Wie geht's eigentlich...

…ÄTNA?

/ / Bild: Josefine Schulz

Mit seiner Musik gelingt dem Dresdner Elektropop-Duo ÄTNA ein Hybrid aus audiovisuellen Kunstrichtungen. Als Inspirationsquellen nennen die beiden Jazz, elektronische und experimentelle Musik, ebenso wie „ganz erdige Singer-Songwriter-Geschichten“ und vor allem das persönliche Umfeld. Wir haben mit Inéz und Demian über ihr Debütalbum gesprochen und nachgefragt, was denn das Coronavirus gerade mit ihrer Inspiration macht.

M94.5: Die Legende besagt, ihr hättet euch auf einer 90er-Party an der Dresdner Musikhochschule kennengelernt. Mal abgesehen vom Feiern, was hat euch zum Musikstudium bewogen?

Inéz: Ich habe mich seit ich 13/14 bin viel mit Improvisation und Jazzmusik beschäftigt. Seitdem war klar, dass ich das studieren möchte. Ich bin dann nach Dresden gezogen und habe da Jazzgesang und im Nebenfach Klavier studiert.

Demian: Mein Opa und Uropa waren beide Schlagzeuger. Bei meinem Opa stand immer so ein altes Schlagzeug mit Ziegenfellen rum. Dann habe ich mit sieben angefangen, Schlagzeugunterricht zu nehmen, bin über Raggae- und Bigband sehr schnell zum Jazz gekommen und wusste dann, dass ich das beruflich machen will. In Dresden gab es einen tollen Studiengang für Improvisation und Schlagzeug. Also bin ich dorthin gezogen, wo ich schließlich auch Inéz kennengelernt habe.

Inwiefern würdet ihr in Retrospektive sagen, dass euer Musikstudium euch bei eurer Karriere weitergebracht hat?

Inéz: In dem Studium habe ich vor allem Handwerk gelernt und auch, wie man andere Menschen unterrichtet. Das finanziert mich zu einem großen Teil, deswegen war das Studium schon sehr hilfreich. Auch die Thematik der Improvisation ist für mich extrem wichtig zum Schreiben. Und ich glaube, wir hätten uns sonst nicht kennengelernt. Demian kommt aus Euskirchen, ich aus Saarbrücken und wir sind ja beide erst zum Studieren nach Dresden gekommen.

Demian: Ich finde auch, dass der improvisatorische Anteil des Jazz am ehesten das ist, was sich in unserer Musik wiederfindet. Vielleicht nicht so sehr die typische harmonische Welt des Jazz, sondern eher die philosophische, nämlich dass man in den Songs besonders live immer etwas Neues finden und entdecken kann. Dann ist ein Song mal schneller oder länger oder nimmt mal eine andere Abfahrt. Das kommt definitiv aus diesem Jazz-Studium.

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ÄTNA für Arte Concert/Berlin Live

In einem Interview habt ihr gesagt, dass eure Songs mehr und mehr weggehen von düsterer Melancholie hin zu „lebensbejahenden, leichteren Stücken“. War das eine bewusste Entwicklung?

Inéz: Nein, das war eigentlich relativ unterbewusst. Mir ging es psychisch irgendwie besser, als wir dieses Album geschrieben haben und ich hatte einfach auch Bock auf Dur. Dadurch, dass ich diejenige bin, die an den Synthesizern und Harmonieinstrumenten die Tonarten bestimmt, hat sich das so entwickelt.

Ich finde, das ist eine schöne Wendung. In all unseren Liedern ist sehr viel Biografisches drin und dann ist es natürlich immer so eine Sache, wenn man sich im Konzert so sehr hingibt und diesen Schmerz teilweise wieder fühlt. Nachdem die Stücke etwas tanzbarer geworden sind, hat man jetzt emotional mehrere Ebenen und es geht mir jetzt auch nicht mehr so schlecht nach den Konzerten. Es ist ein cooles Gefühl, wenn man eine positive Emotion weitergeben kann.

Euer Debütalbum Made By Desire habt ihr Mitte Februar herausgebracht. Danach musstet ihr coronabedingt einige Tourtermine verschieben. Wie habt ihr diese Zeit und die Resonanz auf euer Debüt erlebt?

Demian: Die Resonanz auf unser Album war und ist nach wie vor sehr euphorisch. Es gibt viel Streaming-Resonanz und die Videos werden mehr geschaut, als die Videos, die wir vorher gemacht haben. Von den Radiosendern haben wir auch ganz gute Rückmeldung bekommen. Also da waren wir schon weit genug, dass Corona uns nicht die Parade verregnen konnte. Von der Tour hat auch schon mehr als die Hälfte stattgefunden und es waren auch mehr Menschen in den Konzerten, das hat man direkt gemerkt.

