Warum uns ein Blick in den Himmel guttun kann

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Der Moment dauert nur wenige Minuten an. Die Sonne steht tief, der Himmel färbt sich orange, rosa, manchmal rot oder violett. Menschen bleiben stehen. Gespräche verstummen. Eine Person zückt ihr Smartphone, möchte den Moment festhalten und teilen, eine andere schaut einfach nur nach oben. Wenn wir die Farbenpracht am Himmel entdecken, überkommt uns ein warmes Gefühl und wir wollen für diesen Moment an- und innehalten. Dabei ist ein Sonnenuntergang eigentlich nichts Neues. Wir wissen, dass er jeden Abend wiederkommt – und trotzdem gelingt es ihm immer wieder, unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Für ein paar Minuten unterbrechen wir, was wir gerade tun, und schauen nach oben. Woran liegt es aber, dass uns genau solche Momente so fesseln?

Erst einmal: Warum wird der Himmel überhaupt bunt?

Der Lichtzauber beginnt mit einem ziemlich nüchternen physikalischen Vorgang. Wenn die Sonne hoch am Himmel steht, legt ihr Licht einen kurzen Weg durch die Erdatmosphäre zurück. Dabei wird vor allem das kurzwellige blaue Licht an den Molekülen der Luft stark gestreut („Rayleigh-Streuung“), weshalb unser Himmel tagsüber überwiegend blau erscheint. Bei Sonnenaufgang und -untergang steht die Sonne dagegen sehr tief. Ihr Licht muss einen deutlich längeren Weg durch die Atmosphäre zurücklegen. Auf diesem Weg wird ein großer Teil des blauen und violetten Lichts aus der direkten Lichtbahn herausgestreut. Die langwelligen roten und orangefarbenen Anteile erreichen unsere Augen dagegen häufiger. Der Himmel kann dadurch gelb, orange oder tiefrot erscheinen. Zusätzlich kommt die Atmosphäre selbst ins Spiel, denn Staub, Rauch, Wassertröpfchen und andere Aerosole können die Lichtverteilung zusätzlich verändern. Deshalb unterscheidet sich jeder Sonnenuntergang optisch.

Aber der bunte Himmel erklärt noch nicht, warum wir dies als schön empfinden. Dafür braucht es mehr als nur die Optik.

Ein Bild, das nichts von uns will

Unser Alltag erscheint immer stressiger. Ständige Mitteilungen überfluten unser Smartphone, verschiedene Bildschirme wechseln ihre Bilder, wir müssen auswählen, reagieren und konzentriert bleiben. Ruhe, Fokus und Monotasking sind heutzutage rare Ressourcen geworden.

Ein Sonnenuntergang hingegen funktioniert anders, denn seine Veränderung vollzieht sich langsam. Das Licht wandert, Farben verschieben sich und Wolken ziehen über den Himmel. Nichts davon verlangt eine unmittelbare Reaktion. Unser Blick darf wandern, ohne ein bestimmtes Ziel erreichen zu müssen. In der Forschung zur sogenannten „Attention Restoration Theory“ wird genau diese Qualität von Naturerfahrungen als „soft fascination“ beschrieben: Natur kann unsere Aufmerksamkeit fesseln, ohne sie mit derselben Anstrengung zu beanspruchen wie viele alltägliche Reize. Der Sonnenuntergang ist dafür ein besonders gutes Beispiel: Wir müssen nichts tun; wir dürfen einfach schauen und im Moment verharren.

Und dann staunen wir…

Das Adjektiv „schön“ reicht nicht aus, um das zu beschreiben, was wir während des Schauens eines Sonnenuntergangs empfinden. Die Psychologen Dacher Keltner und Jonathan Haidt haben dieses Gefühl als „Awe“ beschrieben – eine Form von Ehrfurcht oder überwältigendem Staunen. Nach ihrem Modell entsteht „Awe“ vor allem dann, wenn wir etwas als außergewöhnlich groß, mächtig oder weit erleben und unsere bisherigen Vorstellungen nicht ganz ausreichen, um es einzuordnen. Zwei Elemente sind dafür zentral: Zum einen die gigantische physische Größe des Erlebnisses und zum anderen die Notwendigkeit, unsere eigenen mentalen Grenzen zu verschieben, um Platz für das Unbegreifliche zu machen. Dafür braucht es nicht zwingend die Niagarafälle oder den Grand Canyon. Auch unser Himmel kann dieses Gefühl auslösen. Denn wenn wir nach oben schauen, verändert sich für einen Moment der Maßstab. Da ist plötzlich etwas, das viel größer ist als unser eigener Alltag. Etwas, das wir nicht ganz fassen können. Die Nachricht vom Chef, über die wir uns gerade noch den Kopf zerbrochen haben, verschwindet zwar nicht, aber sie steht nicht mehr allein im Mittelpunkt. Dieser Effekt geht in der Forschung auf das sogenannte „Small Self“ zurück: In „Awe“-Momenten kann die eigene Person mit ihren Sorgen subjektiv weniger dominant und wichtig erscheinen, während die Welt außerhalb des eigenen Selbst stärker in den Vordergrund rückt.

