KONZERTREVIEW

IC3PEAK in München – düster, politisch und absolut kompromisslos

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Aufreibende Energie, eine bewusst verstörende Ästhetik und eine Performance, die unter die Haut geht. Für IC3PEAK´s“Coming Home Tour” versammelten sich am 23.April 2026 zahlreiche Fans im Münchner Backstage. Mitreißend und unter tobenden Rufen, trieb das russische Musikerduo den Konzertsaal in eine melancholische Ekstase.

Zurückgezogen in einer mystischen Waldhütte, inmitten der Idylle Russlands, lebte das Moskauer Künstlerduo IC3PEAK, zusammengesetzt aus Anastasia Kreslina (Nastya) und Nikolai Kostylew (Nick). Aufgefallen ist das Duo besonders durch ihre regierungskritischen und politisch- provokanten Inhalte. In den Jahren 2017 und 2018, einer Zeit geprägt durch die intensive staatliche Verfolgung des Regimes, wurde dieser Ort zur Rückzugsmöglichkeit, bei dem sie sich gänzlich ihrem kreativen Schaffensprozess widmeten. So erlangten IC3PEAK im gleichen Jahr, trotz aller Widrigkeiten fernab von den Augen der Öffentlichkeit, ihren Durchbruch mit ihrem ersten russischsprachigen Debütalbum ‘Сладкая Жизнь (Sweet Life)‘. Die systematische Zensur- und Schikanekampagne erreichte nach ihrer öffentlichen Solidarisierung mit der Ukraine ihren Höchststand. Nastya und Nick leben seit Kriegsbeginn im Exil.

EIN ATMOSPHÄRISCHER EINKLANG

“NASTYA, NASTYA, NASTYA, NASTYA“, gröhlt es lautstark in der Backstage Halle.

Scheinwerfer erleuchten die weiß geschminkten Gesichter der wartenden Fans. Staubkörner tanzen vor aller Augen und winden sich gemächlich im sanften Licht, während von den Lautsprecherboxen subtile elektronische Vibrationen ausgehen und formlos durch den Raum wabern.

Fünf Minuten, zehn Minuten – Unruhe breitet sich aus. Wo bleibt IC3PEAK?

Mittlerweile haben die Aufbauhelfer das für IC3PEAK charakteristische riesige orthodoxe Kreuz an der Decke befestigt. Nun baumelt es im Lichtkranz der Scheinwerfer und wartet mit den Fans auf das Erscheinen des Künstlerduos. Der Saal wird in ein blutrotes Rosa durchtränkt. Erleichterte Freudenrufe schwellen an und Fans recken gierig ihre Hälse aus der Menge, als Nastya und Nick flüchtig auf die Bühne huschen und sich positionieren. „I’m very sorry to tell you guys, that I’m sick. So please: sing and shout as loud as you can!“ Der Saal antwortet mit bekräftigendem Gejubel.

Im dämmrigen Rot der Scheinwerfer schwenkt Nastya´s langer Zopf wie eine drohende Peitsche hin und her. Sie stellt sich vor ihr Publikum – stolz aufgerichtet, breitbeinig und mit stoisch erhobenem Kopf. Ihre große Schleife krönend an ihrem Hinterkopf fixiert. Unterdessen neigt sich Nick‘s Glatzkopf silhouttenhaft über sein multiinstrumentales Setup. Seine Hände schweben konzentriert über dem Mischpult.

BILD: Luisa Genipapeiro da Silva Zistler

Laute Marschtrommeln ertönen. Abrupt kehrt Stille in den Saal. Nastya´s Auge, rot wie die eines Albino Hasen, blitzt in der dämmrigen Dunkelheit auf. Dann beginnt sie die ersten Zeilen von ‘Марш (Marching)‘ zu singen.

VON UNDERGROUND ELEKTRO ZUM WIDERSTAND

Roh und cluborientiert mit verlangsamten Beats, geisterhaften Sounds und einer Kreuzung aus Trap, Cloudtrap mit elektronischen Texturen – so klang IC3PEAK, als sie sich 2013 formten. Nastya, damals eine primär visuelle Artistin, fügte sich gut in Nick’s musikalische Kreationen ein, sodass sich beide dazu entschlossen eine feste Kollaboration – IC3PEAK — zu gründen.

BILD: Luisa Genipapeiro da Silva Zistler

Die Inhalte ihrer ersten Projekte drehten sich um Liebe, Sex und Identität. Sie wurden in erster Linie auf Englisch verfasst. Der Einsatz von Verzerrungen und harten Beats schaffen eine deutlich beklemmende Atmosphäre, die noch heute charakteristisch für die Band ist. Spätere Veröffentlichungen, wie ‘Сказка (Fairytale)‘, erweitern den aggressiven und industriellen Stil um mystische Elemente: zarte Melodien, hektische Trap-Rythmen und stellenweise folkloristische Anlehnungen.

