TITANIC Ausgabe mit Hubert Aiwanger Telefonterror

Moritz Hürtgen im Interview

Bei Anruf Aiwanger

/ / Bild: M94.5 / Simon Fischer

Das Satire-Magazin TITANIC klingelte verstellt als Hubert Aiwanger in den Polit-Büros des Landes durch. Das Ziel: In Aiwangers Namen Allianzen mit leichtgläubigen und umstrittenen Politikern zu schmieden.

Bayerns Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger möchte sich (vorerst) nicht gegen Corona impfen lassen. Seine Aussagen dazu haben in den vergangenen Wochen große Diskussionen ausgelöst. Sogar Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sagte im ZDF-Sommerinterview, er mache sich langsam Sorgen um Aiwanger.

Mit dieser Haltung ist der Freie Wähler-Chef ein leichtes Ziel der Satire-Zeitschrift TITANIC geworden. Deren Chefredakteur Moritz Hürtgen und ihr „hauseigener Aiwanger-Imitator“ Andreas Lugauer klingelten in Aiwangers Namen unter anderem bei Grünen-Politiker Boris Palmer, CSU-Ehrenvorsitzenden Theo Waigel und WerteUnion-Chef Max Otte durch, um diese für ihre ausgedachte Aktion „Zwangsimpfung unterlassen, natürliche Freiheit tolerieren (ZUNFT)“ begeistern zu können.

Hubert Aiwanger, bayerischer Vize-Ministerpräsident
Leidtragender des TITANIC-Telefonterrors: Bayerns Vize-Ministerpräsident Hubert Aiwanger / Bild: Freie Wähler Bayern

Moritz Hürtgen im M94.5 Interview

Wie kamt ihr bei der TITANIC auf die Idee, euch im Namen von Hubert Aiwanger durch die Polit-Büros des Landes zu telefonieren?

Zum einen haben wir mit Andreas Lugauer einen Autor, der – soweit ich weiß – aus Niederbayern kommt und für uns Aiwanger schon einmal imitiert hatte. Es gibt von der TITANIC und diesem Autor sogar seit einem Jahr einen Hubert Aiwanger Sprechkurs auf YouTube. Dann haben wir festgestellt, dass Aiwanger mit seiner Position sehr populär ist. Es drängt ihn mittlerweile sogar in den Bundestag nach Berlin. Wir haben uns gedacht, dass das alles so viel Arbeit ist, die er alleine gar nicht schaffen kann: Wir greifen ihm unter die Schulter und telefonieren für ihn etwas herum.

Außer mit Politikern habt ihr auch mit Personen von der Aktion „Ärzte stehen auf“ telefoniert, die sich gegen Corona-Maßnahmen und Corona-Impfungen stellen. Wer waren die angenehmeren Gesprächspartner:innen, die Politiker oder die Heilpraktiker:innen?

Die Idee, die Liste abzutelefonieren, hatte meine Kollegin Julia Mateus. Die Gespräche mit den Heilpraktiker:innen und Homöopath:innen waren lustiger und heiterer. Wir hatten sehr durchgeknallte Leute am Hörer, darunter auch Personen, die von sich selbst sagen, dass sie als Reichsbürger geführt werden und lieber in den Tod gehen würden als sich impfen zu lassen. Mit den Politikern waren wir natürlich nervöser, weil es auch wirklich um etwas ging – sogar um die zukünftige Karriere Aiwangers.

Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen) und Max Otte (WerteUnion) hättet ihr locker in das von eurem Hubert Aiwanger gegründete Bündnis „Zwangsimpfung unterlassen, natürliche Freiheit tolerieren“ – kurz ZUNFT – hineinziehen können. Hättest du gedacht, dass die beiden so frei von der Leber weg mit euch am Telefon reden würden?

