Rassismus

Der Drang zum Widerstand

/ / Foto: M94.5/ Fanny Buschert

„Geh doch zurück wo du hergekommen bist!“, „Dumme Ausländer haben hier nichts zu melden!“ Solche oder schlimmere Aussagen haben sicher schon die Meisten von uns gehört. Am Bahnhof, im Café oder vielleicht sogar von der Familie. Die Frage, die sich hierbei häufig stellt: Hätte man was sagen oder tun müssen? Wir haben mit Experten gesprochen, die uns erläutert haben wie man in solchen Situationen am Besten reagiert und wie sich Interessierte sonst noch engagieren können.

Rassistische oder diskriminierende Äußerungen werden immer allgegenwärtiger im öffentlichen Raum. Auf der einen Seite stehen die Betroffenen, die sich in diesen Situationen oftmals alleine fühlen, auf der anderen Seite fehlt vielen Beobachtern jedoch der Mut um in der konkreten Situation zu handeln. Doch seit einiger Zeit gibt es Angebote, die dabei helfen, Unsicherheiten und Ängste diesbezüglich abzubauen.

BEFORE berät Betroffene von Rassismus und Diskriminierung

Seit drei Jahren gibt es die Münchner Beratungsstelle BEFORE für Betroffene von Rassismus, Diskriminierung und rechter Gewalt. Die Organisation gliedert sich in drei Teilbereiche auf: (1.) die Opferberatung und Betreuung bei rassistischer und rechter Gewalt, (2.) Antidiskriminierungsberatung, (3.) Presse und Öffentlichkeitsarbeit (bspw. Münchner Chronik).
Betroffene können sich kostenlos und anonym bei BEFORE melden. Alle Gespräche finden vertraulich statt. Dabei achten die Mitarbeiter*Innnen auf einen sensiblen Umgang und treten ggf. auch unterstützend für die Opfer ein z.B bei Terminen oder Prozessen. Die Betreuung kann in der Geschäftsstelle von BEFORE oder auf Wunsch an einem anderen Ort stattfinden. Sollten juristische Schritte in Erwägung gezogen werden, bieten die Berater*Innen auch eine Prozessbegleitung an. Im Vordergrund stehen aber immer die Bedürfnisse des Hilfesuchenden. Eine Person, die einen ernst nimmt und zuhört, kann ich manchen Fällen schon erleichternd wirken.

Beratungsraum bei BEFORE (Bild: BEFORE München)

Das Angebot richtet sich hierbei nicht nur an Münchner*Innen sondern auch an Menschen aus dem Umland. Für Damian Groten, Pressesprecher bei BEFORE, schließt das zudem alle mit ein, die durch Rassismus und Diskriminierung beeinflusst werden:

„Wenn wir von Betroffenen sprechen, dann meinen wir nicht nur Menschen, die unmittelbar ganz direkt zum Ziel von Angriffen werden. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die Wirkung von solchen Taten…das zieht immer Kreise, gerade im sozialen Umfeld und da sind auch Menschen betroffen…Also z.B in der Familie um ein ganz klassisches Beispiel zu nennen. Wenn ich in dieser Art und Weise betroffen bin, kann ich mir bei BEFORE Unterstützung holen.“ (Damain Groten, Pressesprecher bei BEFORE)

Bin ich im konkreten Fall physisch oder verbal angegriffen worden, gibt vier Punkte die zu beachten sind:

  • Zeug*Innen ansprechen (um Unterstützung bitten, Kontaktdaten notieren)
  • Gedächtnisprotokoll anfertigen (Wer? Wann? Wo?)
  • Gesundheitliche Folgen ärztlich bestätigen lassen (physisch & psychisch)
  • Polizei hinzuziehen (wenn eindeutige Schäden vorliegen)

Weitere Infos dazu findet ihr auf der Website. Für Nimet Gökmenoglu, Antidiskriminierungsberaterin bei BEFORE steht fest, dass diese Schritte am Anfang eine große Herausforderung darstellen und Überwindung kosten.

