Bild: Unsplash / Dmytro Bukhantsov

Interview

“Wenn es dem Frieden schlecht geht, geht es der Rüstung gut” – Investieren mit Moral oder Gewinn?

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Was haben Rheinmetall, Hensoldt, die Renk-Gruppe und Thyssenkrupp gemeinsam? Alle sind deutsche Rüstungsunternehmen, darüber hinaus Aktiengesellschaften und: ihre Kurse sind 2025 regelrecht explodiert. In der ersten Jahreshälfte 2026 sind sie zwar wieder leicht zurückgegangen. Trotzdem stellt sich bei derartigen Kursgewinnen aber die Frage, ob Erträge mit Rüstungsaktien denn überhaupt moralisch vertretbar sein können.

Um das zu beantworten, hat Tarik Ammach mit zwei Finanzethiker:innen gesprochen: Dr. Amelie Rüppel – Wissenschaftlerin an der Uni Marburg und Projektleiterin bei der Evangelischen Akademie Frankfurt, sowie Dr. Klaus Gabriel – Investitionsberater, Gutachter und Mitbegründer der Geld&Ethik Akademie in Ulm.

(Hinweis: Die beiden Expert:innen wurden separat interviewt, und ihre Aussagen inhaltsgleich bearbeitet und gegenübergestellt)

Ammach: Herr Dr. Gabriel, vor kurzem wurde der SIPRI-Bericht für das Jahr 2025 veröffentlicht, der besagt, dass Deutschland immer mehr Geld in seine Rüstung investiert.
Entsprechend stark gestiegen sind in den letzten Jahren auch die Aktienkurse von Rüstungsunternehmen, sowohl deutscher als auch internationaler. Da stellt sich die Frage: Können denn Kursgewinne oder Dividenden auf solche Rüstungsaktien grundsätzlich moralisch sein?

Dr. Gabriel: Man muss hier vielleicht zwei Dinge trennen. Das eine ist das Thema Rüstung an sich. Ich glaube, es ist ethisch unbestritten, dass jedes Land, jeder Staat nicht nur das Recht, sondern auch die Verpflichtung seiner Bürgern gegenüber hat, sich zu verteidigen, und auch die Souveränität und die Freiheit der in diesem Land lebenden Bürgerinnen und Bürger zu schützen. Ich glaube, es ist ethisch legitim und unbestritten, dass es vor dem veränderten geopolitischen Umfeld eine Art von Aufrüstung, von Wehrhaftigkeit braucht, die Aggressoren auch abschreckt. Der zweite Punkt ist: rechtfertigt das auch Investments in Unternehmen, die Rüstungsgüter herstellen? Da kann man schon einige Punkte anfügen, warum das nicht so ist.

Ammach: Frau Dr. Rüppel, Rechtfertigung ist ja eine subjektive Erwägung, für die Glaube und Religion Anhaltspunkte bieten kann. Wie steht denn der Protestantismus zu dieser Frage, beziehungsweise die Evangelische Kiche in Deutschland (EKD)?

Dr. Rüppel: Das ist ganz spannend zu beobachten, weil 2025 die neue Friedensdenkschrift der EKD rausgekommen ist. Die ist relativ öffentlichkeitswirksam … diskutiert worden, weil sich darin tatsächlich ein sehr starker Positionswechsel angedeutet hat. Also, es gab schon zu früheren Zeiten viele friedensethische Papiere der Kirche, die aber immer eine relativ pazifistische Prägung hatten. …

Und in dieser neuen Denkschrift 2025 gibt es eben auch eine starke Wertschätzung einer sogenannten rechtserhaltenden Gewalt, also die Anerkennung, dass zum Erhalt von demokratischen, rechtsstaatlichen Strukturen auch Gewalt notwendig sein kann und deswegen ethisch positiv zu würdigen ist. Interessanterweise steht aber so ein bisschen konträr dazu die Position des Arbeitskreises kirchlicher Investoren, die ganz deutlich machen, dass sie eben nicht als Kirche sprechen, sondern als Investor:innen, und die sich um die Frage kümmern, wie man mit kirchlichem Geld umgehen sollte. Das ist also eine andere Perspektive, die besagt: Es mag sein, dass Rüstung notwendig ist. Wir fragen uns aber:

“Ist das ein nachhaltiges ethisches Kriterium für Geldanlage?

