Unser Album der Woche

Fiona Apple – Fetch the Bolt Cutters

/ / Bild: M94.5

Acht Jahre ist die Veröffentlichung von Fiona Apples letztem Album,  The  Idler Wheel…, jetzt schon her. In ihrem neuen Album Fetch the Bolt Cutters baut Fiona auf ihrem alten Sound auf – traut sich aber auch, mehr zu zeigen, indem sie oft weniger macht.

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Fiona Apple – Fetch the Bolt Cutters auf Spotify

Fünf Hunde sind als Interpreten in dem Album genannt. Man hört sie durch das ganze Album: Entweder ihr Bellen oder das Klirren ihrer Halsbänder wird zum Schlagwerk. Fetch the Bolt Cutters entstand nämlich in Fiona Apples eigenem Schlafzimmer, umgeben von ihren Hunden. Und diese kleine Produktion im Schlafzimmer bringt die Atmosphäre dieses Albums auf den Punkt. Viele Geräusche aus dem Alltag schaffen es mit in die Tracks. Quasi Field Recordings ohne das Feld, sondern begrenzt auf die eigenen vier Wände. Und damit kann sich zur Zeit wohl jeder identifizieren.

Eine Hülle aus Apathie

Am prominentesten sind die Hunde wohl im Titeltrack des Albums. Basis des Songs ist die plastische Perkussion, die sich räumlich um den Hörer herumlegt, während ein gezupfter Kontrabass eine jazzige, zurückgelehnte, apathisch plätschernde Szene aufzieht. Fiona Apple singt über das  Ausbrechen aus sich Selbst und der eigenen Selbstwahrnehmung, wenn sie die ‚Bolt Cutters‘ fordert. Emotional bleibt sie aber distanziert, als wäre der Ausbruch keine Überwindung, sondern einfach etwas, das wohl oder übel getan werden muss.

Am Ende wird das geschichtete Hundebellen und Fionas Atmen aber aufdringlich. Die Klaustrophobie der Situation erreicht den Hörer dann doch, nachdem man sich so in Sicherheit gewogen hatte. Dieses Herausbrechen aus dem Schein der Apathie findet man immer wieder in dem Album.

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Fiona Apple – „Fetch The Bolt Cutters“

Genau so zeigt auch der Albumopener, „I Want You to Love Me”, erst gegen Ende was er wirklich ist. Am Anfang maskiert er sich als eine fast schon gewohnte Liebesballade von Fiona Apple. Das für sie typische Klavier, das ein bisschen nach dem alten Klavier in der Ecke einer Bar klingt, läuft vor sich hin während man in eine Liebesgeschichte hereingezogen wird.
Gegen Ende zerbricht dann die Fassade, und die wirkliche Trauer bricht aus dem davor so harmonischen Gewebe heraus. Das laufende Klavier kommt ins Taumeln und stolpert schlussendlich doch, während Fionas Stimme zerbricht und versucht, sich wieder zurück zu kämpfen. Vergeblich – denn sofort bricht der Song ab.

Große Themen klein angehen

Neben solchen persönlichen Themen, die zum Beispiel auch in Form einer Geschichte über ein geklautes Drumset („Drumset“) oder inspirierenden Worten aus der Kindheit („Shameika“) auftreten, traut sich Fiona Apple aber auch an größere Themen. Die 42-Jährige hat noch nie ein Blatt vor den Mund genommen, wenn es um Frauenrechte, Immigration oder Unterdrückung geht.

Dabei geht sie die Themen immer persönlich an. Wie in „For Her“, dass sie nach der Nominierung Brett Kavanaughs zum Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten geschrieben hat. Gegen diesen wurden mehrere Vorwürfe sexueller Nötigung bekannt gemacht. Hier packt sie am Anfang gegen männlichen Chauvinismus aus. Zum Schluss treibt sie es auf die Spitze, indem sie ihren Vergewaltiger direkt mit seinen Taten  konfrontiert.

Statt aber mit Wut zu explodieren, hat man, abgesehen von spät dazukommenden Perkussionsschlägen, nur mehrere Stimmen, die in  kitschigen Harmonien eher an eine Szene aus einem Musical erinnern, und von einem wütenden sozialpolitischen Song kaum weiter weg sein könnten. Genau diese Diskrepanz macht die härteren Lieder auf diesem Album aber gerade einschlagend. Die kleine, teilweise drängende Produktion gegenübergestellt mit solchen schweren Themen lässt den Zuhörer  aufhorchen. Man hängt an jedem Wort das Fiona sagt, man hört zu.

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Fiona Apple – „For Her“

Gegensätze

Insgesamt ist dieses Album voller Gegensätze. Es ist teils in Produktion und Thematik vielschichtig und teils zurückgenommen. Es ist klaustrophobisch hier und öffnend kathartisch dort. Mal ist es positiv, so wie in „Relay“, wo Fiona erkennt, dass der Kreis des Hasses unterbrochen werden kann, mal pessimistisch und hart, so wie in „For Her“. Man wird in diese Gegensätze hineingezogen, und irgendwann fällt uns als Hörer gar nicht mehr auf, dass viele hohl klingende Beats alles sind, was uns durch die Songs trägt.

Im letzten Lied „On I Go“ wiederholt Fiona Apple immer wieder wie ein Mantra vier Zeilen über das Durchhalten, das Weiterbewegen nur zum Zwecke der Bewegung. Roboterhaft trägt sie es mit Harmonien im Staccato vor, bis sich dann mit dissonanten, sphärischen Einwürfen im Hintergrund immer mehr Verbissenheit zeigt. Und das fasst das Album ganz gut zusammen: Harmonisch oder zumindest nach Harmonie sehnend auf einer Seite, verbissen auf’s Weiterkommen auf der anderen.

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Fiona Apple – „On I Go“