Interview

Regenbogen trifft EU

/ / Foto: Roman Rotzinger

LGBTI-Menschen werden in vielen EU-Mitgliedsstaaten Osteuropas noch immer „angepöbelt“ oder „angespuckt“, kritisiert Roman Rotzinger von Pulse of Europe im Interview. Mit einer europaweiten Kampagne will der Berliner PoE-Ableger das ändern und Fahne zeigen. Darauf zu sehen: EU und Regenbogen zu einer Einheit verschmolzen.

M94.5: Roman, was habt ihr euch beim Design der Flagge gedacht?

Roman Rotzinger: Da geht es um die offene Gesellschaft. Die ist für Europa unglaublich wichtig, weil es ja auf einer offenen Gesellschaft aufgebaut ist und wir sehen immer mehr, dass gerade in Ost- und Südeuropa die offene Gesellschaft immer mehr in Frage gestellt wird. Wenn man sich Kaczyński oder Orban ansieht, werden ganz oft LGBTI-Gruppen als Sündenbock benutzt, als Feindbild aufgebaut und damit gegen Brüssel gewettert.
Wir (von Pulse of Europe, Anm. d. Red.) sind der Meinung, das ist für ganz Europa ein Problem. Und weil eben diese beide Themen – die offene Gesellschaft und Europa für uns im Fokus stehen – haben wir uns zusammen mit nem tollen Künstler, David Hoffmann, überlegt, wie wir das symbolisch darstellen können und haben diese Flagge entworfen, in der sich die Europa- UND die Regenbogenflagge als Zeichen von Vielfalt wiederfinden.

M94.5: Stichwort „offene demokratische Gesellschaft in Europa“: Welche negativen Erfahrungen hast du denn in der Hinsicht schon machen müssen?

R.R.: Ich selber habe ja das große Glück, dass ich im Jahr 2019 im weltoffenen Berlin lebe.
Aber wenn man zum Beispiel nach Polen guckt, dann sieht das Ganze schon ganz anders aus. Ich habe in meinem persönlichen Freundes- und Bekanntenkreis Leute, die zum Beispiel von der Familie gezwungen wurden, Konversionstherapien zu machen, also das heißt, eine Therapie zu machen, um nicht mehr schwul zu sein. Das ist total verrückt.
Als wir in Vorbereitung unserer Kampagne, die wir nächstes Jahr machen wollen, in Polen bei kleineren Prides waren, haben wir auch einige Sachen erlebt: Zum Beispiel in Posen, wo wir von Passanten bepöbelt wurden, Stinkefinger, angehupt, das waren so die milden Sachen. Und auch eine kleine Familie mit Mann, Frau, und zwei Kindern, die neben uns auf dem Bürgersteig ging und auch eine Pride-Flagge hatte, wurde von Passanten bespuckt.

M94.5: Was sind eure nächsten Schritte?

R.R.: Im Moment läuft noch auf Kickstarter unser Crowdfunding. Das heißt, man kann gegen eine kleine Spende dort unsere Regenbogen-Flagge erwerben. Mit dem Geld wollen wir dann 2020 eine Kampagne machen, in der wir eben nach Osteuropa, insbesondere nach Polen, fahren. Dort wollen wir an Paraden teilnehmen, um die LGBTI-Community dort vor Ort zu unterstützen. Denn wir glauben, dass die Unterstützung dieser Community essentiell ist für die offene Gesellschaft in Osteuropa und damit auch für ganz Europa. Je nachdem, wie viel wir einnehmen, desto mehr Prides können wir umsetzen, wo wir dann auch kleine Infostände haben und auch bei den Paraden mitlaufen werden.
Abgesehen davon wollen wir natürlich auch hier Deutschland und den anderen Pulse-of-Europe-Standorten in Europa an Paraden teilnehmen, um dort die Bevölkerung zu sensibilisieren, was eben die Situation für LGBTI, aber auch die Menschenrechtslage ist in Osteuropa ist.

M94.5: Macht die EU deiner Meinung nach genug für LGBTI-Rechte?

R.R.: Die Europäische Union an sich ist ja erstmal eine Institution, d.h. wirklich etwas machen müssen die Politiker. Was man aber sagen kann, ist, dass die EU schon unglaublich viel für LGBTI-Rechte und Menschenrechte an sich geleistet hat. Zum Beispiel ist sie die erste internationale Organisation überhaupt, die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität rechtlich (s. Richtlinie 2000/78/EG, Anm. d. Red.) als Gründe für Diskriminierung anerkannt hat. Das ist unglaublich wichtig, gerade wenn man sich überlegt, dass die UNO das bis heute nicht geschafft hat. Außerdem hat die EU Gleichstellungsgesetze in den Mitgliedsstaaten angestoßen: Was ja viele nicht wissen, ist, dass die meisten Antidiskriminierungsgesetze in Europa auf EU-Richtlinien zurückgehen.
Und ganz wichtig, wie ich finde: Dass der Europäische Gerichtshof den Schutz garantiert und zwar für alle EU-Bürger in allen Mitgliedsstaaten. Insofern hat die EU unglaublich viel geleistet, aber es gibt noch viel zu tun: Da kann man zum Beispiel an die Anerkennung von Homosexualität als Asylgrund denken, eben auch wenn man nach Osteuropa oder Russland sieht, wo die Situation sehr schwierig ist.

Das Berliner Pulse of Europe Team um Roman Rotzinger (vorne rechts).

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