KONZERTREVIEW
IC3PEAK in München – düster, politisch und absolut kompromisslos
Aufreibende Energie, eine bewusst verstörende Ästhetik und eine Performance, die unter die Haut geht. Für IC3PEAK´s “Coming Home Tour” versammelten sich am 23.April 2026 zahlreiche Fans im Münchner Backstage. Mitreißend, unter tobenden Rufen, trieb das russische Musikerduo den Konzertsaal in eine melancholische Ekstase.
Zurückgezogen in einer mystischen Waldhütte inmitten von Russland’s Idylle lebte das Künstlerduo IC3PEAK bestehend aus Anastasia Kreslina (Nastya) und Nikolai Kostylew (Nick). Auf den ersten Blick scheinbar märchenhaft – mit einem bedeutenden Twist. Denn in einer Phase intensiver staatlicher Verfolgung bot diese einen Rückzugsort, bei dem sich die Zwei gänzlich ihrem kreativen Schaffensprozess widmeten. Im Jahr 2017, fernab von den Augen der Öffentlichkeit, erlangten IC3PEAK trotz aller Widrigkeiten ihren Durchbruch mit ihrem ersten russischsprachigen Debütalbum ‘Сладкая Жизнь (Sweet Life)‘.
EIN ATMOSPHÄRISCHER EINKLANG
“NASTYA, NASTYA, NASTYA, NASTYA“, gröhlte es lautstark in der Backstage Halle.
Scheinwerfer erleuchteten die weiß geschminkten Gesichter der abwartenden Fans. Staubkörner tanzten vor unseren Augen und wanden sich gemächlich im sanften Licht, während von den Lautsprecherboxen subtile elektronische Vibrationen ausgingen und durch den Raum waberten.
Fünf Minuten, zehn Minuten. Unruhe kam auf. Wo bleibt IC3PEAK?
Mittlerweile hatten die Aufbauhelfer das für IC3PEAK charakteristische riesige orthodoxe Kreuz an der Decke befestigt. Nun baumelte es im Lichtkranz der Scheinwerfer und wartete auf das Erscheinen des Künstlerduos. Dann wurde der Saal in ein blutrotes Rosa durchtränkt. Freudenrufe schwellten an und Fans reckten gierig ihre Hälse aus der Menge, als Nastya und Nick flüchtig auf die Bühne huschten. „I’m very sorry to tell you guys, that I’m sick. So please: sing and shout as loud as you can!“ Der Saal antwortete mit unterstützendem Gejubel.
Im dämmrigen Rot schwenkte Nastya´s langer Zopf wie eine drohende Peitsche hin und her. Sie stellte sich in Position, bereit für ihre Performance – Brust raus, breitbeinig und mit stoisch erhobenem Kopf. Ihre große Schleife hatte sie krönend am Hinterkopf fixiert. Unterdessen neigte sich Nick‘s Glatzkopf silhouttenhaft über sein multiinstrumentales Setup und seine Hände schwebten konzentriert über dem Mischpult.

Dann wurde der Saal schlagartig still. Laute Marschtrommeln ertönten. Nastya´s Auge, farbig wie die eines Albino Hasen, blitzte in der Dunkelheit auf und sie begann die ersten Zeilen von ‘Марш (Marching)‘ zu singen.
VON UNDERGROUND TECHNO ZUM WIDERSTAND
Roh und cluborientiert mit verlangsamten Beats, geisterhaften Sounds und eine Kreuzung aus Trap, Cloudtrap und elektronischen Texturen – so klang IC3PEAK, als sie sich 2013 formten. Nastya, damals eine primär visuelle Artistin, fügte sich gut in Nick’s musikalische Kreationen ein, sodass sich beide dazu entschlossen eine feste Kollaboration – IC3PEAK — zu gründen.

