Kommentar

Wo bleibt die Pille für den Mann?

/ / Bild: poom jung/ Shutterstock

Wenn man als junges, heterosexuelles Mädchen in die erste feste Beziehung gestartet ist, steht in einer der nächsten Wochen erstmal der Frauenarzt-Termin auf dem Plan. Verhütung ist angesagt und da hat man sich als Frau eben drum zu kümmern. Zumindest sobald Geschlechtskrankheiten ausgeschlossen und Kondome für die Verhütung zu unsicher sind. Wie wenig weit die Forschung beim männlichen Pendant ist, zeigt die Ungleichheit beim Thema Verhütung.
Ein Kommentar von Lisa Bögl.

Ist Verhütung Frauensache?

Als zu Beginn der 60er Jahre die Pille auf dem deutschen Markt erhältlich wurde, begann für viele Frauen eine neue Stufe der Emanzipation. Plötzlich konnten sie frei entscheiden, wann und ob sie Kinder bekommen wollten und hatten dadurch die Chance auf ein Sexleben ohne Verpflichtungen, wie es vorher nur der Mann kannte. Diese Entwicklung war ein wichtiger Meilenstein für die Frauenbewegung und obwohl die Pille anfangs nicht nur von der Kirche, sondern auch von der Gesellschaft verteufelt wurde, hinterließ die Anti-Baby-Pille in der Fertilitätsrate Deutschlands den bekannten „Pillenknick“.

Heute, rund 60 Jahre später, nehmen immer noch zwischen 50 und 70 Prozent der Mädchen zwischen 16 und 20 Jahren die Pille ein. Sie gilt als das einfachste und sicherste Verhütungsmittel und wird dabei mittlerweile sogar bis zum 22. Lebensjahr von der Krankenkasse übernommen. Auch mir wurde bei meinem ersten Frauenarzt-Besuch sofort ohne Weiteres die Pille verschrieben und ich war froh darüber. Für mich und meine Freundinnen war das schlichtweg normal. Über Alternativen wird oftmals von den Frauenärzten gar nicht aufgeklärt, solange man nicht aktiv nachfragt oder sich selbst im Internet darüber informiert.

Dabei ist heute bekannt, dass die Pille mehr als nur ein paar Nebenwirkungen hat. Für jemanden wie mich, der sich in einer langjährigen Beziehung befindet, aber noch nicht einmal mit dem Studium fertig ist, ist Verhütung ein zentrales Thema. Ja, die Pille schenkt der Frau eine große Sicherheit. Die Ärzte klären größtenteils über die Nebenwirkungen auf und natürlich zwingt einen im besten Fall niemand dazu, die Pille zu nehmen. Trotzdem wird es gesellschaftlich erwartet, allein aus Routine. Auch, weil die Alternativen zu wenig ausgereift sind. Diese Ungleichheit in Forschung, Finanzierung und Anwendung im Bereich Verhütungsmittel muss sich nach 60 Jahren endlich ändern – im Sinne der Gleichberechtigung und Selbstbestimmtheit beider Geschlechter.

Pille absetzen – ein neuer Trend?

Sucht man nach „Pille“ auf YouTube, wird man hauptsächlich Videos finden wie: „Pille abgesetzt – wie geht’s mir nach einem Jahr?“, „Wie schlimm ist die Pille wirklich?“ und zahlreiche Dokus über die Gefahren der Pille. Aber wie kommt es, dass trotzdem noch so viele junge Mädchen anfangen, die Pille zu nehmen? Dahinter stehen gesellschaftliche Erwartungen und der Schein der Alternativlosigkeit der Pille. Welches Mädchen, das gerade erst anfängt, sich Gedanken über das eigene Sexualleben zu machen, will sich schon etwas in die Gebärmutter einsetzen lassen?

Zusätzlich wird die beliebteste hormonfreie Alternative – das Kondom – von allen Seiten als viel zu unsicher erklärt, und sobald man in einer festen Beziehung ist, nehmen doch alle die Pille. Sowohl die Mädchen und Frauen selbst als auch ihre festen Freunde fühlen sich gut, denn man zeigt nach außen: Wir können ein wildes und sorgloses Sexleben haben, ohne nervige Kondome und ohne die Gefahr einer Schwangerschaft. Als netter Nebeneffekt zaubert die Pille noch strahlende Haut, dichtes Haar und eine üppigere Oberweite. Aber zu welchem Preis? Und ist die Forschung wirklich nicht in der Lage, das gleiche Konzept auf den Mann zu übertragen? Oder wird es einfach nicht gewollt und ermöglicht?

