Eine Ästhetik geprägt von Authentizität und Menschlichkeit: Der junge japanische Fotograf Masanari Tsukamotosammelt seit der High School Tausende einzigartige Fotos. Im Spätsommer durfte Redakteur Andre Foster ihm auf einer Reise in den abgelegenen Gebieten der Präfektur Fukushima begleiten und wurde dabei selbst zum Motiv.
Die Hitze drückt, als wir mit dem Toyota auf dem Weg zum Berg Azuma-Kofuji kommen. In höheren Lagen verstummt das ohrenbetäubende Zirpen der Zikaden und weicht einer sanften Brise. Die grünen Wälder des Berges umgeben unser Blickfeld, bis wir an einem kleinen Parkplatz halten. Masanari (kurz Masa) drückt leicht auf die Bremse, zieht die Handbremse und plaudert ein wenig auf Japanisch mit seinem Kumpel Tomoya.
Vor uns ist eine unvergessliche Aussicht der Landschaft in Aizu, mehrere Kilometer entfernt erscheint Stadt Fukushima wie eine Fata Morgana. Masa zückt sofort seine Kamera, doch anstatt sich wie sein Kumpel Tomoya und ich ganz und gar von der atemberaubenden Landschaft verzaubern zu lassen, wirkt Masa eher frustriert. Es ist einer von vielen besonderen Momenten, in denen Masa eine kurze Pause einlegt, um die Stimmung mit seiner Kamera festzuhalten. Aber wahrscheinlich auch einer von vielen, die zu einer frustrierenden Flut von Fotos führen, die letztendlich im Papierkorb landen.
Masa (rechts) und Tomoya (links) sind fasziniert von dem blassgelben Rauch, der aus einem Vulkan aufsteigt. BILD: Andre Foster
Es ist sein letzter Sommer vor dem Abschluss an der Universität, und wie seine Zukunft danach aussehen wird, bleibt ungewiss. Masa, ein Student und leidenschaftlicher Fotograf aus Tokio, hat ein Gespür für Improvisation. Zwar legt er großen Wert auf eine starke Komposition, plant seine Motive aber selten umfänglich im Voraus. Diese Improvisation spielt jedoch eine zentrale Rolle in seinem künstlerischen Schaffen und spiegelt den Wert wider, den er der Authentizität beimisst. Das Einzige, was Masa nicht improvisiert hat, ist die Reise nach Aizuwakamatsu in Fukushima.
EINFLUSSFAKTOR WETTER
Die Straße schlängelt sich durch ein nach Schwefel duftendes Gebirge hinauf und führt uns zu einem steilen, erloschenen Vulkan. Oben auf dem Gipfel sind Menschen zu erkennen, die um den riesigen Krater herumlaufen, als wären sie Ameisen auf einem Ameisenhaufen. „Das könnte Potenzial haben“, murmelt Masa auf Japanisch und findet einen geeigneten Parkplatz. Während wir den Wanderweg hinaufsteigen, wirkt Masa etwas unzufrieden mit dem bewölkten Wetter und dem starken Wind, die die Aufnahmebedingungen erschweren. Hin und wieder blitzt die Sonne hinter den Wolken hervor, und Masa nutzt diese Momente optimal aus.
Wie für jeden Fotografen ist auch für Masa das Licht wichtig, doch in dieser Hinsicht scheint er besonders wählerisch zu sein. Entgegen seiner Natur schlage ich ihm vor, ein Foto von mir auf dem Gipfel zu machen, da er ansonsten nicht besonders begeistert wirkt. Er schickt mich hinauf zum Gipfel, während seine Finger und sein Gesicht langsam vom kalten Wind taub werden. Auch Tomoya ist nicht ganz zufrieden. Dennoch bleibt Masa dabei. Ob ihm das Foto wirklich gefällt, ist allerdings unklar. Zumindest ist es nicht in seinem Papierkorb gelandet, wie seiner Aussage nach etwa 70 Prozenzt seiner sonstigen Bilder.
