Mensch und Medien

Türkische Migranten in deutschen Medien

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Wenn aus Datensätzen Geschichten werden: Studierende im Master Journalismus haben kommunikationswissenschaftliche Forschung der LMU datenjournalistisch aufbereitet.

“Der Diktator”. “Erster Sultan der modernen Türkei”. “Wagenknecht: Erdoğan ist ein Terrorist”. Schon die Schlagzeilen zeigen unmissverständlich, welches Bild manche deutschen Medien vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan vermitteln. Doch längst nicht alle Leser teilen diese Ansicht: In Deutschland lebende türkische Migranten sehen ihr Land und ihre ethnische Minderheit häufig als zu negativ dargestellt und beschweren sich über “Türkei-Bashing”.

Wie kommt es dazu? Die amerikanischen Soziologen Kurt und Gladys Engel Lang entdeckten schon in den 50er-Jahren, dass Menschen, die zum Gegenstand der Berichterstattung werden, anders als Unbeteiligte darauf reagieren. Sogenannte reziproke Effekte werden wirksam: Protagonisten konsumieren Berichte über sich selbst vermehrt und haben dabei andere Emotionen als Außenstehende.

Die Kommunikationswissenschaft geht mittlerweile davon aus, dass sich solche Effekte auch bei Gruppen feststellen lassen. Das könnte erklären, warum türkische Migranten stärker auf die Erdoğan-Artikel deutscher Medien reagieren, als Unbeteiligte es tun würden.

Vor zwei Jahren haben sich die Münchner Kommunikationsforscher Narin Karadas, Katharina Neumann und Carsten Reinemann der Frage angenommen, wie diese Wirkungen konkret aussehen: In ihrer Studie „Reziproke Effekte auf türkische Migranten“ prüfen sie den Zusammenhang zwischen sozialer Identität, Mediennutzung, Medienwahrnehmung und Medienwirkungen bei türkischen Migranten.

Es gelang den Wissenschaftlern, über 240 Versuchspersonen für die Befragung zu gewinnen. Obwohl die Stichprobe in manchen Punkten nicht ganz der Gesamtheit der türkischen Migranten in Deutschland entspricht, ist die Mediennutzung doch relativ heterogen: Viele der Befragten nutzen sowohl deutsche als auch türkische Medien, ausschlaggebend dabei sind die jeweiligen Sprachkenntnisse. Was die einzelnen Medien angeht, fällt das Ergebnis recht erwartbar aus: Internet und Fernsehen sind sehr beliebt, gefolgt von Radio und, etwas abgeschlagener, Zeitungen. Interessant ist, dass deutsche Medien deutlich häufiger genutzt werden als türkische.

 

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Als nächstes wollten die Forscher wissen, ob es einen Zusammenhang zwischen der persönlichen Identifikation mit der eigenen Gruppe und der Betroffenheit bei Artikeln darüber gibt. Die Vermutung: Wer sich stark mit der Türkei identifiziert, wird auch stärker auf Berichte reagieren, in denen das Heimatland eine Rolle spielt. Und tatsächlich: Die meisten Befragten bestätigten dieses Bild.

 

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Doch dabei bleibt es nicht. Die Forscher konnten auch nachweißen, dass stark betroffene Personen deutlich mehr Artikel über die eigene Minderheit lesen. Das wiederum hat zur Folge, dass sie immer stärker das Gefühl haben, ungerechtfertigt negativ dargestellt zu werden. Und sie nehmen an, dass auch die deutsche Bevölkerung ein ähnlich schlechtes Bild von ihrer Gruppe habe.

 

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Türkei-Bashing, Erdoğan-Beleidigungen, unfaire Berichterstattung. Wenn man die Studie von Karadas, Neumann und Reinemann kennt, fällt es leichter zu verstehen, warum viele türkische Migranten unzufrieden sind mit der Darstellung ihres Heimatlands in deutschen Medien.