Dazu gesellen sich verzerrte Synths. In Tracks wie ‘Dead But Pretty‘ finden sich auch Metal- und Hardcore Elemente. Zu ‚Dead But Pretty‘, ‚Kiss of Death‘ und ‚VAMPIR‘ wurde am Konzertabend auch fleißig gemosht.

Mittlerweile sind ihre Songs auf Russisch gesungen, mit vereinzelten englischen Passagen.

IC3PEAK’s Klang ist weniger einem spezifischen Genre unterzuordnen, sondern entspricht einer dramatischen, irritierenden Gesamtstimmung.
Ihr Stil entwickelte sich über die Jahre vom experimentellen Underground-Electro zu einem vielschichtigen und düsteren Hybridstil, der sie international wiedererkennbar macht. Gothic-Electro, Dark Wave und düsterer Rap trifft auf provokante Gesellschafts- und Regierungskritik.

“AUDIOVISUELLER TERRORISMUS”

,,Mama, they say I´m a terrorist, what? I did nothing wrong, but I got on a blacklist. Mama, they say I´m a terrorist, why? If doomsday is coming – I won´t go to heaven”

~ ‚TRRST’ von IC3PEAK

Nastya und Nick verschränken ihre visuelle Sprache eng mit Musik und Botschaft. Die Nutzung musikalischer Kontraste ist mit ihrem Hintergrund interpretativ vereinbar. Künstlerische Freiheit und staatliche Repression, zwei gegensätzliche Konzepte, prallen aufeinander und erzeugen einerseits eine Dynamik, die frei, ätherisch und emotional, gleichzeitig aber auch von Härte, Direktheit und Kälte erfüllt ist.

Beide Pole werden von Nastya und Nick bedient. Mit ihrer Stimme und Bühnenpräsenz verleiht Nastya ihrer Musik eine verletzliche Intensität, emotionale Dramatik und einen bedrohlichen Ausdruck. Durch seinen instrumentalen Einfluss in der Produktion ergänzt Nick IC3PEAK’s Sound mit Struktur, kantigen Rythmen und minimalistischen Einschüben. Bei ihrem Konzert wechselte er zum Beispiel immer wieder zwischen Rig, Percussion, Bass und Gitarre, während Nastya auf ihren Gesang setzte und mit dem Publikum interagierte.

BILD: Luisa Genipapeiro da Silva Zistler

Immer wieder kniete sich Nastya zu den Fans hinunter und bewegte sich schlangenartig vor den Kameras. Ihr Gesicht wurde dabei eindrucksvoll vom Scheinwerferlicht des Backstage erleuchtet.

BILD: Luisa Genipapeiro da Silva Zistler

Kaum erhob sie sich vom Bühnenrand, verschluckte sie erneut die rote Dunkelheit.

Gemeinsam klingen sie harmonisch, simultan wirken beide vermeintlich im Konflikt zueinander. Bei unruhigen Tracks flimmerte das spärliche Licht zittrig. Es wurde hierfür szenisch an die elektronischen Impulse von Nick angepasst.
Ihre musikalische Dynamik lässt sich in Summe als ungebundenen Ausdruck beschreiben, welche gegen eine technisch kontrollierte Produktion reibt.

Ungreifbar und nervös aufgeladen – das macht IC3PEAK´s Sound so interessant.

ZWEI GOTHIC ENGEL: SYMBOLFIGUREN EINER GENERATION

Internationale Bekanntheit erlangte die Band vor allem durch wiederholte Störungen, Verlegungen und Manipulationen ihrer Konzerte in Russland. Das verschaffte ihnen über die lokale Musikszene hinweg an Sichtbarkeit und verlieh ihrer Kunst zusätzlich an politische Brisanz.

Gerade für die junge Generation in der russisch-sprachigen alternative-Szene ist IC3PEAK ein bedeutendes Ventil in einer Welt, die perspektivlos scheint. Deutlich wurde es – als unausgesprochene Etikette -, als alle kollektiv bei ausgewählten Tracks ihre Kameras senkten und sich restlos der Musik gaben.

An Stimmpräsenz mangelte es Nastya nicht, trotz Erkältung. Hierfür wurde die Setlist in München deutlich verkürzt, im Vergleich zu vorangegangenen Konzerten. Bei Schwierigkeiten, übernahmen die Fans ihre Passagen, sodass ihre krankheitsbedingten Anstrengungen kaum ins Gewicht fielen. Ihr Zustand fiel erst wieder bewusst auf, sobald sie zwischen ihren Sets an einer Tasse Tee nippte.

BILD: Luisa Genipapeiro da Silva Zistler

Deutsch-Muttersprachler:innen waren im Publikum deutlich in der Minderheit und wurden daher oft direkt auf Russisch angesprochen. Umso mehr freute sich die Community um das Interesse und die Teilhabe von „Außerhalb“. Es wurde an dem Abend getanzt, gelacht, geweint und gesungen. Zu ‘Где мой дом? (Where Is My Home?)‘ schwenkten alle das Licht ihrer Handytaschenlampen und wiegten sich in bittersüßer Melancholie.

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