Und wir sind ja auch jetzt nicht untätig. Wir haben zusammen mit dem Pianisten Martin Kohlstedt die neue Single „KSYCHA/Who Are You“ geschrieben, die am 24.April veröffentlicht wurde. Die Vorfreude darauf war den Hörer*innen anzumerken, insofern sind wir gerade nochmal mit einem blauen Auge davongekommen.

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Martin Kohlstedt – „KSYCHA (ÄTNA Who Are You Rework)“

Wie sieht gerade euer Quarantäne-Alltag aus?

Inéz: Ich war noch nie so oft und so lange am Stück zu Hause, das ist auf jeden Fall eine krasse Veränderung. Ich habe mir jetzt ein Gemüsebeet angelegt. Wir haben den Luxus, dass wir neben dem Proberaum direkt einen Garten haben und da in unseren Pausen Sachen anbauen und dann zwischendrin wieder proben können.

Als wir von der Tour zurückgekommen sind, dachte ich: Krass, unverhofft ganz viel Zeit, jetzt wird direkt das neue Album geschrieben! Da war die Energie von den Konzerten noch so präsent. Dann bin ich erstmal in ein kleines Loch gefallen, ich hatte sogar kurz überlegt, eine Ausbildung als Krankenschwester zu machen, um irgendwas Sinnvolles zu machen.

Irgendwann habe ich dann angefangen, mir eine Struktur zu setzen, um jetzt auch mal zu Sachen zu kommen, zu denen ich vorher nicht gekommen bin. Zum Beispiel mich mit Aufnahmeprogrammen zu beschäftigen, um mal ins Produzieren reinzukommen, oder Synthesizer auszuchecken und mich tiefgehender mit Sound zu befassen.

Fakt oder Mythos: Als Künstler*in ist man in Quarantäne besonders produktiv.

Inéz: Ich sehe das als zweischneidiges Schwert, denn wenn man sich eine Struktur gemacht hat und es einem gut geht, dann kann man produktiv sein. Wenn man aber in ein Loch fällt, dann eher nicht.

Demian: Ich würde auch sagen es ist beides, weil viele Menschen Druck und Deadlines brauchen und jetzt nicht richtig in Gang kommen. Andere sehnen sich nach Ruhe und genügend Freiraum, um das zu machen. Also wir kennen eigentlich beide Seiten.

Eure Tipps für die Quarantäne-Zeit: Lieblingsbuch, -album, -essen, -kleidung, …?

Inéz: Ich habe jetzt sehr viel das Album Frontalcrash von AB Syndrom gehört, das kann ich sehr empfehlen, genauso das Buch The Artist‘s Way, das ist sehr inspirierend. Sonst finde ich warme Socken wichtig, privat liebe ich bequeme Klamotten. Kochen ist außerdem eines meiner größten Hobbies und jetzt habe ich endlich Zeit, neue Rezepte auszuchecken. Was ich mega lecker finde ist „Der Imam fiel in Ohnmacht“, ein türkisches Meze-Gericht.

Demian: Selbstgemachtes Bärlauchpesto! Einen einzigen Büschel haben wir neulich im Wald noch gefunden, den halten wir heilig. Mit dem Selbstversorgerbuch von John Seymour kann man alles darüber lernen, wie man Pflanzen beschneidet oder wie man Gemüse und Obst einweckt. Dann habe ich gerade Geisha-Sandalen geschickt bekommen, das sind so Holzklötze mit Riemen drauf und damit klackere ich den ganzen Tag durchs Haus. Und ich bin jetzt durch Zufall auf Aldous Harding gestoßen, das ist sehr coole Musik.

Was sind eure Pläne für die Zeit nach der Pandemie? Ich habt ja schon ein „Dur-iges“ Nachfolgealbum fürs nächste Jahr angeteast…

Demian: Vielleicht wird es noch lebensbejahender. Aber ich kann mir vorstellen, dass die Krise sowohl die melancholischen, als auch die feierwütigen Stimmungen hervorbringt, insofern würde ich mich nicht darauf verlassen, dass es ein reines happy Tanzalbum wird. Ideen gibt’s aber schon viele. Und sonst möchte ich endlich wieder schwimmen gehen.

Inéz: Wir schreiben auf jeden Fall neue Songs und ich freue mich eigentlich am meisten drauf, wenn wir wieder Konzerte spielen und mit mehreren Leuten draußen im Park sitzen können.