KONZERTREVIEW
IGORRR in München – ein französisches Musikkonzept, das jegliche Muster und Normen sprengt
Euphorische Fans und eine dynamische Performance. Das Backstage konnte sich am 07. Februar 2026 freuen, dass Igorrr nun zum dritten Mal in die Münchner alternative Metal-Szene einzog.
Alles begann im Jahre 2005. Mit einem französischen Musiker und seinem Haushuhn Patrick. Was damals noch als rebellierendes, banduntaugliches Soloprojekt begann, entwickelte sich über die Jahre zu dem gemeinsamen Ausdruck verschiedener Künstler:innen. Mit dem Song ‚My Chickens Symphony‘, bei dem Hühner auf einem Kinderklavier verstreute Körner picken, setzte Gautier Serre den experimentellen Tonus für Igorrr. Ein vermeintlicher Running Gag, denn Patrick ziert teilweise noch heute ihren Merchandise.
Eine epische Eröffnung durch ‚Daemoni‘
Nebelschwaden ziehen über die Bühne und umschlingen die vielen Hände, die aus den aufgebauten Podesten in die Leere greifen.
Licht, welches die erhobenen Plattformen von innen erleuchtet, erinnert an eine untergehende Sonne und transformiert die Bühne der Backstage Festhalle in eine intime, außerweltliche Atmosphäre, in welche jede:r im Raum unmittelbar eingesogen wird.
Buchstäblich auf einem Silbertablett präsentiert, liegt auf der Bühne ein mit Nägeln durchbohrtes Gehirn und wird von Instrumenten umringt – es ist das Markenzeichen von Igorrr. Musikgenie und Projektgründer Gautier Serre steht links auf der Bühne und ist seitlich zum Publikum gewandt. Er ist vertieft in den schleppenden Beat seiner Synthesizer, die an einen unheilvollen Herzschlag erinnern.

Ein tiefes kehliges „Ohhh“ breitet sich in der Backstage Halle aus und bahnt sich unmittelbar in jede Nische des Raumes, wie hereinbrechendes Wasser.
Vokalist JB le Bail schreitet wie eine prophetische Erscheinung über die Bühne. Ganz langsam und mächtig, vorbei an den mit Händen bestückten Podesten. Er ist umhüllt von einem dunklen Gewand, sein Gesicht vom Schatten seiner Mönchskapuze verdeckt.
In der Mitte der Bühne angekommen breitet le Bail die Arme aus.
– Beat Drop –
Dann enthüllt er den euphorischen Gesichtern des Publikums seine dunkel geschminkte Fratze.

Das Konzert beginnt…
Ein experimenteller Spagat in verschiedene Stilrichtungen
Stiltechnisch zeichnet sich Igorrr im Allgemeinen durch seinen ungewöhnlich diversen musikalischen Mix aus. Sie bewegen sich jedoch primär zwischen Death-/Black Metal, Barock, Klassik und Breakcore.
Neben gebetsartigen Chants in einer erfundenen Sprache, balkanischem Sound und mediterranen Elementen mischen sich heavy Breakdowns, rasante Gitarrenriffs, ethnische Instrumente – wie tibetanische Hörner – und die dialoghafte Abwechslung von rauen Metalscreams le Bails mit dem extravagantem Operngesang von Sopranistin Marthe Alexandre, in eine einzigartige Erfahrung.
Letztere eröffnet wie eine antike, göttliche Gestalt mit scheinendem Gewand einen ihrer bekanntesten Tracks: ‚Downgrade Desert‘ – spätestens ab da war die Crowd gehooked.

Ihre Track List war gut durchdacht. Die Songs gingen nahtlos ineinander über und durch die saubere Organisation konnte sich jede:r Musiker:in schichtweise eine kurze Erholungspause gönnen, bevor sie wieder mit vollem Einsatz auf die Bühne kamen.
Energiegeladene Moshpits formten sich bei ‚Polyphonic Rust‘, heftiges Headbanging war bei ‚Infestis‘ garantiert und Gautier Serre, so wie Gitarrist Martyn Clément, hatten bei ‚Very Noise‘ die Crowd fest im Griff.
So einzigartig wie ihre Musik ist auch ihr Publikum. Auf dem Weg zum Konzert waren wir schon sehr gespannt wer uns in der Crowd erwartet – und das zurecht. Denn durch die ungewöhnliche Fusion des reinen Göttlichen und der aggressiven Düsternis kamen diverse Persönlichkeiten und Interessen an einem Ort zusammen.
Erleben musikalischer Transformation
Ganz simpel gesagt ist Igorrr ein absolut bewusstseinserweiterndes Erlebnis. So schaffen es die beteiligten Künstler:innen präzise und erfolgreich ihre gemeinsame Vision über die Bühne zu bringen. In der Bandhistorie übernahmen hin und wieder unterschiedliche Musiker:innen die einzelnen Komponenten der Gruppe, doch blieben dabei stets dem ursprünglichen Prinzip von Igorrr treu. Das anfängliche Soloprojekt von Gautier Serre konnte dadurch allmählich zu einem kollektiven, kreativen Austausch von Gleichgesinnten avancieren.
Ihr Sound bleibt ein avantgardistisches Experiment, welches sich immer wieder selbst herausfordert und daran wächst.
Ab und an bekommt man sogar den Eindruck, als würde uns ihre Musik bewusst irritieren wollen. In Tracks wie ‚ADHD‘ oder ‚Vegetable Soup‘ sind teilweise so abrupte Wechsel von komplexen Rhythmen eingebaut, dass man die Musik förmlich zu uns sprechen hört: „Ha! Habt ihr gerade etwa versucht den Takt zu zählen? Zählt noch mal von vorne, uund jetzt noch einmal“.
Ziemlich durchdacht und scheinbar chaotisch: Das ist der Klang von Igorrr.

Bei manchen Acts und Festivals werden sie dieses Jahr noch zu erleben sein, mit neuer Sängerin Gerda Iguchi, die Marthe Alexandre zukünftig ablöst. Im Sommer 2026 wird Igorrr zum Beispiel als Support-Act von Limp Bizkit in Deutschland auftreten.
Bleibt also gespannt, denn die Reise ist noch lange nicht vorbei!