Da ist die Position unverändert, dass es da einen ganz klaren Ausschluss von Rüstungsinvestitionen gibt. … Die sagen also gerade ganz bewusst in Auseinandersetzung mit den Veränderungen: Auch wenn wir das alles anerkennen, würden wir zu dem Ergebnis kommen, dass diese Geldanlagen trotzdem in keiner Weise als nachhaltig oder ethisch zu bewerten sind.

Ammach: Bei dem Arbeitskreis kirchlicher Investoren (AKI) handelt es sich ja vor allem um einen Verband der evangelischen Landeskirchen und Diakonien. Herr Dr. Gabriel, was genau sind denn gängige Argumente für und gegen Aktieninvestitionen in Rüstungsunternehmen?

Dr. Gabriel: Also ich würde mal sagen, es gibt aus finanzieller Sicht zum Beispiel einmal zu hinterfragen: Haben denn diese Rüstungsunternehmen überhaupt Kapitalbedarf? Brauchen sie das Geld von ethisch oder nachhaltig orientierten Investoren? Da gibt es eigentlich keine besonderen Hinweise, dass das notwendig ist. … Die Investoren kaufen ja keine Rüstungsgüter, sondern sie investieren in die Unternehmen, die Rüstungsgüter produzieren. …

Das zweite ist: Wenn wir so denken, wir gehen jetzt an die Börse und kaufen zum Beispiel Rheinmetall-Aktien, dann gilt der Grundsatz

“Follow the money!” Also: “Wohin fließt das Geld tatsächlich?”

Es fließt zu anderen Investoren und nicht zum Unternehmen. Ich kaufe die Aktien am Sekundärmarkt und das Geld zirkuliert zwischen Investoren, das heißt, das Unternehmen hat kein frisches Kapital zur Verfügung, mit dem es überhaupt etwas machen könnte. Das passiert nur am Primärmarkt, also wenn das Unternehmen neue Aktien oder neue Anleihen am Markt begeben würde.

Das ist aber äußerst selten, … und wenn das in der Vergangenheit, in den letzten Monaten gemacht worden ist, dann war das im Wesentlichen damit verbunden, dass man alte Schulden praktisch damit abgedeckt hat, also nicht das Geld in neue Investitionen für das Unternehmen gesteckt hat, sondern damit einfach nur die Eigenkapital-Fremdkapital-Relation verändert hat. Da muss man also mal hinterfragen, was passiert eigentlich? Und ich glaube, mit so einem Investment passiert relativ wenig.

Ammach: Frau Dr. Rüppel, sie haben bereits die evangelischen Positionen zur Rüstungsindustrie zusammengefasst als recht ambivalent und auch dynamisch. Sehen Sie das denn auch in der breiteren Gesellschaft?

Dr. Rüppel: Tatsächlich würde ich erstmal zustimmen, dass Rüstungsinvestitionen lange Zeit betrachtet wurden als sogenannte Sin Stocks, also sündhaften Aktienanlagen. Klassischerweise werden dazu gezählt:

Tabak, Alkohol, Spielsucht, aber eben häufig auch Waffen.

Tatsächlich ist dieses Label also nicht nur recht intuitiv, sondern auch in der Finanzindustrie stark verankert gewesen und für die allermeisten Herausgeber, vor allem von nachhaltigen oder ethisch wertorientierten Fonds, als Angebot absolut indiskutabel.

Dann ist aber die spannende Entwicklung aus finanzethischer Perspektive, dass die öffentlichen Diskurse in Deutschland sich verschoben haben – hin zu einer positiven ethischen Wertschätzung der Relevanz von Rüstung, von Verteidigung. Dadurch hat sich tatsächlich auch die ethische Bewertung von Rüstungsaktien verschoben.

Ammach: Wie sehen Sie dann das Verhältnis von öffentlicher Meinung, ökonomischer und finanzethischer Einschätzung? Ist das sozusagen einfach “demokratisch”?