Die Inhalte ihrer ersten Projekte drehten sich um Liebe, Sex und persönlicher Identität und wurden hauptsächlich auf Englisch verfasst. Der Einsatz von Verzerrungen und härteren Beats schafften eine deutlich bedrohlichere Atmosphäre, die noch heute charakteristisch für die Band ist. Spätere Veröffentlichungen wie ‘Сказка (Fairytale)‘ erweiterten den aggressiven und industriellen Stil um mystische Elemente: zarte Melodien, zusammen mit hektischen Trap-Rythmen und teils folkloristischen Anlehnungen.
Dazu gesellten sich verzerrte Synths. In Tracks wie ‘Dead But Pretty‘ auch Metal- und Hardcore Elemente. Zu ‚Dead But Pretty‘, ‚Kiss of Death‘ und ‚VAMPIR‘ wurde am Konzertabend auch fleißig gemosht.
Mittlerweile sind ihre Songs nur auf Russisch gesungen, mit teils englischen Passagen.
IC3PEAK’s Klang ist weniger einem spezifischen Genre zu zuordnen, sondern entspricht einer dramatischen, fast horrorhaften Gesamtstimmung.
Ihr Stil entwickelte sich über die Jahre vom experimentellen Underground-Electro zu einem vielschichtigen und düsterem Hybridstil, der sie international wiedererkennbar macht – Gothic-Electro, Dark Wave und düsterer Rap mit provokanter Gesellschafts- und Regierungskritik.
“AUDIOVISUELLER TERRORISMUS”
,,Mama, they say I´m a terrorist, what? I did nothing wrong, but I got on a blacklist. Mama, they say I´m a terrorist, why? If doomsday is coming – I won´t go to heaven”
~ ‚TRRST’ von IC3PEAK
Nastya und Nick verschränken ihre visuelle Sprache eng mit Musik und Botschaft. Die Nutzung musikalischer Kontraste ist mit ihrem Hintergrund interpretativ vereinbar: Künstlerische Freiheit und staatliche Repression – zwei gegensätzliche Konzepte – prallen aufeinander und erzeugen einerseits eine Dynamik, die frei, ätherisch und emotional, gleichzeitig aber auch von Härte, Direktheit und Kälte erfüllt ist.
Beide Pole werden von Nastya und Nick bedient. Mit ihrer Stimme und Bühnenpräsenz verleiht Nastya ihrer Musik eine verletzliche Intensität, emotionale Dramatik und einen bedrohlichen Ausdruck. Durch seinen instrumentalen Einfluss in der Produktion ergänzt Nick IC3PEAK’s Sound mit Struktur, kantigen Rythmen und minimalistischen Einschüben. Bei ihrem Konzert wechselte er zum Beispiel immer wieder zwischen Rig, Percussion, Bass und Gitarre, während Nastya auf ihren Gesang setzte und mit dem Publikum interagierte.

Immer wieder kniete sich Nastya zu den Fans hinunter und bewegte sich nahezu schlangenartig vor den Kameras. Ihr Gesicht wurde von unten eindrucksvoll vom Scheinwerferlicht erleuchtet.

Man könnte eigentlich schon sagen, dass sie exklusiv für die ersten Reihen performt hat. Kaum stand sie wieder auf verschluckte sie erneut die rote Dunkelheit.
Zusammen klingen sie harmonisch, gleichzeitig stehen beide vermeintlich im ständigen Konflikt zueinander.
Zusammenfassend ist ihre musikalische Dynamik so zu beschreiben: ein ungebundener persönlicher Ausdruck reibt gegen eine technisch kontrollierte Produktion. Szenisch abgestimmt zu den elektronischen Impulsen von Nick, flimmerte das spärliche Licht bei besonders unruhigen Tracks zittrig.
Ihre Musik ist ungreifbar und nervös aufgeladen – und genau das macht IC3PEAK´s Sound so interessant.
ZWEI GOTHIC ENGEL: SYMBOLFIGUREN EINER GENERATION
Internationale Bekanntheit erlangte die Band vor allem durch wiederholte Störungen, Verlegungen oder Manipulationen ihrer Konzerte in Russland. Das verschaffte ihnen über die lokale Musikszene hinweg an Sichtbarkeit und verlieh ihrer Kunst zusätzlich an politische Brisanz.
Gerade für die russisch-sprachige alternative Szene und die jüngere ukrainische und russische Generation ist IC3PEAK ein bedeutendes Sprachrohr. In einer Welt, in der man darum kämpfen muss emotional am Leben zu bleiben. Deutlich wurde das, als alle kollektiv – als unausgesprochene Etikette – zu bestimmten Songs an dem Abend aufhörten zu filmen und zu fotografieren und sich gänzlich dem Moment gaben.
Abgesehen davon, dass durch Nastya‘s Krankheit die Setlist im Vergleich der letzten Konzerte deutlich kürzer gehalten wurde, mangelte es nicht an ihrer Stimmpräsenz. Bei Schwierigkeiten, übernahmen die Fans lautstark ihren Part, sodass es nicht groß auffiel, dass sie eigentlich krank war. Bewusst wurde es einem erst dann, wenn sie zwischen den Sets an ihrer Tasse Tee nippte.

Als deutsch-Muttersprachler:in war man beim Konzert deutlich in der Minderheit und wurde nicht selten direkt auf russisch angesprochen. Umso mehr freute sich die Community um das Interesse und die Teilhabe von „Außerhalb“. Es wurde getanzt, gelacht, geweint und gesungen. Zu ‘Где мой дом? (Where Is My Home?)‘ schwenkten wir das Licht unserer Handytaschenlampen und wiegten uns in Melancholie.