Ian Gillan im interview

Wenn Legenden Legenden erzählen

/ / Bild: Deep Purple (l.: Gillan, r.: Ritchie Blackmore) | Warner Music

Deep Purple Frontmann Ian Gillan ist einer der prägendsten Musiker unserer Zeit. Die Anzahl an Bands, die sich auf das musikalische Hardrock Erbe von Deep Purple berufen ist nur schwer zu erfassen. Seine umstrittene Hass-Liebe mit Ex-Bandkollege, Gitarrengott und Enfant Terrible Ritchie Blackmore ist bis heute der Stoff unzähliger Mythen und wildester Geschichten und in den 80er Jahren übernahm er sogar für ein Album bei den Giganten von Black Sabbath den, sagen wir mal, undankbaren Posten am Mikrofon. Spricht man von Ian Gillan, fällt es einem wirklich nicht schwer, mit Superlativen um sich zu werfen. Zur Zeit befindet er sich mit Deep Purple im Rahmen ihrer „Long Goodbye“-Tournee in Mexiko, ehe die wohlverdiente Weihnachtspause angetreten wird und Ian Gillan nächstes Jahr mit der gefeierten Rock Meets Classic-Tour zum zehnjährigen Jubiläum wieder nach Deutschland kommt. Der M94.5 Magic Moshroom hatte die Gelegenheit, in Guadalajara zwischen Sandwich und Tee ein Telefonat mit dem Ausnahmesänger zu führen.

Hallo Ian, mit deiner allerersten Band The Javelins hast du vor kurzem ein Album veröffentlicht, in dem ihr alte Rock’n’Roll Klassiker von Chuck Berry, Jerry Lee Lewis und vielen anderen Helden zum Besten gebt. Auf eurem aktuellen Deep Purple Album „inFinite“ habt ihr auch den Roadhouse Blues von den Doors interpretiert. Könntest du dir vorstellen mal mit Deep Purple ein Album mit Covern aufzunehmen?

Eigentlich überhaupt nicht! Wir wussten ja nicht mal, dass es der Roadhouse Blues aufs Album schafft! Wir haben eigentlich nur ein bisschen im Studio gejammed und die Aufnahmegeräte liefen nebenher. Dann hat auf einmal einer das Riff gespielt, ich hatte gerade die Mundharmonika zur Hand und dann haben wir einfach Musik gemacht! Genau so ist der Song dann auf der Platte gelandet. Ich hatte also wirklich überhaupt keine Ahnung, was daraus wird. Aber um auf deine Frage zurückzukommen, ich kann es mir wirklich nicht vorstellen! Klar, wir jammen ab und zu eine Runde auf der Bühne und dann wird der eine oder andere Song gespielt, aber das passiert einfach so! Wir würden sowas nicht von langer Hand planen, das passt einfach nicht zu uns!

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Die Entstehungsgeschichte von Deep Purples „Roadhouse Blues“

„Musik wächst nicht einfach auf den Bäumen!“

Als du bei Deep Purple angefangen hast, wart ihr dafür bekannt, die härteste und lauteste Band im ganzen Musikbusiness zu sein und habt die Grenzen nahezu im Alleingang ausgelotet. Heutzutage gibt es aber Genres wie Black Metal und Deathcore. Glaubst du, dass es musikalisch überhaupt noch irgendwelche Grenzen gibt?

Das ist doch etwas Wunderbares! Ich vergleiche das gerne mit Homöopathie. Die Musik wird ja auch immer zerfranster, teilt sich weiter auf, bis nichts weiter übrig bleibt, als der pure Glaube daran. Besonderen Einfluss auf unsere Musik hatten Beethoven und Chaupin, aber auch Buddy Rich, Folk Musik, Chuck Berry und Elvis Presley. Besonders aber auch die orchestralen Kompositionen von Jon Lord. Das alles waren Komponenten, die uns als Band beeinflusst haben und Auswirkungen auf unsere zwischenmenschliche Chemie untereinander hatten. Das war alles was wir hatten. Im Laufe der Jahre habe ich dann immer wieder gehört und gelesen, dass Bands von Deep Purple, Black Sabbath und Led Zeppelin beeinflusst wurden. Also weisen ihre Einflüsse vermutlich auch wieder Spuren von Buddy Rich und Chaupin auf, also auch wenn man Death Metal hört.
Wir sind gerade mit einer Band namens In Flames auf Tour. (lacht) Ich bin nach dem ersten gemeinsamen Gig abends in ihren Umkleideraum gekommen und meinte nur zu ihnen: „Ich weiß zur Hölle nicht, was das gerade eben war, aber ich liebe es!“

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Deep Purples Opus Magnum 1969: Child in Time

„Jede Generation braucht ihre eigene Musik!“

Und was haben sie darauf geantwortet?