Sofern natürlich die Möglichkeit da ist, also wenn ich verbal angegriffen werde, kann ich eben auch kucken: Sind Zeug*innen in der Nähe und die dann auch ansprechen: ‚Bitte ich brauche Unterstützung‘. Und auch schauen, dass nachdem eben der Übergriff, die Diskriminierung , insbesondere auch im öffentlichen Bereich stattgefunden hat oder stattfindet, Solidarisierung organisieren…wenn niemand reagiert. Das ist ein ganz schwieriger Akt, aber das ist etwas, dass tatsächlich eingeübt werden muss“ (Nimet Gökmenoglu , Beraterin der Antidiskriminierungsstelle bei BEFORE)

Dennoch sollten diese am besten möglichst zeitnah umgesetzt werden. Denn im Nachhinein können kleine Details wichtig für den „Erfolg“ der folgenden Handlungen sein, wie Nimet Gökmenoglu berichtet: „Also wir haben da ja auch Positivbeispiele tatsächlich, wo etwas stattgefunden hat und die Polizei dann auch zugreifen konnte.“

Ängste abbauen beim Workshop „Nur so daher gesagt“

Dipl. Sozialpädagogin Sofie Engl arbeitet als Interkulturelle Mediatorin beim Münchner Bildungswerk (Bild: Sofie Engl)

Aber nicht nur Betroffenen fällt es schwer sich zu überwinden. Beobachter*Innen und Beteiligte fühlen sich selbst oft ratlos in Situationen, in denen Minderheiten angegriffen werden. In Workshops wie „Nur so daher gesagt“ wird genau diese Problematik angesprochen. Interessierte lernen während des zweitägigen kostenfreien Workshops, die Hintergründe von Rassismus und Vorurteilen sowie die kritische Reflexion des eigenen Verhaltens. In Übungen werden eingangs beschriebene Situationen nachgestellt und direkte Handlungsstrategien für die Teilnehmenden herausgearbeitet. Die Diplom-Sozialpädagogin Sofie Engl ist Referentin für Freiwilliges Engagement beim Münchner Bildungswerk und leitet diese Workshops. Sie sieht, dass das Angebot viel Anklang findet:

Es kommen tatsächlich junge Leute, alte Menschen, Personen die im Flucht und Integrationsbereich engagiert sind. Menschen, die einfach grundsätzlich interessiert sind, auch durch alle Milieus.“ (Sofie Engl, Interkulturelle Mediatorin)

Sofie Engl hebt hervor, dass man in Konfliktsituation nicht sofort in die Konfrontation gehen sollte. Oftmals ist es sogar sehr schwierig argumentativ auf den Akteur einzugehen, da die Situation einem schnell entgleitet. Was für die Sozialpädagogin erstmal wichtig ist: „Man kann immer von sich sprechen, in ner Ich-Botschaft, von der eigenen Wertehaltung und was ich denke und fühle. Und da ist man unantastbar! Und kann erstmal damit antworten und was sagen. Und damit ein besseres Gefühl bekommen.“

Man kann also festhalten, dass es zunächst wichtig ist, nicht passiv zu bleiben. Solidarisiert euch mit denen, die von Rassismus und Diskriminierung betroffen sind, selbst wenn es nur kleine Signale sind, wie ein zuversichtliches Lächeln oder Blickkontakt. Das „gesellschaftliche Klima im öffentlichen Raum lässt sich mitbestimmen“, wie Damian Groten betont und muss stets auf neue gestaltet werden. Sofie Engl bringt diese Motivation abschließend auf den Punkt:

Ich glaube, das ist ein Drang zum Widerstand. Zu sagen das ist ne gesellschaftliche Entwicklung und ich möchte da nicht einfach zuschauen und zuhören müssen, ohne da drauf zu antworten.“ (Sofie Engl, Interkulturelle Mediatorin)

Links & Infos:

Der nächste Workshop findet an folgenden Terminen statt:
Dienstag: 24.09.2019/ 08.10.2019
https://www.xn--mnchner-bildungswerk-pec.de/de/meine-deine-einewelt.html

Eine weitere Anlaufstelle in München sind „Die Pastinaken“
https://www.muenchen.de/rathaus/Stadtpolitik/Fachstelle-fuer-Demokratie/kommunalesNetzwerk/Demokratietrainer-innen-Pastinaken.html

BEFORE
https://www.before-muenchen.de/