Dr. Gabriel: Also, man kann schon sagen, dass in der jüngeren Vergangenheit, speziell seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine, sich die öffentliche Meinung gedreht hat im Bereich der angesprochenen Rüstungsthemen. Es gibt inzwischen tatsächlich eine größere Bereitschaft bei Investoren, auch in Rüstungsunternehmen zu investieren.

Das war früher gar nicht angesagt, und auch nicht ökonomisch interessant.

Und das muss man dazu sagen: Es ist erst jetzt wieder interessant geworden, mit dieser neuen geopolitischen Situation, in der einige Rüstungsunternehmen einfach massive Gewinne gemacht haben. … Da werden inzwischen sehr viele Argumente vorgeschoben, was alles notwendig ist. Aber wenn man denen auf den Kern geht, dann kommt man doch letztlich darauf zurück, dass es den Leuten sehr stark um die Renditen geht, die hier möglich sind.

Ammach: Aber kann so eine “Ertragsmentalität” denn der Gesellschaft gut tun?

Dr. Gabriel: Darin, glaube ich, besteht ein ethisches Problem, denn natürlich macht das was mit uns. Wir bleiben ja nicht unberührt davon, wenn wir in Rüstungsunternehmen investiert sind, sondern wir wissen zumindest unbewusst, dass es Rüstungsunternehmen dann gut geht, wenn sie möglichst viel Nachfrage haben nach ihren Produkten und Dienstleistungen: wenn eben viel Krieg oder Gewalttätigkeit in der Welt existiert.

Wenn es dem Frieden schlecht geht, geht es der Rüstung gut.

… Und die potenzielle Folge davon ist, dass wir dann auch unbewusst politische Situationen unterstützen, die eskalieren und die nicht deeskalieren. Das heißt, man könnte zum Beispiel auch eher Politiker und Politikerinnen unterstützen, die sogenannte “Falken” sind statt “Tauben”, weil man weiß, wenn die “Falken” an der Macht sind, dann kracht es irgendwo auf der Welt – hoffentlich weit weg natürlich. Aber wenn es kracht, dann steigert das die Nachfrage von unseren Aktieninvestments und Titeln, die wir im Portfolio haben und das führt zu höheren Dividenden und Kursgewinnen. Und das ist ein indirekter Trigger, würde ich sagen, der uns unterbewusst ein Stück weit steuert und eine Gesellschaft auch verändern kann. Das muss uns auch ethisch bewusst sein.

Dr. Rüppel: Ich glaube tatsächlich auch, dass die ökonomische Relevanz von Rüstungsaktien viel geringer war vor dem Rüstungsboom. Die Frage nach der Moral stellt sich jetzt aber nicht erst mit dem ökonomischen Erfolg des Sektors – da würde ich widersprechen – sondern mit der Frage: “Ist es für uns moralisch geboten, unser Geld in dieser Form in Rüstung zu investieren und damit unsere Verteidigung zu unterstützen?” Ich glaube also, dass dieser Diskurs in der öffentlichen Wahrnehmung sehr stark an die Frage der Nachhaltigkeit von Rüstungsaktien gebunden ist. … Und an diesen Diskurs dockt die evangelische Kirche stark an, weil für sie das Ausschlusskriterium tatsächlich die Nicht-Nachhaltigkeit von Rüstungsaktien ist: … Rüstung ist notwendig, aber nicht nachhaltig. Und deswegen können wir sie nicht als kirchliche Institutionen in unsere Portfolios aufnehmen.

Ammach: Was würden Sie sagen, ist dabei für Nicht-Nachhaltigkeit ausschlaggebend. Den positiven Aspekt der Selbstverteidigung eines Landes haben Sie ja bereits selbst genannt.

Dr. Rüppel: Ich würde sagen, dass jedenfalls die Konzeptionen der UN, die Nachhaltigkeitsziele, die Idee von Frieden, nicht übereinstimmt mit der Idee von Rüstungsinvestitionen, einfach aufgrund dessen, was diese Konzerne noch mit den Waffen tun. Selbst wenn man sich also zum Beispiel beschränken würde auf Unternehmen, die im NATO-Gebiet aktiv sind, ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Waffen auch an Parteien außerhalb des NATO-Gebiets weitergegeben würden und so weiter. …

Ansonsten ist natürlich ein starkes Argument der kirchlichen Diskurse auch noch, dass immer wenn man investiert – auch wenn Kirchen investieren – dann mit dem Ziel, Gewinn zu erwirtschaften. Und dabei ist die Frage:

An welchem Gewinn möchte man partizipieren?