Ach, sie sind sehr nette Jungs und mir gefällt wirklich was sie machen, obwohl es ganz wo anders herkommt. Jede Generation braucht ihre eigene Musik, ihren eigenen Haarschnitt, ihre eigenen Tattoos, ihren eigenen Kleidungsstil und natürlich müssen sie alles ablehnen, was vor ihnen da war. Und deine Frage, ob es noch weitergehen kann? Nun ja, aus einer Songwriting Perspektive gehe ich bestimmt davon aus, da ja immer wieder neue Sachen passieren, die einen dann auch inspirieren. Und das meine ich jetzt alleine nur aus einer lyrischen Sichtweise. Was die Musik angeht, finde ich es aber tatsächlich etwas schwieriger. Heutzutage wird man als Hörer entweder von extremen Genres, wie du sie eben beschrieben hast, oder von computergenerierter Musik dominiert. Es ist nun mal sehr schwer, das alles vorherzusagen. Aber Musik wächst nicht einfach auf den Bäumen, sondern hat immer einen Ursprung und der ist auf der Straße. In irgendeiner Stadt, irgendwo in einem Stadtteil erfindet gerade jemand eine neue Musikrichtung, die das neue Ding wird und in allen Clubs gespielt werden wird. Das ist ja alles schon passiert, nämlich in Liverpool, London oder Seattle. Und auf einmal tut sich eine komplett neue Musiksparte auf, die, wie ich glaube, die „sogenannte“ Musikindustrie nicht vorhersehen kann. Das passiert einfach ganz natürlich bei den jungen Leuten und es gibt so viele Talente da draußen! Wir können uns also noch auf eine Menge Überraschungen einstellen.

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Pure Aggression trifft auf musikalische Brillanz im fernen Osten

Wenn aus Musikern Profis werden

Das klingt ja so, als wärst du der musikalischen Zukunft 
gegenüber deutlich positiver  eingestellt als so manch anderer!

Ja, ich bin tatsächlich optimistisch! Aber es wird halt anders sein, als wir es bisher gekannt haben. Irgendwann werden die 1960er Jahre einmal vergessen sein. Die wohl produktivste und atemberaubendste musikalische Schaffensphase überhaupt, zumindest aus meiner persönlichen Sicht. Ich bin ein großer Fan von den Beach Boys, aber auch Dusty Springfield, Motown Records und so weiter. Das war die Zeit in der ich aufgewachsen bin. Vielleicht wird die Musik ja wiederentdeckt und es gibt eine neue goldene Musikära, aber momentan leben wir in einer ganz anderen Zeit. Das Musikbusiness hat sich radikal geändert. Alles ist online vernetzt und man kann mittlerweile sogar zusammen Musik machen ohne sich überhaupt schon einmal persönlich getroffen zu haben. Wir haben früher bis zu fünf Shows an einem Abend gespielt, oder manchmal sogar acht Shows an einem Samstag oder Sonntag. Erst dadurch wurden aus Musikern Profis, die ihr Bühnenhandwerk gemeistert haben. Aber das gibt es heutzutage nicht mehr. Ich kann mich noch gut dran erinnern, als ich mal einen Artikel über Oasis gelesen habe, als sie von der U2-Tour in Amerika zurückgekehrt sind, zwölf gemeinsame Konzerte gespielt haben, am Ende kein Wort mehr herausbrachten und ins Krankenhaus mussten, weil sie so erschöpft waren. Diese armen Jungs… (lacht)

Das Kunststück das Unmögliche leicht aussehen zu lassen

Du hast ja im Laufe deiner Karriere mit unglaublich talentierten und außergewöhnlichen Musikern zusammengearbeitet. Was muss ein Künstler mitbringen, damit du vollkommen hin und weg von ihm bist?

