M94.5 Kulturkritik

#Naturelovers

/ / Quelle: M94.5/Veronika Silberg

Was die neue Ausstellung „Natur als Kunst“ im Lenbachhaus mit hippen Natur-liebenden Instagrammern gemeinsam hat

#trifftsichgut

2019: Wir haben plötzlich kapiert, dass unsere Natur etwas Schönes ist, das wir tatsächlich schützen sollten. Gleichzeitig erfreut sich in der Kunst gerade ein breites Publikum an alten Meistern, an realistischer und romantischer Malerei statt an der Postmoderne. Zu viel ist in der Kunstbranche in den letzten Jahren schief gelaufen.

Das passt doch eigentlich ganz hübsch zusammen, wie wärs mit einer Ausstellung zu romantischer Landschaftsmalerei! — So oder so ähnlich könnte sich das Team des Lenbachhauses ihr Werbekonzept für die neue Ausstellung  „Natur als Kunst“ gedacht haben. Wie praktisch, dass viele der ausgestellten Landschafts-Gemälde sowieso schon im Haus waren.


Die Ausstellung „Natur als Kunst“ ist seit dem 19. März im Lenbachhaus zu sehen
Quelle: Instagram/@lenbachhaus

@caspardavidfriedrich 

Schlendert man durch die lichten Räume der alten Künstler-Villa, weht tatsächlich ein leichter Hipster-Duft durch die Gänge: Nein, Landschaftsmalerei ist an sich schon ein paar Jahrhunderte nicht mehr hip. Aber lässt man den Blick #achtsam über die pastellfarbenen Wände streifen, liegt der Vergleich zu einem hippen Natur-Instagram-Foto plötzlich gar nicht mehr so fern:  Zwar sind die Maler ohne Frage die größeren Künstler. Ähnlichkeiten zwischen Johan Christian Dahl, Karl Blechen, Jean-Baptiste Camille Corot und unseren geliebten Influencern, die unter dem Hashtag #naturlovers ihre innige Naturliebe in die Welt tragen, gibt es aber trotzdem.

Quelle: Instagram/@arts_from_nature

Gingham, Ludwig oder Nashville? 

Wie die epischen Wald-und-Wiesen-Fotos der Smartphone Kamera, sind auch Gemälde der eben genannten Künstler eher kleinformatig. Meist wurden sie unterwegs gemalt und bearbeitet. Gleichzeitig sind sie keineswegs eine genaue, realistische Darstellung sondern eher eine idealisierte Ansicht der Landschaft. Wie durch einen schicken Filter gepostet eben und dann auch noch hübsch gerahmt. So scheint auch das mehr oder weniger gelungene Zusammenspiel mit den schwarz-weiß Fotografien im hinteren Teil der Natur-Ausstellung doch wieder stimmig: Auch auf Instagram wird schnell gewechselt zwischen poetischen schwarz-weiß Bildern und dem  moosgrünen Wald, dessen Farb-Sättigung bedenklich in die Höhe gezogen wurde.

Die romantische Landschaftsmalerei hat bisweilen etwas pathetisch-kitschiges. Malerei als Werkzeug zur Darstellung des Gesehenen: Sie rahmt einen erklärt-verträumten Blick auf die Natur. Ein Glück, dass sich die Kuratoren der Ausstellung nicht auch noch pathetischen Lebensmotto-Sprüche unter die Bilder gekleistert haben. 

#Scheinheiligkeit

Dennoch: was die Naturdarstellung des 19. Jahrhunderts mit den #naturelovers unserer Zeit nicht unbedingt im Positiven eint, ist ein leiser Anflug von Selbst-Belügen. Unsere Naturliebe unter dem hashtag #naturelover ist genauso scheinheilig wie wenn wir unseren Lernprozess in der Bibliothek fotografieren oder unsere vegane Smoothie Bowl posten und uns einreden, dass wir der perfekte Mensch sind, den wir da präsentieren. Wir belügen an erster Stelle uns Selbst. 


Die orangenen Mohnblüten von Lake Elsinore sind zum Influencer-Magneten geworden
Quelle: Instagram/ @jasminedustin

Gerade wurde in den USA ein Mohnfeld gesperrt weil die Blumenwiese in Lake Elsinore so fotogen war, dass sie von zahlreichen Influencern und Instagram-Virtuosen zertrampelt wurde. Eine innige Naturliebe eben. Ganz so gelitten hat der Wald unter den Füßen von Gustave Courbet sicher nicht. Zumindest kuratorisch gesehen fehlt in der Ausstellung Natur als Kunst aber doch ein wenig die Reflexion über die Beziehung zwischen Natur und Mensch. Wie war diese Beziehung im 19. Jahrhundert?

#naturalbeauty 

Weiter hinten finden sich dann aber doch rebellischere, wildere und formlosere Exemplare, die den interessanteren Kern der Ausstellung bilden. Insgesamt bleibt „Natur als Kunst“, wie die Posts der #naturelovers: hübsch anzusehen und oberflächlich.

Eine umfangreiche Ausstellung, die Lust auf einen Waldspaziergang macht oder zum gemütlichen schlendern einlädt… nur leider nicht zum nachdenken.

Die Ausstellung „Natur als Kunst: Landschaft im 19. Jahrhundert in Malerei und Fotografie“ ist noch bis zum 18. August im Lenbachhaus zu sehen.