M94.5 Kulturkritik

Drei Schwestern

/ / Bild: Judith Buss

Auf der Bühne der Kammerspiele inszeniert Regisseurin Susanne Kennedy den Klassiker der Jahrhundertwende von Anton Tschechow und verknüft ihn mit existenziellen Fragen unserer Zeit.

Die Bühne ist leer, die Wand dahinter ein gigantischer Display und in dessen Mitte befindet sich ein offener Kasten mit Spiegelwänden. Auf dem Display erscheint eine Multimedia Show, die an den Hintergrund eines DJ Sets erinnert. Bunte Wolken bewegen sich über die Fläche und ein apokalyptisches Surren und Dröhnen ist zu hören. Alles an Kennedys Bilderwelt scheint künstlich und kommt unserer Realität dabei erstaunlich nah.

Die Figuren im Stück verharren in ewiger Untätigkeit © Judith Buss

In Anton Tschechows Stück geht es ursprünglich um die drei Schwestern Irina, Olga und Mascha, die im vorrevolutionären Russland in der Provinz leben. Im Stück tragen sie schwarze Strumpfmasken und weiße traditionelle Gewänder. Ihr Plan ist es nach Moskau zu ziehen und dort ein besseres Leben zu haben, doch sie setzen ihn tatsächlich nie in die Tat um. Während stets von Moskau gesprochen wird, verstreicht die Zeit und die Zukunft wird zur immer gleichen Gegenwart.

Metaphorische Bildgewalt

Die Szenen im Stück werden durch radikale Brüche voneinander getrennt. Nach stets sehr kurzen Spielfrequenzen ertönt ein unheilvolles Surren, dann wird der Saal plötzlich in absolute Finsternis getaucht. Sobald das Licht wieder angeht wirkt das Bild im Kasten zunächst wie ein merkwürdiges Schaufenster, in dem befremdliche Puppen drapiert sind. Kennedys Bilderwelten sind symbolisch aufgeladen und ihre Interpretation kommt einer eigenen Philosophie gleich. Das Stück von Tschechow dient ihr nur als Ausgangspunkt, daraus entwickelt sie ihr Konzept, das sogleich radikal als auch sehr experimentell ist. Aber es funktioniert.

Immer wieder – Noch einmal

Wer die SchauspielerInnen sind bleibt bis zum Applaus am Ende geheim. Kennedy nimmt mit ihrer Art Theater zu machen Abstand von der schauspielerischen Leistung. Insgesamt sechs Menschen stehen in wechselnden Variationen auf der Bühne. Ihre Gesichter und die Mimik verbergen sich hinter kahlen Gummimasken oder dem schwarzem Strumpfstoff, ihre Gestik bleibt auf ein Minimum begrenzt. Die Charaktere wirken wie entindividualisierte Avatare aus einem Computerspiel, die eventuell Menschen darstellen sollen. Immer wieder werden bestimmte Sätze mechanisch wiederholt. Teilweise werden sie in monotoner Stimme von den Figuren auf der Bühne gesprochen, teilweise dröhnen sie durch Lautsprecher. Dabei handelt es sich um den Text aus Tschechows Stück, philosophische Abhandlungen aber auch belangloses Geplänkel. “Das Wetter ist heute sehr gut”, äußert sich eine von den anderen nicht zu unterscheidende Figur. Das Telefon klingelt und eine Lautsprecherstimme tönt:

„In zwei-, dreihundert Jahren wird das Leben auf der Erde unvorstellbar schön sein.“

Dieser und andere immer wiederkehrende Sätze unterstreichen das Motiv des Stücks. Es geht um das ewige Warten auf Morgen, das Leben in einem Traum, den Glauben daran, dass alles eines Tages besser und gut wird. Dabei wird die Gegenwart nie gelebt. Kennedy macht in ihrer Inszenierung von dem Gedanken Friedrich Nietzsches, dass die Zeit ein ewig wiederkehrender Kreislauf ist, Gebrauch. Angenommen, alle Ereignisse könnten beliebig oft wiederholt und Fehler wiedergutgemacht werden: Das ewige Festhalten an der Zukunft würde sich von selbst erübrigen.

Marionettenhafte Bewegungen und verborgene Mimik © Judith Buss

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht jedoch auch die Realität erträglich. Die Trägheit im Jetzt wird gerechtfertigt durch das Versprechen einer Erlösung im Morgen. Nietzsche fordert zu einer Bejahung der Gegenwart und des Lebens an sich auf. Es geht darum zufrieden zu sein, mit dem was man hat und nicht immer nach dem zu Streben, was unerreichbar weit weg ist – wenn auch nur zeitlich gesehen. Kennedys Motiv des ewigen Kreislaufs nach Nietzsche, nimmt den drei Schwestern ihre Last von den Schultern und gibt ihnen die Chance glücklich zu werden.

Ein sich ewig drehendes Karussel

Direkt nach dem Stück überwiegt das Gefühl man wäre sehr oft und lange in dem Fahrgeschäft eines Vergnügungsparks gesessen. Viele Farben, dröhnende Stimmen aus Lautsprechern, und digitale Animationen, die über knallbunte Flächen rasen. Alles dreht sich und es dauert länger als bis zum Abebben des Applaus am Ende, bis der Boden der Realität wieder greift. Mit diesem Stück zeigen die Kammerspiele wieder einmal, dass sie eine Vorreiterrolle im deutschsprachigen Theaterraum haben wenn es um experimentelles Theater geht.

Drei Schwestern feierte am 27. April in den Kammerspielen Premiere und ist noch bis zum 26. Juni zu sehen.