Um ehrlich zu sein, geht es mir nicht besonders um die Technik. Ich habe mit fantastischen Musikern zusammengearbeitet, aber manchmal geht’s einfach um die Persönlichkeit. Du kannst fünf gleich talentierte Leute nebeneinander aufstellen, die über das gleiche Training und dieselben Fähigkeiten verfügen, aber eine Frau oder ein Mann wird aus der Masse mit dem gewissen Etwas herausstechen. Schau dir einfach mal Mick Jagger oder Bob Dylan an. Niemand würde sie als technisch besonders herausragende Sänger bezeichnen, aber -oh mein Gott – die reißen dich mit und du musst einfach hinsehen. Meiner Meinung nach ist es am wichtigsten eine eigene Persönlichkeit zu haben und eine Live-Performance hinlegen zu können, die die Vorstellungskraft des Publikums befeuert. Aber das hat nicht nur was mit Persönlichkeit zu tun, sondern ist auch eine Fähigkeit, die man erlernen kann, obwohl das wirklich lange dauern kann. Ich weiß noch, wie alles bei mir angefangen hat. Ich hatte wirklich überhaupt keine Ahnung was ich zu tun hatte und dachte mir nur: „Okay, geh auf die Bühne und sing!“ obwohl da ja schon ein bisschen mehr dazu gehört. (lacht) Es hat dann schon ein paar Jahre gedauert, bis ich mich selber unter Kontrolle hatte. Aber wie gesagt, ich habe nicht nur bei Deep Purple mit begnadeten Musikern wie Ian Paice (Schlagzeug), Jon Lord (Orgel) und Ritchie Blackmore zusammengespielt, sondern auch mit Steve Morse (Gitarre) und Don Airey (Orgel), die genau so fantastisch sind. Aber ich hatte auch das Glück mit Luciano Pavarotti zusammen zu singen und mit Joe Satriani oder Steve Lukather (Toto) zu spielen, mit dem ich auf der letzten Rock Meets Classic Tour unterwegs war. Ganz besonders auch Rick Parfitt (Status Quo) – was war er nur für ein fantastischer Mensch! Wir hatten vor unseren Auftritten Backstage jede Nacht lange Gespräche und so viel gelacht. Auch über dumme Sachen oder Familie und Fußball. Jetzt nichts, worüber andere Leute nicht auch reden würden. Ich habe nur gute Erinnerungen. Und wie gesagt, es geht nicht um die Technik, sondern die gewisse Energie, die manche Musiker mitbringen. Sie vollbringen das Kunststück, das Unmögliche leicht aussehen zu lassen.

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Ausnahmemusiker Joe Bonamassa zollt Deep Purple seinen Tribut – Lazy

„Niemand bringt dir bei mit dem Erfolg umzugehen“

Deep Purple ist ja eine Band, die für ihre vielen Line-Up Wechsel bekannt ist, es aber immer wieder geschafft hat, musikalische Meilensteine zu legen. Wenn du auf deine Karriere zurückblickst, bereust du es manchmal, dass du die Band zwei Mal verlassen hast?

Ich habe mich gestern zufälligerweise mit Roger (Glover, Bassist) darüber unterhalten. Wir haben damals einen Song namens „Sometimes I feel like screaming“ miteinander geschrieben. Darin geht eine Zeile so: „Heaven wouldn’t be so high I know if the times gone by hadn’t been so low.“ Wenn man jetzt durchgehend glücklich oder zufrieden wäre, dann würde es ja keine Höhen und Tiefen geben. Im Leben braucht man einfach das Auf und Ab, um die guten Zeiten zu genießen. Genauso braucht man die schweren Zeiten, um auch diese zu meistern und gestärkt daraus hervorzugehen. Mittlerweile kann ich das aus der Perspektive meines gereiften Ichs sehen, aber mir fällt das auch immer wieder bei jungen Künstlern auf, aber genauso gut bei Sportlern, Schauspielern und so weiter. Du kannst dir den Skill, die Performance, das Handwerk und die Technik drauf schaffen, aber das einzige, wirklich das einzige, das dir niemand beibringen kann ist, wie du mit Erfolg umzugehen hast. Das ist genau der Augenblick, in dem sich dein gesamtes Leben von einer Sekunde auf die andere drastisch ändert. Auf einmal bist du nur noch von Leuten umgeben, die ihren Anteil von deinem Erfolg abhaben wollen. Es gibt so viele Sportler, die gar nicht wissen wohin mit ihrem Geld und jeder in ihrem Umfeld sagt die ganze Zeit zu allem nur Ja und Amen. Das wirkt sich wirklich ungeheuerlich auf den Menschen aus. Wenn du aber diese erste Erfolgswelle heil überstanden hast, dann kann das Leben durchaus angenehm werden. Aber da muss man nun mal durch und mir gefällt der Ansatz, dass die schlechten Zeiten der Produktivität eher zuträglich sind. Meine Mutter hat mir beigebracht ein Optimist zu sein und auf Regen folgt nun mal Sonnenschein.

