Deprimierte Frau

Münchner Wissenschaftstage

Macht die moderne Welt krank?

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Vor 150 Jahren führten Infektionskrankheiten wie Tuberkulose oder Pocken noch die Statistiken der Todesursachen an. Heute stehen – insbesondere in den westlichen Ländern – Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen ganz oben. Der Wandel der Welt macht sich also auch in der gesundheitlichen Verfassung der Menschen bemerkbar. Laut Prof. Florian Holsboer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, dehne sich die Lebensspanne des Menschen zwar aus, die Gesundheitsspanne aber nicht im gleichen Maß. Die Folge: Die Krankheitsspanne werde länger, was sich an steigenden Kosten im Gesundheitssystem bemerkbar macht.

Umwelt beeinflusst Gesundheit, Psyche beeinflusst Physis

Dass Umweltveränderungen sich auf die Gesundheit des Menschen auswirken, macht Prof. Wolfgang Wurst, Leiter des Instituts für Entwicklungsgenetik am Helmholtz Zentrum in München, unter anderem am Vergleich von Entwicklungsländern mit westlichen Staaten fest: Wo in den ärmeren Ländern viele Menschen unter HIV und AIDS leiden, sind in Mitteleuropa und Nordamerika Depressionserkrankungen ein großes Problem. Depressionen wirken sich wiederum auf die körperliche Verfassung aus, sie sind ein Risikofaktor für Herzerkrankungen. „Somatische und psychische Krankheiten können sich gegenseitig bedingen“, meint Wurst. Holsboer macht den Zusammenhang am Beispiel von Herzinfarkt-Patienten deutlich: Wer infolge eines Herzinfarkts an einer schweren, nichtdiagnostizierten Depression leidet, weist ein drei- bis viermal höheres Risiko auf, einen zweiten Herzinfarkt zu bekommen als Patienten ohne Depression. „Die Psychiatrie hat keine harten Laborbefunde“, sagt Halsboer. Trotzdem müsse man das ernst nehmen, auch aus ökonomischen Gründen.

Psychische Erkrankungen wirken sich auf Wirtschaft aus

Dass immer mehr Menschen wegen psychischer Erkrankungen als arbeitsunfähig in der Statistik auftauchen, hat laut Halsboer seine Ursache nicht zwingend darin, dass tatsächlich immer mehr Menschen psychisch krank seien. Es habe auch viel damit zu tun, dass immer mehr einschlägige Diagnosen dokumentiert werden, zu Krankheiten, die früher nicht bekannt waren. Viele davon werden auf Stress zurück geführt. Dabei helfe Stress dem Menschen, so Halsboer. Nur zu viel und dauerhafter Stress wird zum Problem. Abhilfe liegt seiner Meinung nach in geregeltem Schlaf, denn Schlafstörungen seien nicht nur häufiges Symptom, sondern bei Depressionen oft auch Ursache für eine Erkrankung. Außerdem solle der Mensch Multitasking vermeiden – das menschliche Gehirn sei schlicht nicht dafür gemacht, zwei aufmerksamkeitsintensive Aufgaben gleichzeitig zu erledigen.

Soziale Unterschiede mit gesundheitlichen Folgen

Wolfgang Wurst erforscht die Einflüsse von Genetik, Umwelt, Lebensstil und Altern auf die menschliche Gesundheit und konnte dabei regionale Unterschiede sogar innerhalb Deutschlands ausfindig machen. Sozioökonomische Bedingungen wie Bildungsgrad und Arbeitslosigkeit wirken sich nach ethnologischen Studien z. B. auf die Anfälligkeit für Diabetes aus. Das sieht Wurst optimistisch: „Wir sind dem globalen Wandel nicht hilflos ausgeliefert. Natürlich können wir unsere Genetik nicht ändern, aber wir können etwas an unserem Lebensstil und der Exposition von Umweltfaktoren tun, um ein gesundes Altern zu ermöglichen.“

Prof. Florian Halsboer und Prof. Wolfgang Wurst traten als Referenten bei den 13. Münchner Wissenschaftstagen auf.