Plötzlich haben wir wieder Zeit

In solchen Momenten verändert sich außerdem unser Gefühl für die Zeit. In mehreren Studien fanden Forschende heraus, dass Menschen nach einem „Awe“-Erlebnis subjektiv das Gefühl hatten, mehr Zeit zur Verfügung zu haben. Sie waren weniger ungeduldig und eher bereit, Zeit für andere Menschen aufzuwenden. Der Sonnenuntergang ist ein sichtbarer Übergang. Das Licht wird schwächer, die Farben verändern sich, der Tag geht langsam in die Abenddämmerung über. Nichts geschieht plötzlich. Wir sehen dabei zu, wie etwas allmählich zu Ende geht und entschleunigen selbst ein wenig. Wir fühlen uns im Hier und Jetzt. Dass dieser Übergang für uns so vertraut ist, hat auch eine biologische Seite. Licht ist eines der wichtigsten Signale für unsere innere Uhr. Dieses sogenannte circadiane System und die Ausschüttung von Melatonin werden besonders durch kurzwelliges Licht beeinflusst.

Warum gerade der Sonnenuntergang?

Forschende der University of Exeter haben in einer umfangreichen Online-Studie untersucht, wie sogenannte „flüchtige Naturphänomene“ unsere Wahrnehmung verändern. Sonnenaufgänge und -untergänge schneiden im Vergleich zum gewöhnlichen, blauen Himmel deutlich besser ab. Sie verleihen den Bildern einen regelrechten „Wow-Effekt“, indem sie die wahrgenommene Schönheit messbar steigern und tiefe Ehrfurcht auslösen. Die veränderten Lichtbedingungen können sogar triste Stadtszenen emotional so aufwerten, dass sie ähnlich positiv wahrgenommen werden wie eine unberührte Naturlandschaft bei Tageslicht. Was diesen Effekt erklärt, deckt sich mit dem, was zuvor beschrieben wurde: Die Kombination aus Vergänglichkeit, Farbenpracht, mühelosem Fesseln und Ehrfurcht bzw. „Awe“ dürfte es sein, die wir als „so schön“ erleben.

Kann ein Sonnenuntergang gesund machen?

Es gibt gute Hinweise darauf, dass Naturerfahrungen mit einem höheren Wohlbefinden zusammenhängen. So stellt eine große Studie mit knapp 20.000 Teilnehmenden in England fest, dass Menschen, die mindestens 120 Minuten pro Woche in natürlichen Umgebungen verbrachten, häufiger von guter Gesundheit und mehr Wohlbefinden berichteten. Die Studie zeigt allerdings nur einen Zusammenhang und keinen direkten Beweis dafür, dass genau 120 Minuten Natur die Ursache für bessere Gesundheit sind. Was man aber sagen kann: Ein „Awe“-Moment egal in welcher Form kann uns kurzzeitig aus einem belastenden Aufmerksamkeitsmodus herausholen, unser Erleben von Zeit verändern und unseren Blick auf die eigene Situation relativieren.

Vielleicht sollten wir wieder häufiger in den Himmel schauen

Als Kind schauten wir viel häufiger in den Himmel. Als Erwachsene richtet sich unser Blick gefahren- und smartphonebedingt eher nach unten. Wir sollten uns häufiger daran erinnern, unseren Blick zu heben, in das unbegreifliche Weite und Große zu blicken, unseren Horizont zu erweitern und somit unseren Geist zu entspannen. Manchmal reicht es schon, sich eigene Mini-Rituale zu schaffen. Ein kleines Abendritual mit einem „Awe“-Walk, bei dem sich die Aufmerksamkeit bewusst auf die äußere Umgebung richtet – nicht auf die eigenen Gedanken oder auf die nächste Nachricht, sondern auf die Wolken, das Licht, die Farben, kleinste Geräusche und Veränderungen. Dabei lässt sich der Himmel weit mehr als bloße, flache Kulisse erfahren. Wer den Blick für die Dreidimensionalität schärft, kann die verschiedenen Schichten der Wolken wahrnehmen, die in unterschiedlichen Höhen und Geschwindigkeiten ziehen. Sobald es dunkel wird, genügt das Fixieren des schwächsten Lichts am Nachthimmel, um zu begreifen, wie viele Lichtjahre tief der Blick gerade in das Universum reicht und wie klein unsere Sorgen vielleicht neben all dem sind, was über uns liegt.