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Deep Purple beherrschen auch die ruhigen Töne perfekt

Die Band als Family Business

Als ich Deep Purple nun das erste Mal verlassen habe, lag es an den äußeren Umständen. Dabei traf die Band nicht einmal die Schuld, sondern ich bin mit dem Erfolg einfach nicht klar gekommen. An der musikalischen Ausrichtung hat es nie gelegen. Es lag einfach alles in Trümmern und ich musste klar Schiff machen. Das zweite Mal hingegen, als Ritchie (Blackmore, Gitarrist) die anderen vor die Wahl gestellt hat: ich oder er, da wurde ich rausgeschmissen. Und genau ein Jahr später hat sich die Plattenfirma eingeschaltet und ihnen das Ultimatum gestellt die Band fallen zu lassen, wenn sie mich nicht wieder zurückholen. Es sind also immer wieder externe Einflüsse. Aber man muss es einfach wie eine Familie sehen. Im Laufe der Generation sterben Angehörige, es gibt Scheidungen, aber es kommen auch wieder Kinder auf die Welt und Zeiten ändern sich. Man muss praktisch immer wieder das Haus in dem alle leben neu streichen und den Garten wieder auf Vordermann bringen. Es bleibt einfach dein Zuhause. Und genauso ist es mit Deep Purple, hier ist der Arbeitsethos am entscheidendsten. Die Art und Weise, wie wir an unsere Musik herangehen unterscheidet sich in keiner Weise von 1969, als Deep Purple gegründet wurde. Wir schreiben keine Songs, sondern gehen für eine Woche in den Proberaum, treffen uns wie im Büro vormittags, trinken die eine oder andere Tasse Tee, machen einfach Musik und gehen um 18:00 Uhr wieder nach Hause. Wenn jetzt etwas Besonderes dabei rumkommt, drücken wir einfach den Aufnahmeknopf und halten es auf Band fest und wenn uns drei Tage später das Riff oder die Akkordfolge immer noch gefallen, dann wird es ein Song.

Deep Purple 2018 (v.l.n.r.): Roger Glover, Ian Gillan, Don Airey, Steve Morse, Ian Paice | Quelle: earMusic

Deep Purple sind on fire!

In acht Tagen spielst du mit Deep Purple in Mexiko das letzte Konzert eurer zweijährigen Long Goodbye“ Tour. In einem Interview hast du einmal gesagt, dass ihr es davon abhängig macht wie die Tour läuft, ob ihr nun das Kapitel Deep Purple beendet oder nicht. Wie ist denn jetzt euer aktueller Stand?

Wir sind „on fire“! Die Überlegungen mit dem Abschied waren darin begründet, dass Ian Paice vor zwei Jahren einen Schlaganfall hatte und es ihm gar nicht mal so gut ging. Außerdem sind wir ja nun auch nicht mehr die Jüngsten und haben uns einfach mit dem unvermeintlichen Ende, das uns wohl irgendwann ereilen wird, auseinandergesetzt. Aber wir wussten noch nicht, wie weit es noch entfernt ist, deshalb nannten wir die Tour „The Long Goodbye.“ Jetzt ist aber wieder jeder fit und die Band steht im Saft. Ich kann gar nicht mit dem Grinsen aufhören wenn ich daran denke. Aber jetzt machen wir erstmal ein gemütliches Päuschen über Weihnachten und dann schauen wir mal, ob wir nicht sogar ein neues Album in Angriff nehmen. Unser Produzent Bob Ezrin hat nur gemeint, dass wir verrückt wären, wenn wir nicht noch ein Album aufnehmen würden. Momentan ist zwar nichts groß geplant, aber ich bin wirklich zuversichtlich und drücke die Daumen.

Vielen Dank für das wunderbare Gespräch Ian!