieren, sondern auch zu produzieren, teilzunehmen und kulturelle Momente miteinander zu teilen.