Und an dem Gewinn von Rüstungsaktien zu partizipieren, schließen kirchliche Investor:innen aus. … Da gibt sehr viele andere Möglichkeiten, mit größerer Sicherheit diesen Nachhaltigkeitszielen zu dienen, wenn man diese ethischen Investitionskriterien überhaupt wertschätzt.

Ammach: Was wären das denn zum Beispiel solche Ein- oder Ausschlusskriterien, Herr Dr. Gabriel, und wie erfolgreich schätzen Sie die ein?

Dr. Gabriel: Es gibt schon so ganz allgemeine Standards oder auch Orientierungshilfen, wie zum Beispiel, dass man differenziert zwischen normalen Waffen, die die Polizei braucht, also Handfeuerwaffen zum Beispiel, oder auch Rüstungsgütern konventioneller Art einerseits, und geächteten Waffen, zum Beispiel sogenannte ABC-Waffen – atomare, biologische oder chemische Kampfstoffe – andererseits. … Aber man muss sich auch der aktuellen Realität der Kriegsführung bewusst werden, dass also diese klassischen Waffensysteme längst nicht mehr ausreichen, um den Zustand auf den Schlachtfeldern zu beschreiben.

Denn zunehmend hat hier auch künstliche Intelligenz einen wesentlichen Beitrag. Und wenn Sie sich die aktuellen Kriege anschauen, das sind größtenteils Drohnenkriege. Die werden teilweise über Satellitensteuerungen oder Satellitenaufklärung eingesetzt. Also kommt dann dieser ganze digitale Bereich auch nochmal hinzu, der in das Gebiet Rüstung fällt. Und da tut man sich dann schon schwer zu unterscheiden: welche Art von IT-Dienstleistung oder IT-Software oder Hardware ist noch ethisch vertretbar oder nicht? Denn die können Sie natürlich für den zivilen Bereich genauso verwenden, … wie auf dem Schlachtfeld. Man kann es sogar runterbrechen auf einfache Schrauben:

“Eine Schraube kann einen Tisch zusammenhalten oder einen Panzer.

Was ist dann ein Rüstungsgut und was ist noch kein Rüstungsgut? Da gibt es also leider … keine einheitliche Definition. Das muss jeder Investor, jede Investorin für sich selbst entscheiden.

Ammach: Wir kommen also darauf zurück: Es ist eine subjektive Erwägung, wie man persönlich investieren möchte. Aber was wäre für Sie beide als Finanzethiker:innen jetzt die Schlussfolgerung? Rüstungsaktien ja oder nein?

Dr. Rüppel: In der Ethik gibt es selten einfache Auflösungen, aber ich glaube, das ist auch wertvoll daran, weil es so dazu kommt, dass man diese Diskurse überhaupt führt: Das ist der größte Anspruch, den kirchliche Positionspapiere leisten können. Entscheidend ist, dass man sich klar macht, welche Ziele man mit seiner Geldanlage verfolgen will. … Und es ist auch in der Auseinandersetzung mit Rüstungsfragen sehr zielführend, sich zu überlegen, welche Wirkung man denn tatsächlich mit einem derartigen Investment erzielen kann. Ich glaube, das ist tatsächlich sehr schwierig bei der Rüstungsindustrie.

Dr. Gabriel: Also ich selbst würde nicht in Rüstungstitel investieren, weil ich nicht bereit bin, jeden Gewinn um jeden Preis zu vereinnahmen. Ich würde davor zurückschrecken, und ich würde mich auch nicht wohlfühlen dabei, Geld zu verdienen auf dem Rücken der Tatsache, dass da Menschen sterben oder dass da Gewalt eskaliert. Ja, … es ist notwendig, dass wir Waffen haben, dass es Rüstungsgüter gibt – in der Ethik spricht man hier von einem notwendigen Übel. Aber das heißt nicht, dass man davon auch profitieren sollte.

Also ich persönlich schlafe besser, wenn ich keine Rüstungstitel im Portfolio habe.