Andre kämpft um sein Leben, während er den schmalen, windigen Pfad hinaufsteigt. BILD: Masanari Tsukamoto
Als ich zurückkehre und dabei vorsichtig darauf achte, nicht vom Berg abzurutschen, wirkt Masa dennoch zufrieden, scheint aber gleichzeitig unbedingt schnell wieder den Berg hinunterkommen zu wollen. Er macht sich zielstrebig auf den Weg zum Auto, begierig darauf, die Landschaft von Aizu weiter zu erkunden.
SILHOUETTEN AM SONNENUNTERGANG
Der Sonnenuntergang naht, und die Stadt Aizuwakamatsu liegt günstig auf einem großen, flachen Plateau, umgeben von Reisfeldern im Tal. Während der Fahrt scheint Masa besonders begeistert von diesem Ort zu sein, der auf den ersten Blick eher langweilig wirkt. Wie ein Einheimischer erzählt er begeistert allerlei Wissenswertes über die Gegend, zum Beispiel über seltsame Grabsteinhaufen oder eine riesige Buddha-Statue. Sein Redefluss kommt gelegentlich zum Stillstand, genau wie das Auto, wenn ihm etwas ins Auge fällt. Masa trinkt nicht während der Fahrt, aber er hat noch nie von Vorschriften gehört, die das Fotografieren am Steuer verbieten.
Andre starrt bei Sonnenuntergang auf die leuchtenden Reisfelder und ahnt nicht im Geringsten, dass Masa nicht auf die Straße achtet. BILD: Masanari Tuskamoto
Nach der holprigen Fahrt hält Masa den Toyota direkt an einem Hügel an. Er blickt auf den weiten Ausblick über die Reisfelder unter dem Feuer am Himmel, das langsam verblasst. Es ist ein wundervoller Anblick, den auch andere ältere Fotografen nicht verpassen wollen. „Die Idee ist nicht gerade originell“, bemerkt er und nickt dem älteren Ehepaar zu, das wie hypnotisiert den Sonnenuntergang betrachtet.
Minutenlang starren Tomoya und ich auf den Horizont, während das Klicken der Kameraverschlüsse hinter uns immer lauter wird. Und er scheint große Freude daran zu haben, unsere Silhouetten einzufangen, während er über das Feld hin und her rennt und die Atmosphäre des Sonnenuntergangs über den weiten Feldern festhält. Doch anders als ich angenommen hätte, ist seine Kamera ständig auf uns gerichtet und fast nie direkt auf das Feld. Wie sich herausstellt, ist die Natur lediglich ein Mittel zum Zweck, genau wie die Straße, die uns hierher geführt hat. Menschen sind seine Kunst.
Masa ist nicht der Einzige, der von der Aussicht begeistert ist. BILD: Masanari Tsukamoto
MENSCHEN STATT NATUR
Am nächsten Tag nimmt uns Masa mit auf einen kurzen Ausflug zu einer der wenigen berühmten Sehenswürdigkeiten von Aizu, der Burg Tsuruga. Neben dem Burggelände befinden sich einige Gärten, die mit einer Vielzahl farbenprächtiger, üppiger Pflanzen bewachsen sind. Dazwischen tummeln sich verschiedene Vögel, die sich in der strahlenden Sonne aalen oder im kühlen Teich baden.
Tomoya und ich machen jede Menge Fotos mit unseren kleinen Handykameras. Währenddessen hängt Masas Nikon-Kamera um seinen Hals wie ein zappeliges Kind, das seine Eltern um Aufmerksamkeit bittet. Doch kurz darauf schenkt Masa ihr endlich die Aufmerksamkeit, die sie verlangt – allerdings nicht für eine Pflanze oder einen Tier. Stattdessen richtet sich sein Objektiv auf eine Gruppe älterer Damen, die an einer Führung durch den Garten teilnehmen. Ich starre ihn verdutzt an, und meine Verwirrung zieht sogar die Aufmerksamkeit einiger vorbeikommender Besucher auf sich. „Warum Menschen statt Natur?“, frage ich ihn ganz sachlich, amüsiert über seine Faszination für die Omas.
