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Buchkritik

Melody

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Liebe, Porträts, Geheimnisse. Das alles bietet Martin Suters neuer Roman Melody. Aber wird er den Erwartungen gerecht? 

Das rätselhafte Porträt 

Der alte Nationalrat Dr. Stotz stellt den jungen Tom ein, um seine rechtliche Unterlagen in Ordnung zu bringen. Schon bald bemerkt der junge Mann, dass Stotz’ Haus voller Porträts, Fotos und Stickereien ist, die einer jungen Frau mit unbekannter Identität gehören. 

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Und auch hier fiel Tom sofort ein weiteres Bild der jungen Frau auf. Diesmal war es ein großes fotorealistisches Porträt. Es zeigte die Frau lächelnd, die schwarzen langen Haaren über die linke Schulter fließend, eine große Hibiskusblüte hinter das rechte Ohr gesteckt.  

Martin Suter: Melody

Es handelt sich um Melody, die Verlobte von Dr. Stotz, die vor der Hochzeit verschwunden ist. Tom interessiert sich für das Geheimnis und versucht herauszufinden, was an jenem schicksalhaften Tag geschah. 

Sehr vorhersehbare Charaktere

Was sich als ein Buch voller Geheimnisse präsentiert, lässt am Ende einiges zu wünschen übrig. Ein Grund dafür ist sicherlich die Charakterisierung der Figuren: Sie sind alle sehr oberflächlich. Diese Oberflächlichkeit ist vor allem den Nebenfiguren zuzuschreiben, die man leicht vergisst und sogar mit anderen verwechselt.  

Aber auch die Hauptfiguren haben einen Schwachpunkt: Die Beweggründe für ihre Handlungen sind unklar und werden oft in weniger als einer Zeile Text umrissen. Viele Erklärungen zur Vergangenheit der Figuren, vor allem der Hauptfigur Tom, sind nichtssagend und leicht austauschbar. Sie bereichern die Figur nicht wirklich in einer für die Handlung günstigen Weise.  

Die einzige Figur, die nicht eindimensional ist, ist Dr. Stotz. Sein Charakter ist der Einzige, der Facetten hat und nicht stereotyp ist. 

@Diogenes

Der Tod an sich ist nicht schlimm.” Tom erschrak über diesen unvermittelten Satz. Dr. Stotz musste es ihm angesehen haben, denn er lächelte. […] “Nur das Timing kann schlecht sein. Weißt du, wenn es schlecht ist? […] Wenn das Leben endet, bevor es abgeschlossen ist. […] Ein glückliches Ende gibt es nur, wenn die Story in dem Moment endet, in dem der Protagonist das Ziel erreicht, das er verfolgt hat

Martin Suter: Melody

Elemente seines Charakters und seiner Vergangenheit werden nach und nach enthüllt, anders als bei Tom. Außerdem sind alle seine Eigenschaften für die Handlung entscheidend. Das Lesen wäre viel unterhaltsamer gewesen, wenn die anderen Charaktere genauso detailliert dargestellt worden wären. 

Eine Handlung mit vielen Sackgassen

Auch die Art und Weise, wie der Autor mit der Handlung umgeht, ist nicht gut gelungen. Auch diese ist sehr vorhersehbar. Die Liebesgeschichte zwischen Tom und Stotz’ Großnichte zum Beispiel kommt aus dem Nichts und trägt nichts zur Handlung bei, abgesehen davon, dass sie voller Klischees ist.  

Außerdem hat der Autor große Schwierigkeiten, zwei Handlungsstränge gleichzeitig zu bewältigen: Stotz’ Schilderung der Vergangenheit und das Geschehen in der Gegenwart. Während die Geschichte der Vergangenheit fesselnd ist, hat die Erzählung der Gegenwart viele Sackgassen, die durch zu viele Beschreibungen von Rezepten, die die Protagonisten essen, verkörpert werden. Das Ergebnis ist eine statische und sterile Erzählung. 

Ein weiterer Punkt, der unterstreicht, wie statisch die Handlung ist, ist die Tatsache, dass die Hinweise zur Lösung des Rätsels buchstäblich in Toms Hände fallen, ohne dass er sich darum bemüht. 

Die negativen Aspekte dieses Buches sind sicherlich größer als die positiven. Dennoch kann dieses Buch mit seinen knapp 330 Seiten etwas für euch sein, wenn ihr einen Zeitvertreib ohne Verpflichtungen sucht. Der schnörkellose, klare und direkte Schreibstil lässt euch das Buch schnell lesen. 

Für Liebhaber von Krimis und schneller Lektüre, Melody von Martin Suter ist bei Diogenes erschienen und kostet 26 Euro in gebundener Ausgabe.