Grundeinkommen in der Praxis

Bedingungsloses Grundeinkommen für alle?

/ / Bild: Shutterstock

Derzeit macht online eine EU-weite Petition die Runde. Ein Notfall-Grundeinkommen für die EU – jetzt! Die Petition, welche von der „Unconditional Basic Income Europe Organisation“ ins Leben gerufen wurde, erhält Zuspruch von zahlreichen nationalen Organisationen, die über die Petition hinaus bereits seit Jahren die Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen anfeuern

Mein Grundeinkommen, ein gemeinnütziger Verein aus Berlin erforscht bereits seit 2014, wie sich ein bedingungsloses Grundeinkommen auf den einzelnen Menschen auswirken kann. Via Crowdfunding sammelt der Verein auf seiner Website mein-grundeinkommen.de solange Spenden, bis 12.000 Euro zusammengekommen sind. Diese werden dann als bedingungsloses Grundeinkommen von 1.000 Euro pro Monat für ein Jahr verlost. Mittlerweile hat die Website über eine Million Nutzer*innen und bereits 547 Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen für ein Jahr ermöglichen können. 

Sabine Heißner ist eine dieser Gewinnerinnen, die 2019 für ein Jahr das Grundeinkommen gewonnen hat. Sie setzt sich bereits seit 2008 mit dem Thema Grundeinkommen auseinander, war Mitorganisatorin zahlreicher Kongresse zum Thema Grundeinkommen in München und hat an internationalen Kongressen des Basic Income Earth Networks in Portugal und Indien teilgenommen, welche sich für ein weltweites Grundeinkommen einsetzen. Als sie dann nach jahrelanger aktivistischer Arbeit für ein bedingungsloses Grundeinkommen dieses selbst gewonnen hat, konnte sie es kaum fassen. 

„Mit dem Gewinn habe ich intensiv bemerkt, was das eigentlich wirklich bedeutet: Bedingungslosigkeit und Gönnen, gönnen.“

Sabine Heißner

Frau Heißner, die normalerweise von ihrer Rente lebt, war es nun möglich sich Dinge zu leisten, die zuvor mit ihrem Budget einfach nicht möglich waren. Sie konnte mit dem Geld mehr Energie in ihre neue Wohnung und Umgebung stecken, konnte sich hochwertigere Möbel und Einrichtung leisten, ging viel mehr zum Sport, fing unter anderem an, regelmäßig schwimmen zu gehen. „In München kostet das schon mal 20 €, wenn man schwimmen und in die Sauna gehen möchte. Mit meiner Rente konnte ich mir das effektiv nicht erlauben.“

„Ich musste zu oft zu geizig zu mir sein und mit Grundeinkommen habe ich in der Fülle gelebt.“

Sabine Heißner

Christina Strohm, Mitarbeiterin bei Mein Grundeinkommen in Berlin, betreut Gewinner*innen wie Sabine Heißner in ihrem Gewinnjahr sowie über das Jahr hinaus. Sie verschickt Umfragen, sammelt die Geschichten der einzelnen Gewinner*innen und hält diese in Auswertungen fest. Entgegen der Großzahl an Kritikern, die oftmals argumentieren, dass mit einem Grundeinkommen viele Menschen aufhören würden zu arbeiten, konnte Frau Strohm folgende Erfahrung mit ihren 547 Gewinner*innen bisher festhalten:

„Wir finden heraus, dass die Menschen nicht weniger arbeiten. Es gibt vereinzelt Menschen die ihren Job kündigen, die tun das aber nicht um Netflix schauend auf der Couch zu sitzen. Die waren zum Beispiel vorher nicht glücklich in ihrem Job oder haben sich was anderes für ihr Leben vorgestellt. Sie haben festgestellt, dass wenn sie kündigen, dann was Neues anfangen können.“

Auch wenn es nur ein Jahr Grundeinkommen ist, stellt sie in ihren Auswertungen fest, dass die Auswirkungen über das Jahr des Gewinns hinweg reichen und das Leben der Gewinner*innen nachhaltig und langfristig verändern.

„Es geht zwar auch um Geld, aber nicht nur um Geld.“

Christina Strohm

Nichtsdestotrotz bietet das Beispiel Sabine Heißner trotzdem weiterhin eine Angriffsfläche für Kritiker des Grundeinkommens. Denn nicht jeder sieht den positiven Effekt auf das persönliche Wohlbefinden als Rechtfertigung für ein monatliches Grundeinkommen. Schließlich steht auf politischer Ebene die Diskussion der Wirtschaftlichkeit eines solchen Projekts im Vordergrund. Für die Politik scheinen die Fragen nach der Wirkung auf die Gesamtwirtschaft und das politische Gemeinwesen und der Durchsetzbarkeit der Finanzierung eines Grundeinkommens im Vordergrund zu stehen. Ist ein besseres Wohlbefinden den finanziellen Mehraufwand wert? 

„Es ist eine Frage des Gönnens“

Christina Strohm

Christina Strohm und Ihre Kolleg*innen von Mein Grundeinkommen  sind sich dieser Problematik durchaus bewusst. Sie stellen sich aber vorrangig die Frage: „Wie können wir uns als Gesellschaft gegenseitig ein Grundeinkommen gönnen?“ Denn ihrer Meinung nach ist dies das grundsätzliche Problem. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der nur der*diejenige entlohnt wird, der*die eine Leistung für die Gesellschaft erbringt. „Von diesem Gedanken, der unsere Gesellschaft durchzieht, muss man sich erst einmal lösen, um überhaupt ein Grundeinkommen realisieren zu können“, so Christina Strohm weiter. Es gibt bereits viele realistische Modelle, wie ein Grundeinkommen finanziert werden könnte, hauptsächlich über Steuerumverteilungen. Diese scheitern jedoch alle an dem Punkt des „Gönnens“, der Bereitschaft der Gesellschaft sich gegenseitig finanziell zu unterstützen.

Während sich die Gesellschaft mit solch privilegierten Fragestellungen wie des „Gönnens“ noch vor Zeiten von Corona auseinandersetzen konnte, ist sie nun mit größeren Herausforderungen konfrontiert. Der Fragestellung ob wir uns ein Grundeinkommen gegenseitig gönnen können, stellt M94.5-Redakteur Imanuel Pedersen in seinem Kommentar ein klares Muss entgegen. Hier könnt ihr in seinem Kommentar lesen, wieso gerade jetzt ein Grundeinkommen wichtig wäre.