„Warum? Vielleicht liegt es einfach daran, dass ich Menschen besser fotografieren kann als die Natur. Ich nutze die Natur oder Bauwerke, um die Umgebung oder den Ort, an dem wir uns gerade befanden, darzustellen. Aber das Hauptthema sind die Menschen.“
Die älteren Damen machen einen idyllischen Rundgang durch die Gärten. BILD: Masanari Tsukamoto
EINE STILÄNDERUNG
Wenn man seine früheren Werke betrachtet, wird klar, dass Masa seinen Stil lange erkundet hat. Seine Fotos sind divers und zurzeit sehr von dem menschlichen Charakter geprägt. Aber in seinen älteren Fotos legt er einen großen Wert auf malerische Naturaufnahmen.
Panoramaaufnahme einer Bergkette bei Sonnenaufgang, Oktober 2021. BILD: Masanari Tsukamoto
Durch solche Fotos baute er sich seinen wachsenden Ruf auf. Oft zeigen seine alten Fotos üppige Bäume und sattes Grün, malerische Wasserfälle und klare Flüsse sowie einen wolkenverhangenen Himmel. Für einen Bewunderer seines Werks mag es rätselhaft erscheinen, dass er der natürlichen Umgebung gegenüber mittlerweile völlig gleichgültig geworden ist.
Mit der Zeit tritt die Natur in den Hintergrund, während Porträtfotos von Menschen in den Mittelpunkt rücken. Seine spätere Ausrichtung auf Menschen kennzeichnet diese Phase als einen entscheidenden Moment der Selbstfindung und der Entwicklung seines eigenen künstlerischen Stils. Dieser dramatische Wandel vollzog sich Ende 2023, als eine Vielzahl von Sport-, Stadt- und College-Fotos, die Masas Alltag einfingen, auf fast filmische Weise Gestalt annahmen.
Ambient-Foto einer Freundin von Masa im Kimono. BILD: MASANARI TSUKAMOTO
Doch es ist nicht leicht, seinen Stil zu durchschauen. Manchmal fällt es ihm schwer, seine Kunst zu beschreiben, und zwar so sehr, dass man fälschlicherweise annehmen könnte, seine Fotos dienten rein ästhetischen Zwecken. Doch Masa macht fast keine Fotos aus rein ästhetischen Gründen, abgesehen von ein oder zwei Fotos von Flugzeugen, wie er selbst einräumt.
DIE STARKE BINDUNG ZU TOMOYA
Einige Augenblicke später wendet Masa seinen Blick von den Großmüttern ab und richtet ihn auf Tomoya, der ganz lässig durch verschiedene malerische Pfade schlendert, den Blick auf die zierlichen, antiken Gartengeräte gerichtet. Masa richtet seine Kamera fröhlich auf Tomoya. Er kichert und scherzt, dass Tomoya praktisch sein ganz persönliches, unbezahltes Model sei. Masa erklärt, dass es für Tomoya fast schon eine Art Intuition sei, sich für ihn in die perfekten Blickwinkel zu stellen. Und das sogar, wenn er seine Kamera gar nicht zur Hand hat.
Tomoya geht langsam über die Brücke, um Masa genügend Zeit zu verschaffen. BILD: Masanari Tsukamoto
Schließlich sind die beiden schon seit der Oberschule beste Freunde und haben sogar eine Zeit lang gemeinsam eine eigene Band gegründet. Ihre künstlerische Synergie besteht daher schon seit dem Tag, an dem sie sich kennengelernt haben. Und Masa betont, dass diese Verbundenheit so stark ist, dass Tomoya sogar wisse, wo er sich für den Fotograf zwischen Licht und Dunkelheit positionieren muss.