Bei Boris Palmer waren wir uns sehr sicher! Der rief uns sogar aus seinem Urlaub zurück. Wir haben zuvor einfach im Rathaus angerufen und gefragt, ob er denn für Herrn Aiwanger Zeit habe. Fünf Minuten später rief er aus dem Urlaub zurück, es war ein sehr kollegiales Gespräch. Er wollte sich nicht ganz aus der Reserve locken lassen, weil unser Aiwanger ihm anbot, dass er den Freien Wählern beitreten könne uns direkt hohe Ämter erhalten könne, da hat er bei den Grünen Schwierigkeiten. Aber ich hatte schon das Gefühl, dass diese Option für ihn in Zukunft in Frage kommen könnte.

Moritz Hürtgen, Chefredakteur des Satire-Magazins TITANIC
TITANIC-Chefredakteur Moritz Hürtgen / Bild: Thomas Hintner

Max Otte prahlte im Telefongespräch sogar noch mit seinen Kontakten zu Sahra Wagenknecht. Glaubst Du, dass die Arme jetzt vielleicht irgendwo im Saarland sitzt und sehnsüchtig auf einen Anruf von Hubert Aiwanger wartet?

Vielleicht sind sie mittlerweile schon in Kontakt, ich hoffe es zumindest, aber das können wir jetzt nicht mehr überprüfen. Natürlich kokettierte Herr Otte mit ganz vielen Kontakten. Welche er davon wirklich hat, kann ich nicht verifizieren. Aber pfiffige Leser:innen haben auf Twitter herausgefunden und auch kommentiert, dass es Fotos von Max Otte und Sahra Wagenknecht gäbe. Wie eng der Kontakt wirklich ist, das weiß ich nicht. Aber ich hoffe, dass alle Beteiligten in noch intensiveren Gesprächen sind, als wir es mit ihnen waren.

Theo Waigel versuchte im Gespräch, den Vermittler zwischen Aiwanger und Söder zu spielen. Mittendrin bedankte er sich bei Hubert Aiwanger auch für seine Glückwunsche zum Geburtstag. Gab es in den Gesprächen auch mal brenzlige Situationen, in denen ihr dachtet „Jetzt müssen wir ganz genau aufpassen, was wir sagen, damit wir nicht auffliegen“?

Das Gespräch mit Herrn Waigel war eigentlich das schönste. Er freute sich sehr über den Anruf. Er ist CSU-Ehrenvorsitzender und ein weiser Mann. Es war ein bisschen wie ein Rosamunde Pilcher Roman der bayerischen Landespolitik. Als er beispielsweise erzählte, wie Aiwanger sich mit Söder versöhnen könne: Er schlug vor, dass man sich gegenseitig auf einen Hof einlade und sich etwas aus der bayerischen Heimat schenke.

Da wurde es tatsächlich einmal brenzlig, aber unser Autor und Aiwanger-Imitator reagierte hervorragend. Als Waigel wissen wollte, zu welcher Diözese Aiwanger gehört – das wussten wir nicht, aber wir improvisierten und haben „Freising“ gesagt, was aber nicht stimmte. Aber immerhin ist es eine Diözese. Das war ein Glücksgriff, da hätte die Geschichte auffliegen können, aber am Ende war alles gut.

Alle Politiker riefen euch am Telefon zurück, nachdem ihr in ihren Büros gelandet wart. Die Mitarbeiter:innen von welchen Büros waren denn etwas smarter und checkten vorher eure Nummer? Von wem erhieltet ihr denn keinen Rückruf?

Wir sind nirgendwo aufgeflogen. Wir hatten es auch bei keinen weiteren Politikern versucht, sondern eher bei „Journalisten aus dem eher kritischen Spektrum“. Die waren aber zum Teil im Urlaub. Eigentlich freuten sich alle, dass Aiwanger anrief. Ich vermute, dass er in Berlin usw. noch gar nicht so vernetzt ist, deswegen hatte mit dem echten Hubert Aiwanger vermutlich noch niemand gesprochen. Deshalb finde ich auch, dass die Aktion half, dass Aiwanger dann eben auch eine Brücke nach Berlin schlagen kann, wenn er es schafft mit seinen Freien Wählen Ende September einzuziehen. Wir rechnen fest damit, dass er dorthin geht und freuen uns auch über eine Einladung von Hubert Aiwanger.