Kommentar

Das Lied von Eis und Ehe

/ / Bild: M94.5 / Michael Goder

Ein Kommentar zur Diskussion um die letzte Staffel von „Game of Thrones“.

In vielerlei Hinsicht gleicht der Beginn einer neuen Serie einer Eheschließung. Dieser Moment, wenn ich das erste Mal auf den leuchtenden Play-Button drücke und sage: „Ja, ich will!“ Ich will mich darauf einlassen, neue interessante spannende Dinge mit dir, neue Serie, zu erleben. Ja zu neuen Charakteren, die du in mein, in unser Leben bringst. Und auch ja zur Sehnsucht, wenn du mal wieder weg bist. Denn jedes Mal freue ich mich, wenn du mit einer neuen Episode, einer neuen Seite von dir wieder zu mir zurückkommst. Doch mit all diesen wunderschönen Sachen gehe ich genauso wie bei einer Ehe ein großes Risiko ein, nämlich dass dieser Funke, der uns einmal verbunden hat, irgendwann zwischen endlosen Dialogen und immer gleichen Handlungen einfach verschwindet. Ausgelöscht. Die Luft ist einfach raus.

Wir haben uns hier versammelt

Und so sitzen in diesen letzten Wochen auf der einen Seite der Couch der Paartherapeutin die Erschaffer der erfolgreichsten Serie aller Zeiten und am anderen Ende mit grimmigen Blick und verschränkten Armen viele Fans von Game of Thrones. Wütend schreien sie: „Du kannst mich einfach nicht mehr überraschen. Früher, früher da hast du noch ganz unerwartete Dinge für mich getan. Kleinigkeiten, wie Tywin Lannister auf dem Klo zu erschießen. Das war noch großes Kino.“

In Gesundheit und in Krankheit

Da zucken die Produzenten und Drehbuchautoren nur mit den Achseln. Was soll man sich noch zu sagen haben, nach acht langen Jahren des friedlichen Zusammenlebens? Nach so vielen Hochs und Tiefs, die man mit dem anderen erlebt hat. Na gut, vorrangig waren es Tiefpunkte. „Aber gute, überraschende“ wie die Fangemeinschaft einwirft. Und das alles soll nun verloren sein. Nicht am Aussehen sei die Ehe gescheitert, sagen die Fans weiter. Aufwendig, teuer und gut hergerichtet sahst du die letzten sechs Folgen aus, aber die inneren Werte, die haben verloren. Euer Drehbuch kann einfach nicht mehr mithalten mit der schicken Schale, richtet sich der Vorwurf an die beiden Autoren.

In guten wie in schlechten Tagen

Richtig hässlich wird die Beratung. Immer mehr reden sich die Fans auf der einen Seite der Couch in Rage. „Damals, als wir noch in einer offenen Dreier-Ehe mit deinem Ex-Freund George gelebt haben, da war die Welt noch in Ordnung“, sagen die Zuschauer. „Aber ihr zwei Ungeduldigen konntet ja nicht warten und musstet wieder alles für euch alleine haben. Habt gedacht, ihr könnt es auch ohne George schaffen, dass unsere Ehe genauso aufregend bleibt wie davor. Na, wie hat das geklappt?! Können wir nicht noch mal von vorne anfangen, so tun, als wär das alles nicht passiert, und zurück gehen in die Zeit, als wir noch richtig glücklich miteinander waren, so bei Staffel 4?! Unterschreib doch bitte hierfür nur diese Petition und schon wird alles wieder gut…“

Bis dass der Tod euch scheidet

Kann es sein, dass ihr vielleicht zu hohe Erwartungen an unsere Beziehung aufgebaut habt, könnten die Macher von Game of Thrones darauf vielleicht antworten. Haben wir uns in den ersten Jahren unsere Ehe so vorbildhaft gezeigt, dass jetzt die Illusion eines perfekten Finales einfach in Flammen aufgeht? „In guten, wie in schlechten Zeiten“, sagen sie. Doch das gilt nicht für diese Beziehung. In dieser Beziehung muss eine Partei sich immer von ihrer besten Seite zeigen, darf nie Schwäche zeigen oder gar Fehler machen. Vergessen sind die sieben Jahre, in denen die beiden Drehbuchautoren alles gaben, so dass es nie langweilig wurde. Weder im Bett, noch auf dem Schlachtfeld. So sitzen die Fans lieber da und sprechen Hassbekundungen und Morddrohungen gegen die andere Seite aus, „bis dass der Tod euch scheidet“.

Sie dürfen sich nun trennen

Jetzt ist es vorbei. Und es mag sein, dass ihr unzufrieden seid, liebe Fans. Doch vergesst nicht, ihr wusstest genau, worauf ihr euch einlasst, als ihr zum ersten Mal auf diesen leuchtenden Play-Button der ersten Folge Game of Thrones geklickt habt. Es war eine Verpflichtung, ein Risiko, aber auch die Chance auf eine wahnsinnig gute Zeit, die ihr damals eingegangen seid. Und wenn ihr nach wahrscheinlich vielen weiteren Serien-Ehen einmal zurückdenkt an die Zeit, die ihr mit dieser Serie hattet, dann werden die guten Erinnerungen bleiben. Lasst euch nicht entmutigen, die Scheidungsrate in Deutschland liegt schließlich bei fast 40 Prozent. Vielleicht habt ihr ja mit der nächsten Serie mehr Glück.