„IN-EI-RAISAN“ – ZWISCHEN LICHT UND DUNKELHEIT
Masa betont, dass die Natur für Künstler immer etwas Wunderbares bereithalte. Er verweist auf die vielen Schatten, die die Bäume werfen, und auf die schillernden Sonnenstrahlen, die sanft durch die Lücken zwischen den Blättern dringen. Für Masa entsteht dadurch ein wunderschönes und fast perfektes Beispiel für das, was er auf Japanisch als „in-ei-raisan“ bezeichnet. Dabei handelt es sich um einen einzigartigen japanischen Begriff aus der Kunst, der im Wesentlichen die besondere Betonung des Hell-Dunkel-Kontrasts innerhalb der Schatten hervorhebt. Und Masa liebt es, dieses Gleichgewicht zu nutzen, sodass die Farben in seinen Fotos fast immer lebendig wirken. Dadurch strahlt seine Kunst oft eine friedliche und positive Energie aus, selbst in Situationen, in denen er, wie er erklärt, Traurigkeit vermitteln möchte.
Masa zeigt mir das perfekte Beispiel dafür. Auf dem Foto fällt das Sonnenlicht auf unheimliche Weise auf einen Grabstein, der den Soldaten aus Okinawa gewidmet ist. Der starke Kontrast zwischen strahlendem Licht und Schatten ruft ein friedliches Gefühl der Trauer und Dankbarkeit hervor. Selbst im Tod bedeutet ihm der menschliche Geist sehr viel. Er erklärt, dass er den Toten seine Dankbarkeit ausdrücken möchte, aber auch seine Verantwortung als Japaner, dafür zu sorgen, dass sich eine Tragödie wie der Zweite Weltkrieg nie wiederholt. Überraschenderweise ist dieses Foto, wie viele seiner Aufnahmen, improvisiert – obwohl man das angesichts der Leidenschaft, mit der er seine wichtige Rolle bei der Entstehung dieses Fotos beschrieb, kaum vermuten würde.
Grabsteine zum Gedenken an die im Krieg auf Okinawa gefallenen Soldaten. BILD: Masanari Tsukamoto
STOLZ IM OBJEKTIV
Masa ist zutiefst fasziniert von der japanischen Kultur und Geschichte. Sein Stolz zeigt sich im Großteil seiner Fotos, vor allem aber in den seltenen Aufnahmen antiker japanischer Architektur. Besonders deutlich wird sein Stolz jedoch in seinen detaillierten, enzyklopädischen Erläuterungen zur japanischen Geschichte, die er mir oft während unserer Ausflüge vermittelt. Das gilt auch, als wir die Burg Tsuruga in Aizu erkunden. Ein Reiseleiter ist für diese historische Stätte nicht notwendig, da Masa auf nahezu jede Frage, die man ihm stellt, ausführliche Antworten geben kann. Man könnte vermuten, dass seine Leidenschaft eher der Geschichte als der Fotografie gilt, denn während er sich ganz in die Geschichte der Burg vertieft, hängt seine Kamera wie ausgetrocknet um seinen Hals. Um seinen Durst zu stillen, macht er zögernd ein paar Fotos vom Schloss.
Burg Tsuruga in Aizu. BILD: Masanari Tuskamoto
Auch wenn Masa mit seiner Kamera die bekannteren Aspekte von Aizu manchmal außer Acht lässt, ist Aizu keineswegs ein zufällig gewähltes Reiseziel. Für ihn ist die Region zum perfekten Ort geworden, um seinen Stolz und sein Verantwortungsbewusstsein für die Bewahrung der Kultur, die ihm am Herzen liegt, zum Ausdruck zu bringen. Die Wertschätzung für seine Kultur ist schon seit langem ein Teil von ihm, hat sich aber seit seinem Austauschsemester in Indonesien noch verstärkt. Dort lernte er den Wert des kulturellen Austauschs kennen.
