Zu viele Bienen in der Stadt? Koexistenz von Honig- und Wildbienen
Die Stadt summt wie nie zuvor. Bienenstöcke auf Hausdächern und Balkonen, Honig direkt aus der Nachbarschaft: Urban Beekeeping ist längst kein temporärer Trend mehr. Immer mehr Menschen halten Honigbienen in der Stadt – aus Begeisterung für die Natur, aber auch mit dem Wunsch, etwas gegen das Insektensterben zu tun. Die Idee dahinter klingt erst einmal einleuchtend: Mehr Bienen sollen mehr Bestäubung und damit mehr Artenvielfalt bedeuten. Doch Forschende beschäftigen sich inzwischen mit einer Frage, die auf den ersten Blick überraschend wirken kann: Profitieren wirklich alle Bienen davon, wenn immer mehr Honigbienenvölker in die Städte ziehen?
Honig- vs. Wildbiene: Zwei Bestäuber, zwei Lebensweisen

Biene ist nicht gleich Biene. Während es in Deutschland nur eine Honigbienenart gibt, leben hier mehr als 600 Wildbienenarten. Beinahe die Hälfte von ihnen gilt laut der Roten Liste als gefährdet. Auch ihre Lebensweisen unterscheiden sich. Honigbienen leben als Superorganismen: Tausende Tiere bilden einen Staat mit klarer Arbeitsteilung und legen Honigvorräte an, um gemeinsam zu überwintern. Die meisten Wildbienenarten dagegen sind Solitärbienen und führen ein einzelgängerisches Leben. Wintervorräte legen sie nicht an. Diese Unterschiede prägen auch ihre Nahrungssuche. Honigbienen fliegen täglich weite Strecken und sammeln Nektar und Pollen an einer Vielzahl von Pflanzen. Wildbienen dagegen haben einen feinen Geschmack und sind auf Pollen weniger Pflanzenarten angewiesen. Gleichzeitig ist ihr Flugradius oft sehr klein. Was in ihrer unmittelbaren Umgebung nicht wächst, können sie kaum erreichen. Gerade deshalb reagieren Wildbienen empfindlich auf Veränderungen ihres Lebensraums und auf Konkurrenz um Nahrung.
Wenn Hilfe zur Konkurrenz wird
Immer mehr Menschen möchten Bienen helfen und entscheiden sich für ein eigenes Honigbienenvolk. In München ist die Dichte von Honigbienenvölkern mittlerweile deutlich höher als in vielen ländlichen Regionen. Besonders in dicht bebauten Stadtgebieten wird diese Entwicklung problematisch, vor allem in Bereichen mit einem begrenzten Blütenangebot. Honig- und Wildbienen nutzen dieselben Nahrungsressourcen. Wenn diese zu knapp sind, kann es zu Konkurrenz kommen. Eine Studie der LMU München zeigte bereits 2021, dass Wildbienen in Stadtgebieten mit hoher Honigbienendichte seltener an Blüten beobachtet wurden. Die Forschenden weisen deshalb darauf hin, dass urbane Imkerei nicht automatisch als Naturschutzmaßnahme verstanden werden sollte. Fachleute plädieren außerdem dafür, Honigbienenvölker nicht unkontrolliert an einem Ort zu konzentrieren. Ob urbane Imkerei problematisch wird, hängt nicht vom Prinzip selbst ab, sondern von der Völkerdichte und den lokalen Bedingungen.
Koexistenz beider Bienenarten
Die Honigbiene ist kein bedrohtes Wildtier. Sie wird seit Jahrtausenden vom Menschen gehalten und ihre Bestände gelten als stabil. Der Schutz gefährdeter Wildbienen rückt deshalb stärker in den Fokus.
Beide Bienenarten übernehmen eine wichtige Rolle bei der Pflanzenbestäubung. Entscheidend ist deshalb die Frage, unter welchen Bedingungen ihre Koexistenz möglich ist. Genau hier setzt die aktuelle Forschung an. Wissenschaftler:innen der TU München beschäftigen sich im sogenannten „Urban Bee Concept“ mit der Frage, wie urbane Imkerei und Wildbienenschutz besser aufeinander abgestimmt werden können. Im Fokus stehen dabei die Anzahl der Honigbienenvölker in einem Gebiet, ausreichende Blühflächen und eine vielfältige Stadtvegetation. Das Ziel ist kein Gegeneinander, sondern ein ökologisches Gleichgewicht, das beiden Arten zugutekommt.
Bienenfreundlicher Balkon und Garten

Genau daraus ergibt sich auch, was man selbst tun kann, um beide Bienenarten zu unterstützen: Man sollte in erster Linie auf eine Pflanzenvielfalt mit unterschiedlichen Blühzeiten achten. Besonders wertvoll sind heimische Wildpflanzen wie z.B. Wildblumen. Auch Kräuter wie Salbei oder Oregano sind sehr beliebt. Außerdem sollte man auf ungefüllte Blüten achten, also auf solche, bei denen Nektar und Pollen frei sichtbar und zugänglich sind, wodurch eine Nahrungsaufnahme erleichtert wird. Aufgrund der geringen Flugweite der Wildbienen ist es ratsam, dichter zu bepflanzen und Schutzräume zu integrieren; offene Bodenstellen, wilde Ecken im Garten oder morsches Holz bieten vielen Arten einen Platz zum Nisten.
Eine bienenfreundliche Stadt zeichnet sich nicht dadurch aus, möglichst viele Honigbienenvölker zu beherbergen. Sie ist vor allem eine Stadt, in der unterschiedliche Arten genügend Raum finden und gemeinsam umhersummen können.