Und was ist mit der Pille für den Mann?

In der kürzlich erschienenen Arte Dokumentation 60 Jahre Pille – Wo bleibt die Pille für den Mann? wird die Ungerechtigkeit deutlich, die in der Forschung an der Pille für den Mann zutage tritt.

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Die Dokumentation, die zeigt, was hinter den Kulissen der Forschung passiert.

Anfang der 2000er Jahre gab es eine riesige Studie an der Pille für den Mann, die schon längst existiert, nur nicht auf dem Markt erhältlich. Beteiligt an dieser Studie waren mit der WHO und großen Pharmakonzernen große Geldgeber. Doch 2012 wurde die Studie abgebrochen, das Geld nicht mehr in die Forschung an der Pille für den Mann gesteckt. Grund dafür waren zu starke Nebenwirkungen wie Stimmungsschwankungen, Gewichtszunahme, Verlust der Libido und so weiter. Das kommt vielen Frauen bekannt vor. Es handelt sich hierbei nämlich um genau die gleichen Nebenwirkungen, mit denen Frauen seit 60 Jahren zu kämpfen haben. Das bedeutet nicht automatisch, dass Männer damit jetzt dran wären – als alleinige Argumentation. Aber die Frage, warum auf Grundlage einer solchen Studie nicht zur Optimierung weitergeforscht wird, drängt sich geradezu auf.

Nach wie vor gibt es heute noch Universitäten, die an der Pille für den Mann forschen. Allerdings fehlen die finanziellen Mittel, die es den Forschern und Forscherinnen möglich machen würden, ihre groß angelegten Studien durchzuführen. Die Pille für den Mann wird nicht innerhalb der nächsten zehn Jahre auf den Markt kommen können, lassen die Beteiligten wissen. Das heißt es aber mittlerweile seit 40 Jahren.

Auch andere Methoden wie ein Verhütungsgel, das große Erfolge erzielt hat und bedeutend weniger Nebenwirkungen hat als die heute für jedes junge Mädchen kostenlos zu erhaltende Pille, wird finanziell nicht unterstützt. Sollte es nicht der Anspruch sein, ein Verhütungsmittel auf den Markt zu bringen, mit dem sich der Mann selbst vor einem ungewollten Kind schützen kann, das weniger Nebenwirkungen hat als die Pille?

Ich bin mal Zigaretten holen…

Die Angst vieler Männer, dass die Freundin ihre Pille vergessen hat, ist oftmals verständlicherweise groß. Die Verhütung liegt bei der Pille in den Händen der Frau und wird dabei unkontrollierbar für den Mann, dessen Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft genauso groß ist wie die der Frau. Wäre es da nicht ein Traum, einfach selbst die Pille nehmen zu können und die Verhütung selbst in der Hand zu haben?

Dieser Gedankengang funktioniert wohl nur in der Theorie, denn viele Männer sind der Pillen-Einnahme leider gänzlich abgeneigt. Häufig ist dann dann doch das Kondom das Mittel der Wahl. Hinter dieser eingeschliffenen Routine steckt ein gesellschaftliches Phänomen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass etwas, das so lange in der Verantwortung von Frauen lag, anscheinend nicht einfach plötzlich vom Mann übernommen werden kann.

Außerdem ist die Skepsis gegenüber Verhütungsmitteln, die erst frisch auf den Markt gekommen sind und möglicherweise schlimme Nebenwirkungen haben, groß. Die Pille für die Frau hat Nebenwirkungen, die wir in Kauf nehmen. Dieses Bewusstsein sollte sich ändern, damit die großen Konzerne wieder anfangen, in die Pille für den Mann zu investieren, und eine Pille auf den Markt gebracht werden kann, die weniger Nebenwirkungen hat als die aktuelle – für eine sorglose und selbstbestimmte Möglichkeit zum Verhüten für beide Geschlechter.

Einen genaueren Einblick in den Forschungsstand der Verhütungsmittel für den Mann, auch außerhalb der Pille, und was sich manche Männer ausgedacht haben, um selbst dauerhaft und ohne Kondome verhüten zu können, zeigt die oben verlinkte ARTE Doku 60 Jahre Pille – Wo bleibt die Pille für den Mann?.