EINE NEUE PERSPEKTIVE IN INDONESIEN
Der Nachmittag vergeht wie im Flug, als Masas leidenschaftliche Schilderungen über das Schloss zu Ende gehen. Wir machen uns auf den Weg zu einer längeren Autofahrt, auf der wir tiefer in das bewaldete Aizu-Tal hinabfahren. Die schöne und ruhige Strecke lässt Masa in Gedanken über seine Zeit in Indonesien versinken.
Seit seinem kurzen Aufenthalt dort als Kind hat Masa eine starke Verbindung zu Indonesien. Diese nostalgische Verbindung blieb bestehen, als er sich entschloss, für ein Austauschsemester dorthin zurückzukehren. Als Lehrassistent für Japanischkurse sammelte er umfangreiche Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern und bei der Vermittlung des kulturellen Erbes seines Landes.
Masa bringt seinen Schüler:innen Origami bei. BILD: Masanari Tsukamoto
Masa schätzt diese Erfahrung sehr, auch wenn er betont, dass sie seinen künstlerischen Ansatz nicht beeinflusst hätten. Sie habe ihm jedoch geholfen, seine Komfortzone zu verlassen. Vor allem entdeckte er verschiedene Bräuche, die ihm während seiner Kindheit dort vielleicht nicht aufgefallen wären. Die sozialen Umgangsformen unterscheiden sich stark zwischen Japanern und Indonesiern, und er brauchte eine Weile, um sich daran zu gewöhnen. Im Gegensatz zu den Japanern sind die Menschen in Indonesien offener, persönlicher und direkter, was für Masa anfangs eine unangenehme Erfahrung war. Rückblickend denkt er gerne an diesen starken Kontrast zurück:
„Mir wurde einfach klar, dass es letztlich auf die Perspektive ankommt. Ich fühlte mich unwohl, habe mich aber daran gewöhnt. (…) Indonesier sind sehr hilfsbereit, ohne dass man sie darum bittet, daher war es eine gute Erfahrung, aus eigener Initiative meine Komfortzone zu verlassen.“
Obwohl er behauptet, seine Kunst sei davon nicht beeinflusst worden, deuten seine Fotos aus dieser Zeit auf etwas anderes hin. Die Anpassung an diese persönlichere Kultur hat in der Tat zu einigen seiner bislang intimsten Werke geführt.
Masa bringt den Schüler:innen das traditionelle japanische Spiel „Fukuwarai“ bei. BILD: Masanari Tsukamoto
Die Geschichte über seine Zeit in Indonesien fasste sich nach mehrerer Zeit zuende und die lange Autofahrt bringt uns am Abend zu einer neuen Überraschung. Ein altes, aber auch einzigartiges Dorf tief im bewaldeten Tal südlich von Aizuwakamatsu.
LIEBER UNBEKANNTES ENTDECKEN
Ouchi-juku ist ein kleines, aber historisch bedeutendes Dorf südlich von Aizuwakamatsu. Es besteht fast ausschließlich aus einer Ansammlung von Häusern mit Strohdächern, sogenannten „Kayabuki“, die typisch für die Edo-Zeit in Japan sind. Unser Spaziergang durch das Dorf fühlt sich an wie eine Reise in die Vergangenheit, da die wenigen Einwohner hier urige, traditionelle Läden betreiben, die man sonst nirgendwo in Japan findet. Masa führt uns durch das Dorf und ist voller Bewunderung dafür, wie gut diese Holzhäuser, die fast zerbrechlich wirken, erhalten geblieben sind.
Kayabuki-Häuser, die sowohl als Geschäfte als auch als Wohnhäuser dienen. BILD: Andre Foster
Das Dorf strahlt eine stimmungsvolle und ruhige Atmosphäre aus. Dahinter steht eine jahrhundertelange Geschichte. Es scheint der ideale Ort für Masa zu sein, um interessante Fotos zu machen, besonders wenn sich der Sonnenuntergang langsam nähert. Zu meiner Überraschung holt Masa seine Kamera jedoch kaum heraus. Vielmehr war er daran interessiert, neugierige Käufer und passionierte Ladenbesitzer als Motive für seine Fotos einzufangen.
Eine Betreiberin eines Kunsthandwerksladens, die interessierten Kunden gerne weiterhilft. BILD: Masanari Tsukamoto
Seit unserem Besuch der Burg Tsuruga hatte sich ein weiteres Muster abgezeichnet, das mich dazu veranlasste, Masa zu fragen, warum er generell weniger Interesse an historischen Stätten zeigt. Er antwortete schlicht: „An berühmten Orten fällt es mir schwer, etwas Interessantes einzufangen, weil sie bereits fest etabliert sind. Dort gibt es für mich selten etwas Neues zu entdecken.“ Vielleicht liegt es auch an der Natur des Ruhmes selbst, die ihm weniger persönlich erscheint.
ABENDESSEN MIT EINEM TOURISTEN
Wir verbringen relativ wenig Zeit im Dorf, obwohl Masa und Tomoya großen Spaß daran haben, verschiedene traditionelle Gewürze und Soßen zu probieren. Als die Sonne untergeht und wir die Warnschilder vor Bären bemerken, fährt Masa uns zurück nach Aizuwakamatsu, wo uns ein traditionelles Abendessen erwartet.
Wir kommen in einem schicken, traditionellen Restaurant in der Nähe unseres Air B&B an und werden sofort vom freundlichen Personal begrüßt. Masa unterhält sich herzlich mit den Restaurantmitarbeitern, und es wird viel gelacht. Als ich ihn frage, worum es in ihrem Gespräch ging, gibt er zu, dass er den starken Aizu-Dialekt kaum verstehen konnte, ihn aber sehr faszinierend fand.
Eingang des Restaurants „Takino“. BILD: Masanari Tsukamoto
Ich folge seinen Empfehlungen für das Essen, da er ganz begeistert davon zu sein scheint, dass ich eine Art Soba-Gericht probiere, das man in geschäftigen Städten wie Tokio normalerweise nicht findet. Auch wenn berühmte Sehenswürdigkeiten und Denkmäler sein Interesse nicht wecken, veranlassten meine Schwierigkeiten mit der japanischen Etiquette ihn doch dazu, seine Kamera zu zücken. Obwohl es zunächst so aussah, als wären die Fotos nur zum Spaß, stellte sich heraus, dass Masa die Bemühungen eines Touristen, sich an seine Kultur anzupassen, besonders zu schätzen wusste.
Hinter der Kamera beobachtet Masa amüsiert, wie Andre die rutschigen Nudeln nicht greifen kann. BILD: Masanari Tsukamoto
DAS LANGWEILIGE INTERESSANT MACHEN
Am letzten Tag kommen Masas Gedanken zu seiner Kunst besonders deutlich zum Ausdruck. Ganz im Sinne seiner Arbeitsphilosophie hat er für heute nichts geplant. Nachdem er alles zusammengepackt hat, führt er uns durch die gesamte Gegend. Unterwegs zeigt Masa, dass er auch eine andere Kunstform beherrscht, als er und Tomoya in perfekter Harmonie gefühlvolle Balladen singen. Ich vergnüge mich damit, still ihren Harmonien zu lauschen, die seit ihrer Zeit in der Highschool-Band unverändert geblieben sind.
Masa steigt unterwegs mehrmals aus dem Auto, um Motive zu fotografieren, die ihn faszinieren, die aber ansonsten vermeintlich langweilig wirken. Neugierig frage ich ihn, was er an diesen Motiven im Vergleich zu faszinierenderer Architektur so besonders findet. Er verrät mir eines seiner Hauptziele in seiner Arbeit als Fotograf: „Ich versuche, einen interessanten Blickwinkel oder eine gute Komposition zu finden, indem ich eine langweilige Situation genau unter die Lupe nehme.“ Er merkt außerdem an, dass er keine dramatischen Fotos machen mag.
Das erklärt zumindest, warum er sich selten dafür interessiert, Merkmale zu fotografieren, die ästhetisch ansprechend wirken. Als Beispiel nennt er ein Foto eines Pferdes, das er an einem Schrein aufgenommen hat. Er war einfach fasziniert von der spirituellen Verbindung des Pferdes zum Schrein sowie von seiner markanten Muskulatur.
Im alten Japan spendeten die Menschen den Gottheiten in den Schreinen Pferde, um Glück zu erlangen. BILD: Masanari Tsukamoto
EIN EINZIGARTIGES SELBSTPORTRAIT
Nach dieser Erkenntnis fällt mir eines seiner beliebtesten Fotos ein. Es zeigt einen Mann, der auf einem leeren, schneebedeckten Feld unter dem Nachthimmel steht.
“Elsewhere” entstanden in Hokkaido, März 2023. BILD: Masanari Tsukamoto
Masa erklärt, dass das gemäldeartige Bild spontan entstanden ist. Allerdings hatte er einige Schwierigkeiten bei dieser Aufnahme. Zunächst wollte er den Sternenhimmel einfangen, entschied sich dann aber für etwas Einfacheres. Der Kontrast zwischen dem Weiß des Schnees und dem Blau des Himmels gefiel ihm besser. Doch auch das reichte ihm noch nicht ganz aus. Also beschloss er, eine unscheinbare Szene in etwas Besonderes zu verwandeln, indem er die Kamera auf Selbstauslöser stellte und sich selbst ins Bild setzte. Das Ergebnis ist ein seltenes Selbstporträt. Die gesamte Aufnahme dauerte gerade einmal fünf Minuten.
INSPIRATION IN ANDEREN KÜNSTEN
Solche Fotos mit Blick für die Natur macht Masa auch bis heute gerne und auch während unseres Gesprächs kommen wir zum Halt an den Inawashiro-See. Masa sucht hier nach sämtlichen Kontrasten zwischen dem weißen Himmel und dem blauen See. Sein Blick folgt mit der Kamera seinem gewohnten Motiv Tomoya. Masa setzt auf seine typische, leuchtende und farbenfrohe Ästhetik mit Schwerpunkt auf starke Kontraste. Während dieser Aufnahmen spricht er über seine Inspirationsquellen für seine Arbeit. Überraschenderweise nennt er keine Fotografen, sondern führt als Inspiration moderne Ukiyo-e-Künstler an – jene traditionelle japanische Kunstform, bei der Holzschnitte wie der Klassiker „Die große Welle“ mit Malerei übermalt werden.
Das wohl bekannteste Ukiyo-e-Kunstwerk: „Die große Welle vor Kanagawa“ von Katsuhiga Hokusai.
Zu diesen Künstlern gehört der Maler Hasui Kawase aus dem 20. Jahrhundert, der für seine Drucke bekannt ist, auf denen er Naturlandschaften und Architektur mit einer unverwechselbar hellen Atmosphäre und farbenfrohen Kontrasten darstellt. Diese Künstler neigen dazu, dem Bild die Tiefe zu nehmen, um einen malerischen zweidimensionalen Anblick zu schaffen. Masa selbst liebt es, seine Fotos auf ähnliche Weise aufzunehmen, und nennt als Beispiel das von ihm aufgenommene Foto einer verschneiten Nacht.
„Schnee am Zojoji-Tempel“ von Hasui Kawase
IN TIEFER DANKBARKEIT
Wir kommen noch einmal kurz auf das Thema seines kulturellen Stolzes zurück. Doch ich erwähne, dass allgemeine Dankbarkeit ein roter Faden in seinen Fotos zu sein scheint. Er gibt zu, dass dies ein weiterer zentraler Schwerpunkt seiner Fotos ist. Während wir uns ein Foto eines Arbeiters ansehen, der Ginkgoblätter von der Straße kratzt, beschreibt er, wie wichtig es ist, auch für die einfachsten Dinge ein Dankeschön auszudrücken. Er empfindet das Bedürfnis, diesen Mann allein schon dafür zu würdigen, dass er die Straßen für alle anderen sauber hält.
Ein Straßenkehrer in Tokio sammelt goldene Gingkoblätter im Herbst. BILD: Masanari Tsukamoto
Diese Dankbarkeit findet sich in verschiedenen Situationen auf seinen Fotos wieder. Selbst etwas so Einfaches wie ein Foto seiner Freunde ist für ihn ein Ausdruck der Dankbarkeit.
Masas Freunde drehen sich während eines Regenschauers um, um zu posieren. BILD: Masanari Tsukamoto
Masa legt die Kamera kurz beiseite und blickt einfach nur auf die Wellen, die gegen das Ufer branden. Er sagt, er sei sehr dankbar, dass er an diesem Wochenende über seine Kunst sprechen durfte. So dankbar und nachdenklich er auch gegenüber den Motiven ist, die er mit seiner Kamera einfängt, so gibt Masa in diesem Moment zu, dass er überglücklich ist, sich auch einmal verbal ausdrücken zu können. Er hebt seine Kamera und macht ein letztes Foto vom See. Im Auto geht das Karaoke die nächste Stunde weiter, während wir zum Bahnhof fahren, um unseren Zug zu erwischen.
Das letzte Foto in Aizu. BILD: Masanari Tsukamoto
ABSCHIED IM BULLET TRAIN
Mehrere Schnellzüge fahren an unserem Bahnsteig vorbei, während Masa seine Kamera gefährlich nah auf sie richtet. Doch das Fotografieren von Zügen fällt ihm nicht leicht, und er sagt, dass er auf diesem Gebiet noch viel zu lernen habe. Im Zug spricht er über seine Zukunftspläne, auch wenn er sich dabei ein wenig unsicher fühle. Er möchte seine Fähigkeiten verbessern, und so komme für ihn ein Masterstudium in Fotografie in Frage, auch wenn er dem Ganzen mit einer gewissen Skepsis gegenüberstehe. „Ich habe Angst, meine Komfortzone zu verlassen“, und weist darauf hin, dass er einen festen Stil hat. Vorerst hält er sich alle Optionen offen.
Wir führen ein abschließendes Gespräch darüber, was er jungen Menschen empfehlen würde, die sich ernsthaft mit Fotografie beschäftigen wollen. Er betont, dass es unerlässlich sei, sich eine veraltete Vollformatkamera zuzulegen. „Man lernt im manuellen Modus und passt alles an, was nötig ist, wobei man lernt, welche Parameter man einstellen muss. Es geht ausschließlich um die Technik, nicht um die Kamera.“
Der Hochgeschwindigkeitszug nähert sich meiner Haltestelle in Saitama. Die untergehende Sonne taucht die Felder und die hoch aufragende Skyline in ihr Licht. Als ich mich von Masa verabschiede, weise ich ihn auf den Sonnenuntergang hin. Er holt seine Kamera heraus, und als ich aus der Tür trete, höre ich ein Klicken und sehe, wie Masa noch ein letztes Foto von mir macht. Noch am selben Abend schickt er mir sein letztes Foto des Tages.
Sonnenuntergang vom Shinkansen aus gesehen. BILD: Masanari Tsukamoto
NACH EINIGEN MONATEN DOCH EINE PLANÄNDERUNG
Masa hat seine Pläne nun doch geändert und ein Masterstudium kommt für ihn nicht mehr in Frage. Masanari Tsukamoto genießt nun seine Karriere als Fotograf bei Nikkei, einer der größten Zeitungen Japans. Das Gesamtwerk von Masanari Tsukamoto kann man auf seinem Instagram-Profil oder auf seiner Website ansehen.